Wir wollten von euch wissen, ob es beim Bergsport eine moralische Mitverantwortung für andere gibt. Hier findet ihr sämtliche User-Kommentare zu unserem Kontrovers-Thema.

Rabea und Basti sind fit. Man sieht bei jedem Schritt, dass sie sich im Gebirge wohlfühlen und sie sich dort sicher bewegen können. Weil sie schon viel unterwegs waren in Fels, Eis und Firn. Steil, ausgesetzt, gefährlich, wild. Heute und hier am Gipfel der Hochplatte bei der Produktion unserer Titelstory (für die August-Ausgabe von ALPIN; Anm. der Red.) stoßen sie sicher nicht an die Grenze ihrer alpinistischen Fertigkeiten. Und auch nicht an ihre mentale. Genau deshalb haben wir sie ja auch ausgesucht

Kontrovers-Aufmacherseite aus ALPIN 08/2020. 

| © ALPIN

Denn nur wer genug "Luft nach oben" hat, kann sich beim Fotografieren auf andere Dinge konzentrieren. Oder privat eben beim Wandern und Bergsteigen die Natur genießen. Sonst wird es vielleicht problematisch.

Wie bei dem ungleichen Paar, das kurz nach uns am Gipfel ankommt, und über den Grat zumFensterl weitergehen möchte. So jedenfalls derPlan der erfahreneren Bergsteigerin: "Schau, dahinten geht es weiter", sagt sie betont lässig. Dass ihre Begleiterin bereits mit den letzten Metern sichtlich überfordert war, ist ihr nicht aufgefallen oder sie ignoriert es.

Die Jüngere jedenfalls krabbelt mehr, als sie geht, und vermeidet den Blick in die Tiefe, wo sie kann. Weiter unten, an der Abzweigung, ist der Weg zur Hochplatte als schwer gekennzeichnet. Der Übergang zum Fensterl mit "Alpine Gefahr!"…

Die schnelle Atmung und das fahrige Jammern als Antwort der Ankommen den nehmen rund zehn andere Bergsteiger am Gipfel zur Kenntnis. 

Dennoch sagt niemand etwas, als die Erfahrenere den Weiterweg beschreibt und versucht, die Überforderte zu motivieren: "Das schaffst du locker." "Niemals", denke ich, während Rabea und Basti gen Fensterl losgehen.

Das Wetter ist instabil, von Westen droht Gewitter. Der Abstieg vom Fensterl nach Norden verläuft teils noch auf Schnee. Davor warten einige ausgesetzte und manch’ drahtseilversicherte Passage. Wer beim leichten Aufstieg zum Gipfel schon Probleme hatte, wird dort drüben wohl massive Schwierigkeiten bekommen. Wetter und Cosorgen dann für den Rest. Die perfekten Zutaten für eine Katastrophe!

Meine Ausbildung als Sportlehrer meldet sich drängend zu Wort: Gefahr im Verzug! Ich drehe mich um und sage ruhig und freundlich: "Ich glaube, eure Überschreitung ist besser hier zu Ende. Deine Begleitung hatte ja jetzt schon zu kämpfen. Ich würde vorschlagen, ihr geht besser den gleichen Weg wieder zurück. Denn ab hier wird es anspruchsvoller und ausgesetzter."

© Imago / Chromorange

Sie dankt mir recht freundlich und blickt sorgenvoll auf ihre junge Begleiterin. Die atmet massiv erleichtert auf. Und an dieser Reaktion sieht die Ältere, dass mein Vorschlag wohl der richtige ist. Ich drehe mich um und sehe nur noch, wie einige andere Brotzeitler, die die Konversation mitgehört haben, zustimmend nicken. Gesagt hat außer mir, der ich viel weiter weg stand, niemand etwas. Doch das wäre aus meiner Sicht ihre moralische Pflicht gewesen

Die gesammelten Stimmen unserer User findet ihr in den Kommentaren, das Ergebnis unserer Kontrovers-Umfrage präsentieren wir euch hier.

29 Kommentare

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Erich Kriegler

@Marco "Die Eigenschaft des gegenseitigen Beschützens/ der gegenseitig Unterstützung ist die Basis des Erfolgsmodels Mensch und da in Europa das Thema Überbevölkerung keine Bedrohung ist, kann man das auch getrost so weiter führen." Also wenn jetzt in Europa Überbevölkerung eine Bedrohung wäre, kann man - quasi aus Notwehr - bei der Seilschaft nebenan auch mal das Seil durchschneiden? Oder wie habe ich das jetzt zu verstehen?

Thomas

Jemandem zu helfen der sich - vielleicht unwissentlich - in Gefahr begibt ist für mich eigentlich ein Grundsatz und hat nichts mit Besserwisserei zu tun. Sollte eigentlich für alle Lebensbereiche gelten.

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Gutgemeinte Ratschläge kommen nicht immer gut an. Trotzdem warne ich die Berggeher immer wieder, wenn Unwetterfronten angekündigt sind.

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Kurzer Hinweis, aber keine Diskussionen. Alles andere liegt in der Eigenverantwortung.

Marco

In der Tat ist es nicht immer einfach Menschen auf Fehler hinzuweisen, je jünger desto einfach lassen sich diese auf einen Hinweis ein. (statistisch nicht signifikante Erfahrung) Nicht destotrotz sollte man in einem "nicht"-mahnenden Tonfall versuchen auf Fehler hinzuweisen. Die Eigenschaft des gegenseitigen Beschützens/ der gegenseitig Unterstützung ist die Basis des Erfolgsmodels Mensch und da in Europa das Thema Überbevölkerung keine Bedrohung ist, kann man das auch getrost so weiter führen. Im Umkehrschluss sollte man im übrigen, unabhängig vom Erfahrungsgrad über Hinweise, auch unerfahrenerer Personen, dankbar sein und diese nicht flapsig abtun. Vielleicht hat man ja doch das einmal vergessen sauber zurückzufädeln…

Michael

Spätestens wenn das Verhalten des anderen Risiken birgt und gefährlich werden kann frage ich immer ob ich einen Tipp geben kann oder weise direkt höflich auf die Situation hin. Wie es angenommen wird ist dann natürlich deren Sache. Beim Klettern und Bouldern gehört die Kommunikation mit den anderen für mich ohnehin einfach dazu. Da fällt es leichter auf Fremde zuzugehen.

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Es sollte viel mehr Pflicht für jeden sein, bei Gefahr für andere, geschwächte oder zu unerfahrene ein ratendes Wort zu sagen. Freundlich aber doch ernsthaft. Oft kennen die Leute den Weg, den Abstieg nicht, seine Känge, Schwierigkeit oder haben grundsätzlich zu wenig ihre Tour geplant, oder schlechtr Ausrüstung mit, oder das Wetter droht sicch zu verschlechtern. Es sollte niemandem übelgenommen werden, wenn man besorgt einfach einen Rat abgibt eine einfachere Sache anzugehen.

morkele

Ich habe schon beide "Seiten" auf einer Tour erlebt. Bei einer Klettersteigbegehung hat mich ein Anderer auf eine (vermeintliche) falsche Sicherungstechnik hingewiesen. Ich habe mich (insgeheim) ganz schön geärgert über diese "Einmischung" aber dennoch möglichst freundlich geantwortet (ich hoffe das kam auch freundlich an....) Die selbe Personen konnte ich dann bei einer ausgesetzten Stelle mit einem mitgeführten Seil zusätzlich Sichern. So habe ich mein vorheriges Fehlverhalten bestmöglich kompensiert.

Camilla Kolibri auf unserer Facebook-Seite

Ganz klar: Es gibt eine moralische Mitverantwortung. Und jeder echte, menschlich gefestigte Bergsteiger wird sie wahr nehmen, auch wenn der Betroffene sich arrogant äußern sollte. Wichtig ist nur, dass Bedenken oder Ratschläge sachlich und auf Augenhöhe geäußert werden. Die letzte Entscheidung trifft allerdings in aller Regel der Betroffene selbst.

Patricia Grein auf unserer Facebook-Seite

Leider werden gutgemeinte Ratschläge gerne als Angriff in das eigene ( vermeintliche) Können gesehen .

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