
"Herrgott, lass mich vollends da hinaufgelangen. Gib mir die Kraft am Leben zu bleiben. Lass mich hier oben nicht verderben. Ich kroch auf Ellbogen und Knien weiter und betete ununterbrochen wie nie zuvor in meinem Leben.
Es war wie eine Zwiesprache mit einem höheren Wesen. Und wieder sah ich mich weiterkriechen, unter mir, neben mir, höher und höher. Es schob mich in die Höhe. Dann stand ich mit einem Mal auf meinen Füßen. Ich stand auf dem Gipfel.
Es war 13.15 Uhr am 08. Mai 1978."
So beschreibt Peter Habeler in seinem lesenswerten Buch "Everest - Der einsame Sieg" die letzten Minuten vor der Erstbesteigung des Everests ohne Zuhilfenahme künstlichen Sauerstoffs vor 30 Jahren. Pathetisch und doch authentisch.
Es ist 13.15 Uhr am 08. Mai 2008.
Zusamen mit Peter Habeler sitzen wir in Lobouche im Essenszelt inmitten unserer kleinen Zeltstadt. Wenige Kilometer nur trennen uns von der Gipfelpyramide des Everests. Trotz eines kleinen Umtrunks mag keine nostalgisch-feierliche Stimmung aufkommen. Peter wirkt ein wenig abwesend und unnahbar.
Was ihn wohl innerlich beschäftigt?
Vielleicht wäre er nun doch lieber, wie alle anderen noch Lebenden der legendären 1978er Expedition, bei Oswald "Bulle" Oelz in Zürich, um in feierlichem Rahmen auf die guten, alten Zeiten anzustoßen? Vielleicht würde er gerne mit Expeditionsleiter Wolfgang Nairz über die damalige Taktik fachsimpeln? Vielleicht täte es gut, mit seinem kongenialen Partner Reinhold Messner die Minuten auf dem Gipfel Revue passieren zu lassen?
"Und dann war Reinhold da (...). Wir fielen uns um den Hals, schluchzten und stammelten und konnten uns nicht mehr beruhigen. Die Tränen flossen mir unter dem Bart hervor, gefroren auf meinen Wangen in meinem Bart. Wir umarmten uns wieder und wieder, drückten uns, traten auf Armeslänge zurück und fielen uns abermals um den Hals, lachend und weinend zugleich. Wir waren erlöst und befreit. Befreit von dem unmenschlichen Zwang weiterzuklettern." (Peter Habeler: "Everest - Der einsame Sieg", S. 175)
Große Emotionen, die hier in Loboche, einem ausgesprochen hässlichen, verwahrlosten Ort auf dem Weg zum Everest-Basecamp in diesen Stunden seltsam fern liegen. Es ist kalt und es schneit ein wenig. Ein ausgehungertes Pferd stolpert durch die einzige Straße des Dorfes. Ein Hund kläfft heiser.
Gegen 15:00 Uhr ruft mich Peter, ich möge doch mit ihm in eine Lodge ein paar Gehminuten oberhalb unseres Zeltplatzes gehen. Drei symphatische junge Frauen aus Deutschland, die wir schon ein paar Mal unterwegs getroffen haben, sind dort einquartiert. Und eine davon hat just an diesem Tage ihren 33. Geburtstag. Peter will es sich nicht nehmen lassen, persönlich zu gratulieren.
Um 22:00 Uhr wanken wir leicht beschwipst aus der Lodge. Der Wirt freut sich über eine verdammt hohe Rechnung. Viele Stunden haben wir zusammen gesessen und gefeiert. Das hier und jetzt. Die Zukunft. Die Vergangenheit. Das Leben.
"Man muss die Feste feiern, wie sie fallen", sagt Peter und klopft mir lächelnd auf die Schultern. Recht hat er, denke ich mir, und falle in mein kaltes Zelt.
Text: Holger Rupprecht
Alle Artikel des Online-Tagebuchs der Everest-Exkursion bis zu diesem Tag:
- Trekkingtour zum höchsten Berg der Welt
- Schießbefehl im Basecamp
- Morgen geht's los
- Verheißungsvoller Auftakt
- Altitude Kills
- Ich grüße den Gott in Dir
- ALPIN-Leser erreichen Gokyo Peak (5360 m)
- Reisegruppe meistert schwierige Etappe
- Slowly, slowly, slowly
- Übernachten auf der Höhe des Mont Blanc
- Gipfelsturm auf den Gokyo Peak
- Drei-Gänge-Menü aus dem Nichts

Weitere Informationen:
- Downolad der Ausrüstungscheckliste
- Interview mit Wolfgang Nairz (Expeditionsleiter 1978): "Wir waren Pioniere"
- Interview mit Peter Habeler: Der Berg war halt immer vordringlich...
- 30 Jahre Everest unmasked: Reportage aus ALPIN 05/08
- Das ausführliche ALPIN-Interview mit Peter Habeler
- www.hauser-exkursionen.de
Seit 1990 unterstützt Hauser aktiv die Sir Edmund Hillary Stiftung Deutschland durch großzügige Spenden für Infrastruktur-Projekte in Nepal. www.sir-edmund-hillary-stiftung-deutschland-ev.de
Der Nepalhilfe Beilngries kann auf 15 Jahre soziales Engagement im Königreich Nepal zurückblicken. Sie unterstützt Projekte, die Hilfe zur Selbsthilfe geben sollen: www.nepalhilfe.org


