ALPIN Kontrovers

Streit im Olymp: Toleranzen bei 8.000er Besteigungen - ja oder nein?

Es kriselt in der Szene der Höhenbergsteiger. Vor allem in der Generation derer, die ihre Höchstleistungen noch ohne GPS-Gerät und Drohnenbilder erbracht haben. Denn eine Gruppe von Chronisten um Eberhard Jurgalski veröffentlichte im Juli das Ergebnis ihrer zehnjährigen Recherche – ein Meilenstein im Spitzenalpinismus?

Der K2
© IMAGO / Panthermedia

Zweifel an 8.000er-Besteigungen

Der Lörracher Eberhard Jurgalski sammelt seit 1982 akribisch die Daten zu allen 8000er- Expeditionen, vergleicht sie und veröffentlicht die Fakten auf der Website 8000ers.com. Ende Juli publizierte er das Ergebnis einer zehnjährigen Team- Recherche zu den Besteigungen aller 14 höchsten Gipfel der Erde: Bislang hatten 54 Menschen diese Leistung für sich beansprucht. Den Chronist:innen zufolge sei dies aber nachweislich nur drei Menschen gelungen: Ed Viesturs (USA), Veikaa Gustafsson (FIN) und Nirmal "Nims" Purja (NPL).

Was folgte, war ein Aufschrei in der Szene. Schließlich waren Größen wie Reinhold Messner betroffen, der weltweit als erster Mensch auf allen 14 Achttausendern galt, ebenso Jerzy Kukuczka oder Krzysztof Wielicki. Wie die beiden zuletzt genannten könne Messner nur 13 Besteigungen vorweisen, so das Recherche-Team.

Bekannte Bergsteiger betroffen

Stefan Nestler schreibt auf seiner Website abenteuer-berg.de: "Nach den Recherchen von Jurgalski und Co. hatten Messner und sein Südtiroler Teamgefährte Hans Kammerlander 1985 an der Annapurna an einer Stelle des Gipfelgrats umgedreht, die fünf Meter niedriger und 65 Meter vom höchsten Punkt entfernt lag." Ebenfalls unter den Recherche- "Opfern" sind Oh-Eun Sun, die bislang als erste Frau auf allen 14 Achttausendern galt (ihr fehlen laut Jurgalski der Kangchendzönga, Manaslu und Dhaulagiri), Edurne Pasaban oder Gerlinde Kaltenbrunner (ihnen fehlen jeweils Manaslu und Dhaulagiri).

Betroffen ist auch der erfolgreichste deutsche Höhenbergsteiger Ralf Dujmovits, der den Chronisten zufolge am Manaslu nur einen Vorgipfel erreichte. Problematisch sind vor allem die unübersichtlichen Gipfelzonen von Manaslu und Dhaulagiri, weshalb Dujmovits den Vorschlag von Jurgalskis Team von 2019 aufgriff und plädierte, Toleranzzonen an diesen Gipfeln einzurichten. Wer sie bis 2019 erreicht hat, solle als Besteiger:in anerkannt werden. Doch ihren damaligen Vorschlag lehnen die Chronisten mittlerweile ab: „Nicht realisierbar.“ Weil zu schwer zu definieren.

Stein des Anstoßes: Die 14 Achttausender der Erde:

Ralf Dujmovits fehlt das Verständnis

Dujmovits fehlt das Verständnis für dieses Vorgehen. "Wenn du einem Erhard Loretan posthum (…) oder Krzysztof Wielicki ihre 14 Achttausender aberkennen möchtest, bist du auf dem Holzweg! Das macht weder Sinn, noch wird das die Mehrheit der Höhenbergsteiger anerkennen", so Dujmovits auf abenteuer-berg.de. Schließlich dürfe es den meisten ähnlich wie ihm ergangen sein und bei ihren Irrtümern "keine böse Absicht" dahintergestanden haben. Zwischen den Zeilen schwinge mit, dass die Leute bei Gipfelmeldungen geschwindelt hätten, sagte Dujmovits der Deutschen Presse Agentur (dpa). Auch deshalb lehne er die Neuordnung ab.

Jurgalski selbst erklärte bei der dpa, es tue ihm auch in der Seele weh. „Darunter sind lauter Helden, die ich seit Jahrzehnten bewundere“, so der 69-Jährige. Er sieht ihre Leistung auch in keiner Weise geschmälert. Dass nun Namen ganz oben stünden, die alpinistisch Messner und Co. nicht das Wasser reichen könnten, störe Jurgalski selbst, weshalb er darüber nachdenke, eine Punkteliste mit weiteren Kriterien zu entwickeln. Man darf gespannt sein.

Leistungen mit Toleranzgrenzen anerkennen - oder nicht? Eure Meinung zählt!

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Alle abgehakt oder doch nicht? Die 14 Achttausender-Besteigungen von Reinhold Messner:

57 Kommentare

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Martin auf Facebook

Ich habe selbst noch nie einen Achttausender bestiegen, werde das wohl auch nie tun (auf einem schönen Dreitausender war ich aber schon mal), und nehme mir deshalb nicht heraus, über Andere, denen so ein Kunststück des Menschenmachbaren mehrfach gelungen ist, vom Frühstückstisch aus bei einer Tasse Kaffe zu urteilen. Wer's selbst besser gemacht hat, kann auch kritisieren.

Simon auf Facebook

Toleranzgrenzen gibts erst wenn Reinhold Messner anfängt, andere Sportarten als ebenfalls wertvoll zu tolerieren. Also nie.

Andreas auf Facebook

Und ich dachte immer das die schöne Natur und die Sicht in die Ferne der Grund fürs Bergsteigen ist. Es geht also nur ums Ego ? Dann bleibt doch lieber unten.

Jochen auf Facebook

Toleranzen einführen ist Quatsch. Gipfel ist Gipfel und nicht „ungefähr der Gipfel“.
Aber nachträglich alles abzuerkennen halte ich auch für falsch, weil es sehr wahrscheinlich in den allermeisten Fällen nach bestem Wissen und Gewissen in der jeweiligen Situation „der Gipfel“ war.
Mit den heutigen Mitteln der Technik gelingt eine Einschätzung zuhause am Sofa besser als vor 40 Jahren bei Eiseskälte und Sturm auf über 8000m.

Martin auf Facebook

Ich habe selbst noch nie einen Achttausender bestiegen, werde das wohl auch nie tun (auf einem schönen Dreitausender war ich aber schon mal), und nehme mir deshalb nicht heraus, über Andere, denen so ein Kunststück des Menschenmachbaren mehrfach gelungen ist, vom Frühstückstisch aus bei einer Tasse Kaffe zu urteilen. Wer's selbst besser gemacht hat, kann auch kritisieren.

Sven auf Facebook

Egal ob 3000er, 5000er oder 8000er... Gipfel ist, wenn man ganz oben steht und nicht 50 oder 200 Meter darunter!

Markus auf Facebook

Ganz klar Jein!

Hansjörg auf Facebook

Nein, da denke ich gleich an die Lügen und den Streit zur ersten Erreichung des Nordpols. Übrigens da waren die 8000er dagegen ein Kindergeburtstag.

Marek auf Facebook

Hierbei geht es um die Leistung ü8000 Metern, und dort ist jeder Meter ein Kampf und eine Qual, 50 Meter mehr oder weniger machen absolut den Unterschied in dieser Klasse. Ganz besonders wenn es halt sogar teilweise 50-200 Höhenmeter oder ähnliches waren die dann entscheiden...!
Mit dem Ruf nach Toleranzgrenzen könnte man auch Olympia abschaffen, da geht es nämlich genauso um winzige siegbringende Unterschiede.
Daher verstehe ich aus genannten Gründen die Diskussion gar nicht??

Benjamin auf Facebook

Puh, das ist jetzt aber harter Tobak.
Aus persönlicher Sicht soll es erst zählen wenn man wirklich auf dem Gipfel steht.
Aber aus anderer Sicht, kann man das erst wirklich beurteilen wenn man in dieser Höhenklasse mitspielt, weil so etwas zu leisten ist scho Wahnsinn und da kommt es dann auf ein paar Meter hin oder her nicht drauf an.

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