Getrennt gestartet, gemeinsam am Gipfel

21. bis 24. Juli 1938: Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand

Eine deutsch-österreichische Seilschaft um Anderl Heckmair schrieb 1938 am Eiger (3967 m) Alpingeschichte.

Harrer, Voerg, Heckmair und Kasparek (von links) nach der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand 1938.
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Begeisterter Empfang nach Erstbesteigung der Eiger Nordwand

Kurz vor dem Ziel kam es beinahe noch zur Katastrophe! Als sich Anderl Heckmair, Ludwig Vörg, Heinrich Harrer und Fritz Kasparek am Nachmittag des 24. Juli über das obere Eisfeld Richtung Gipfel kämpften, herrschte dichter Nebel und Schneetreiben. Orientierungslos setzten sie ihren Aufstieg fort, um im letzten Moment zu merken, dass sie im Begriff waren, mit einer Wechte geradewegs die Südwand des Eiger hinabzustürzen.

<p>Erstmal eine Zigarette: Ludwig "Wiggerl" Vörg und Heinrich Harrer (v. l) bei ihrer Ankunft auf der Kleinen Scheidegg am Abend des 24. Juli 1938.</p>

Erstmal eine Zigarette: Ludwig "Wiggerl" Vörg und Heinrich Harrer (v. l) bei ihrer Ankunft auf der Kleinen Scheidegg am Abend des 24. Juli 1938.

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"Das wäre doch Pech gewesen: auf der Nordseite durchzukommen und über die Südseite abzustürzen, weil man den Gipfel übersehen hat", so Heckmair dazu später in seinem Buch "Eigernordwand, Grandes Jorasses und andere Abenteuer". Dazu kam es nicht, und so wurden die vier Alpinisten bei ihrer Ankunft auf der Kleinen Scheidegg von einer begeisterten Menschenmenge in Empfang genommen.

<p>Nix Energy-Gel: Heinrich Harrer verzehrt im Juli 1938 im "Schwalbennest" in der Eiger-Nordwand während der Erstbesteigung ein Butterbrot. </p>

Nix Energy-Gel: Heinrich Harrer verzehrt im Juli 1938 im "Schwalbennest" in der Eiger-Nordwand während der Erstbesteigung ein Butterbrot.

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Eiger-Nordwand: Bis 1938 alle Versuche gescheitert

Heckmair, Vörg, Harrer und Kasparek hatten das geschafft, was viele ihrer Zeitgenossen für unmöglich hielten: Die erste Durchsteigung der als "Mordwand" gefürchteten Nordflanke des Eiger. Alle Versuche, erstmals einen Weg durch das rund 1800 Meter hohe Labyrinth aus steilem Fels und Eis zu finden, waren zuvor gescheitert. 

Und die, die sich ernsthaft in die Wand gewagt hatten, blieben nahezu alle dort. Einzig die Seilschaft Rebitsch-Vörg war - ein Jahr vor der großen Sensation - nach einem Wetterumsturz lebend aus der "Mordwand" zurückgekehrt. 

<p>Ausrüstungsgegenstände der Erstbesteiger der Eiger-Nordwand, aufgenommen im Juli 1938 bei Grindelwald.</p>

Ausrüstungsgegenstände der Erstbesteiger der Eiger-Nordwand, aufgenommen im Juli 1938 bei Grindelwald.

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Diese sei "eine Besessenheit für geistig Gestörte fast aller Länder", urteilte das renommierte "Alpine Journal". 1936 erlies die Berner Landesregierung sogar ein kurzzeitiges Besteigungsverbot, um dem Wettrennen am Eiger, das bis dahin neun Menschenleben gefordert hatte, ein Ende zu bereiten - ohne Erfolg.

Erstbesteiger der Eiger-Nordwand: getrennt gestartet, gemeinsam am Gipfel

Bei den stärksten Alpinisten jener Zeit stand das "letzte ungelöste Problem der Alpen" nach wie vor hoch im Kurs. So auch bei den beiden Bayern Heckmair und Vörg und den Österreichern Kasparek und Harrer. Die beiden Seilschaften waren am 21. Juli getrennt voneinander in die Wand eingestiegen, um sich später gemeinsam der Herausforderung zu stellen. 

Bis zu Beginn der Rampe folgten sie der Route ihrer Vorgänger, danach betraten sie - angeführt von dem charismatischen Anderl Heckmair - mit der "Rampe", dem "Götterquergang", der "Spinne", den "Ausstiegsrissen" sowie dem Gipfeleisfeld vertikales Neuland, und trotzten dabei allem, was der Eiger aufzubieten hatte: Stein- und Eisschlag, Lawinen und schlechter Witterung. 

Nach erster Durchsteigung der Eiger-Nordwand: "Freude? Erlösung? Nichts von alledem!"

Als die vier - nach drei Tagen und drei Nächten in der Wand - am 24. Juli um 15:30 Uhr endlich den Gipfel erreichten, war von Euphorie wenig zu spüren: 

"Freude? Erlösung? Taumel des Triumphs? Nichts von alledem. Die Befreiung kommt zu plötzlich, unsere Sinne und Nerven sind zu abgestumpft, unserer Körper zu müde, um einen Gefühlsrausch zu gestatten. [...] Auf dem Gipfel ist der Sturm so arg, daß wir gebückt stehen müssen. Um Augen, Mund und Nase haben sich dicke Eiskrusten gebildet, die wir erst abkratzen müssen, um einander überhaupt sehen, um sprechen, um atmen zu können. [...] Wir drücken uns nur stumm die Hände. Dann beginnen wir sofort mit dem Abstieg", so Heinrich Harrer in seinem Bestseller "Die Weisse Spinne".

In diesem Artikel gibt es noch mehr Infos zur legendären Heckmair-Route. Die Bilder-Galerie zur Heckmair-Route aus dem verlinkten Artikel könnt ihr direkt hier durchklicken:

Text von Holger Rupprecht

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etna

alpine Helden!