Die Verbandsratssitzung des Deutschen Alpenvereins (DAV) am vergangenen Samstag endete mit einem Eklat: Prof. Dr. Heinz Röhle trat für viele völlig überraschend von seinem Amt als DAV-Präsident zurück. Mit ALPIN sprach Röhle über die Gründe für diesen Schritt...

Überraschte viele mit seinem Rücktritt: Ex-DAV-Präsident Prof. Dr. Heinz Röhle.

Bis Samstag, 03. Juli, stand Prof. Dr. Heinz Röhle als Präsident des größten Bergsteigervereins der Welt in der Verantwortung. Wichtige Entscheidungen, wie die Zustimmung des DAV zur Winterolympiade in München stehen an. Röhle hätte hier ein gewichtiges Wort mitzureden gehabt. Schon im Frühjahr kam es zum Schwur: Der DAV, so die Ankündigung Röhles werde die Bewerbung nur dann weiter unterstützen, wenn die Spiele umweltschonend ausgerichtet seien und sogar über die Veranstaltung hinaus ein "ökologischer Mehrwert" für die Region erreicht werden könne. Ein Rückzug des DAV aus der Olympia-Bewerbung würde die Kampagne für Müchen 2018 durchaus treffen. (Siehe ALPIN, 03/2010).

Versucht Röhles Rücktritt zu erklären: DAV-Hauptgeschäftsführer Thomas Urban. Bild: DAV.

Hierarchischer Führungsstil Röhles?

Glaubt man dem Rundschreiben des Interims-Präsidenten und bisherigen Röhle-Vizes Ludwig Wucherpfennig sowie des Hauptgeschäftsführers Thomas Urban waren die Gründe für Röhles Rücktritt hausgemacht. In einer ersten Stellungnahme gegenüber der Presse erwähnte Hauptgeschäftsführer Thomas Urban den "hierarchischen Führungsstil" Röhles, der von seinen bergsteigenden, kletternden und umweltaktiven Freunden "Mimo" (für Mini-Mozart) genannt wird. Auch habe es "Konflikte in der Entwicklung wesentlicher inhaltlicher Zielsetzungen" gegeben. Dass "Mimo" Röhle vor versammelter Führungsspitze des DAV nun den Köhler gab, deuten manche als mimosenhafte Reaktion eines gekränkten Rechthabers. Was meinen Sie zum Rücktritt Röhles? Äußern Sie sich im Forum! Röhle sagt dagegen im persönlichen Gespräch mit ALPIN: "Ich weiß, dass ich dominant bin, aber ich bin auch ein überzeugter Basis-Demokrat!" Dass sein Rücktritt zeitlich nah an den Rückzügen der Politiker Koch und Köhler stattfand "kann ich auch nicht ändern", aber "wenn mir am Freitag gesagt wird, dass mir mehrheitlich das Vertrauen entzogen wird, dann war mein Rücktritt am Samstag nicht, wie geschrieben steht, eine ,typische Röhle-Reaktion', sondern eine logische Konsequenz. Das war sehr überlegt. Außerdem, mich interessieren Inhalte, nicht Ämter!" Und fügt hinzu: "Ich habe selbstverständlich immer auch Beschlüsse nach Außen vertreten, bei denen ich überstimmt worden bin."

Sieht sich als Basis-Demokrat: Prof. Dr. Heinz Röhle, hier mit Alexander Huber. Bild: dav.

Röhle vermutet zwei mögliche Hauptgründe, die hinter dem schon länger schwelenden Brand im DAV stecken könnten: Zum einen ein Machtkampf zwischen hauptamtlicher Geschäftsführung und gewähltem Präsidium, und zum anderen inhaltliche Fragen. Röhle hat auf Pressekonferenzen und Veranstaltungen immer betont, dass der DAV sowohl ein Sportverein als auch ein Umweltschutzverein sei. Auch bei Mitgliederbefragungen sei untermauert worden, dass der DAV in vorderster Reihe stehen soll, wenn es um umweltpolitische Fragen in den Bergen geht. Dazu gehören beispielsweise auch die Haltung des DAV zu fragwürdigen Innovationen in den Alpen, wie Flying Foxs, zum Ausbau der Ski-Arenen, möglichen Verletzungen von Ruhezonen in den Alpen. Der Umweltschutz-Auftrag des DAV sollte sich Röhles Auffassung nach nicht in leeren Worthülsen, sondern in konkretem Handeln zeigen.

Ein "Showdown" lag in der Luft

In der Erklärung des DAV wird dagegen ausdrücklich betont, dass es bei der fraglichen Diskussion nicht um Inhalte ging. Auch in Zukunft werde es keine "Kurskorrekturen" beim DAV geben. Im gleichen Rundschreiben dankt der DAV Röhle für sein Wirken, besonders wird seine Arbeit im Gebiet Raumordnung und Naturschutz gewürdigt. Was meinen Sie zum Rücktritt Röhles? Äußern Sie sich im Forum! Allerdings wird das Engagement des DAV, sich als Sportverein zu etablieren, von manchen Mitgliedern kritisch gesehen, wie etwa der jahrelange Versuch, Wettkampfklettern als olympische Disziplin durchzusetzen. Eine weitere Diskussion, die seit Jahren geführt wird: Ist der DAV ein Gesinnungsverein mit Moral und Ethik, oder ein Service-Unternehmen wie der ADAC? Pragmatisch wird seit Jahren versucht, daraus keinen Widerspruch zu formen, sondern den Spagat zwischen Verein und mittelständischem Unternehmen (mit dem großen Trekking-Veranstalter DAV Summit Club, mit den Einnahmen aus den Kletterhallen, etc.) nach beiden Seiten zufrieden stellend hinzukriegen. Eine Diskussion - das ist ja per se gar nichts Schlechtes.

Dennoch war lange vor der Versammlung immer mal wieder zu hören und zu spüren, dass ein "Showdown" in der Luft lag. Thomas Urban wurde in Münchner Zeitungen so zitiert: "Es wurde intensiv diskutiert, wer im Verband das Sagen hat". Und - die Stimmung der Mehrheit (im Verbandsrat, d. Red.) sei klar gegen Röhle gewesen. Ein demokratischer Vorgang? Solche Rücktritte muten erst einmal nach Resignation, Amtsmüdigkeit oder Trotzreaktion an. Zumal Röhle mit seinem Amt auch die Mitgliedschaft im DAV niederlegte. Er ist ab sofort einfaches Mitglied bei der AVS-Sektion Meran.

Röhle als Olympia-Opfer?

Es bleiben aber Zweifel und Befürchtungen, auch oder grade, weil der Rücktritt offensichtlich geradezu herbeigeführt wurde. Im Alpenverein gibt es laute Stimmen, die das Olympia-Engagement des DAV stört. Auf einer Pressekonferenz im Frühjahr hatte Prof. Dr. Heinz Röhle eindeutig klargestellt, dass er die Zustimmung zur Bewerbung Münchens (und anderer Alpengemeinden) von klaren und unverzichtbaren Bedingungen abhängig macht.

Innerhalb des DAV umstritten: Die Haltung zur Olympia-Bewerbung Münchens (hier im Bild OB Christian Ude). Bild: dpa.

Olympische Spiele, was für eine Nummer! Zu groß für den DAV? Zu viel Macht hinter den Kulissen? Da geht es nicht um Millionen, da geht es um größere Summen. Und eine Bewerbung, die von einem "No" des größten Bergsteigervereins aus umweltkritischen Gründen medial begleitet würde, macht sich bei der Vergabe schlecht, stärkt die Konkurrenz. Es geht um sehr viel Geld und vermutlich hat sich der Alpenverein noch nie so weit aus dem Fenster gehängt. Röhle als Olympia-Opfer? Ein Naturschützer: "Vielleicht war Röhle ein Mahner und wenn er jetzt wegfällt, wird sich die Haltung des DAV pro Olympia vielleicht ändern. Hoffentlich nicht!"

Man kann spekulieren, mehr nicht. In Bayern sind Amigo-Machtkämpfe nichts Neues. Aber - wie man in Bayern eben sagt: Was G'wiss woas ma ned. Jedenfalls lässt der DAV nicht erkennen, dass er in dieser Frage einknicken will oder wird.

Interimspräsident des DAV: Ludwig Wucherpfennig.

Röhles Nachfolge wird der bisherige Vizepräsident Ludwig Wucherpfennig antreten, allerdings wird der 70-Jährige bei der Bundesversammlung im Oktober nicht mehr kandidieren, der DAV braucht einen neuen Kopf. Und der Bewerber wird sich fragen lassen müssen: Wird er ebenso klare Positionen wie Röhle mitbringen?

In der Süddeutschen Zeitung wurde bereits Röhles Vorgänger, Josef Klenner, ins Spiel gebracht. Der DAV, der nicht nur wegen Olympia, der auch wegen der touristischen Erschließung der Alpen, wegen der wichtigen Lenkungsaufgaben, ein einheitliches Auftreten braucht, hat jetzt wieder einmal eine Führungs-Diskussion. Zu einer Zeit, in der die Berge im Fokus touristischer Planung stehen, die Berge mehr denn je als Rückzugs-Heimat für Urlauber dienen, in denen die Berge vom Klimawandel bedroht sind, gefährlicher werden. Es geht um einen Job, der viel Engagement gepaart mit möglichst wenig Wichtigtuerei verlangt. Und der finanziell absolut uninteressant ist. Und - Liebe zu den Bergen, zum Bergsteigen, dafür sollte auch noch Raum sein. Was meinen Sie zum Rücktritt Röhles? Äußern Sie sich im Forum! Text: Clemens Kratzer

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