Egal von welcher Ecke aus der Ober- und Westallgäuer seinen Blick gen Süden richtet, er fällt meist zuerst auf die Nagelfluhkette. nach einem Tag Schneefall im Februar machen wir uns zu dritt auf den Weg zu dieser Traumtour.

Christine im Schattenriss beim Aufstieg im Nebel.
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Die Wetterfee im TV hatte tags zuvor mit Sonnenschein gelockt, das Allgäuer Kleinklima entschied sich aber für dichten Nebel. Christine, der Freundin meines Begleiters, gefällt das Wetter gar nicht.

Außerdem hat sie Bedenken, denn ich kenne das Mittelstück der Tour nur vom Sommerweg, und Christine fehlt das Gottvertrauen blind in diese graue Wand hineinzuspuren. Aber wir ziehen dennoch unverdrossen die Felle auf und erhoffen baldige Wetterbesserung.

In absoluter Stille spuren wir auf den Hochgrat und respektieren den Nebel immerhin dafür, dass er diese besondere Aura von Einsamkeit und Ruhe schafft. Erst ganz oben am Gipfelhang haben wir die graue Bank überstiegen und genießen den Blick auf ein gewaltiges Wolkenmeer.

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Das Gipfelkreuz sieht aus wie eine Schneeskulptur und beim Betrachten entdecken wir wenige Meter tiefer in der Nordwand auf einem Absatz ein Schneehuhn. Es breitet seine Flügel in der Sonne aus und schüttelt und rüttelt sie sorgsam durch. Wahrscheinlich ärgert es sich über den tiefen weichen Schnee, der es zum Ausharren in der Nähe seiner Schneehöhle zwingt und auch die letzten Gräser und Samen verschwinden lässt.

Wir dagegen freuen uns über die glitzernden Schneekristalle, die bei unseren Schwüngen in der ostseitigen Rinne zur Seite spritzen, bevor wir bei der einsam verschneiten Gütlealm auf 1560 Meter ankommen.

Von dort gleiten wir flach weiter durch das abwechslungsreiche, von kleinen Hügeln, Felsbrocken und Rinnen sehr schön gegliederte Gelände. Der Neuschnee und die durch die schrägstehende Morgensonne entstehenden Schattenspiele konturieren die weichen Geländeformen und heben sie noch eindringlicher hervor.

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Zwischen den schlauchförmigen weißen Rinnen am Gipfel erheben sich eindrucksvoll die felsigen Grate mit dem gelben Nagelfluh. Wie einem Wintermärchen entnommen wirkt diese Landschaft.

Wir öffnen die Schuhe, die Bindung und die Jacke, ziehen die Felle auf und die Reißverschlüsse der Lüftungsschlitze an den Hosen herunter. Erst dann steigen wir in gleichmäßigen Kehren in der Nähe des Maximilianswegs zum Rindalphorn auf.

Eiskalter Wind hat das Gipfelkreuz mit Anraum verziert.

Der große runde Vorgipfel des Rindalphorns wirkt aufgrund seiner Gleichförmigkeit und der endlosen Flächen wie eine Schneewüste auf uns. Zwei Tourengeher, die uns überholt haben, verlieren sich nahezu in den gleißenden Flächen mit ihrem grenzenlosen Horizont. Erst als an der Grenze zur Nordwand tief verschneite Holzpfähle auftauchen, findet unser suchendes Auge wieder eine Linie, der es folgen kann.

Den Zaun haben zwei bärtige Hirten, die ich im Sommer hier getroffen habe, aufgestellt, damit das Vieh nicht abstürzt. Am steilen, aber kurzen Grataufschwung zum Rindalphorn müssen dann die Ski runter. Der Südhang direkt da-runter mündet in die übliche Abfahrtsrinne in der Hornschlucht und ist sehr steil und häufig lawinengefährdet. Bei Tauwetter tun sich mächtige Grundlawinenmäuler darin auf.

Es ist nicht nur nahezu windstill am Gipfel, sondern auch noch sonnig. Eine Sonne, die man sich heute mit viel Schweiß und Höhenmetern hart erarbeiten muss. Unsere Begleiterin ist jetzt trotzdem mit uns und der Tour zufrieden.

Während wir einen heißen Tee schlürfen, steckt die Schöne schon die Kopf mit zwei männlichen Tourengehern zusammen und lässt sich einweihen in die tieferen Geheimnisse der schönsten Abfahrten am Rindalphorn.

Ohne uns viel Zeit zum Nachdenken zu geben überklettert sie danach den felsigen Grat nach Norden und springt weiter unten voller Vorfreude in ihre Bindung.

Leicht gestresst kommen wir hinterher und bestaunen ungläubig die mit Abstand spektakulärste, unberührte Traumabfahrt von diesem Berg. Es war ein gnädiger Skifahrergott, der diese Rinne schuf. Vielleicht ein Glück, dass keiner von uns Männern die Frage nach diesem Geheimtipp gestellt hat.

Dämmerung am Rindalphorn, imHintergrund der Grünten.

Ich ziehe meine Kamera heraus und Christine hüpft über eine kleine Wechte in den jungfräulichen Pulver hinein. Sie fährt so leidenschaftlich, wie sie Tango tanzt. Atemlos erwartet sie uns unten bei einem tief verschneiten Fichtenwald und mit leuchtenden Augen blicken wir zurück zu diesem winterlichen Geschenk.

Leider sind wir jetzt auf der falschen Seite der Gündlesscharte. Aber ein Stück weiter vorn an einem eisig kalten Nordwesthang können wir unschwierig in einigen Kehren aufsteigen und die Felsstufe überwinden. Nur selten ist dieser Wechsel möglich, denn allgemein sind die Nordhänge der Kette sehr steil oder senkrecht, während im Gegensatz dazu die Südhänge eher sanft und flach geneigt sind.

Das ist aber auch ein Umstand, der in den ganzen Allgäuer Alpen zu finden ist. Er rührt von der Überlagerung und Auffaltung der Gesteinsdecken von Süd nach Nord her.

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Mit einigen Spitzkehren bezwingen wir einen vorgelagerten Kopf und gehen weiter leicht ansteigend zum Gündleskopf. Im dichten Nebel entdecke ich die Einfahrt in eine steile, wie üblich ostseitige Rinne. Viel zu dicht beieinander wedeln wir hinunter als doch beträchtliche Bedenken angesichts der fast 40 Grad steilen Abschnitte auftauchen. Sind wir hier noch richtig?

Endlich, das Gipfelbussi am Buralpkof.

Der herrliche Pulverschnee ist zwar fast ohne Wind gefallen und somit gut verbunden, aber darunter liegt teilweise vereister Altschnee. Zum Glück ist die Rinne kurz und schnell landen wir wieder in der richtigen, flacheren Abfahrtsrinne hinunter zur Gündlesalpe auf 1500 Meter. Der richtige Einstieg lag höchstens 30 Meter weiter nördlich. Tückischer Nebel!

Zum vierten Mal ziehen wir die Felle ab und verstauen sie am warmen Körper, um am Gegenhang zu einer Hütte aufzusteigen. Bei der Abfahrt überqueren wir einen gewaltigen Lawinenkegel der zwischen Buralpkopf und Sedererstuiben liegt.

Wir fahren schräg nach Osten bis zu einem schönen lichten Wald. Zwischen den Stämmen kurven wir im Zickzack hindurch bis auf eine Almwiese hinunter und dann am Hang entlang flach und gemütlich zur Gatteralpe. Zum fünften Mal ziehen wir die angewärmten Felle auf und gehen auf dem baumbestandenen Rücken hoch zum Sedererstuiben.

Langsam machen sich die Höhenmeter bemerkbar, der Puls hämmert, von den Schläfen tropft der Schweiß und die Beine sind vor allem auf den ersten Metern des Anstiegs schwer wie Blei. Da hilft es schöne Kehren zu laufen, sie machen den Hang weit weniger steil, als er ist.

Die Vorfreuden auf den ideal geneigten Nordhang des Sedererstuiben machen die letzten Meter leichter und Christine, die vorausgeeilt ist, hat schon wieder dieses Glänzen in den Augen. Nicht zu unrecht stellt sich heraus.

Wir johlen und jauchzen vor schierer Lebensfreude auf dem kurzen Weg nach unten, auf den Bergen sind die Allgäuer mindestens doppelt so redselig wie im Tal. Unten bei der Alpe ziehen wir die Felle auf. Wir müssen noch einmal hinauf zum Sedererstuiben.

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"Mei isch des an Pulver, des geit"s ned noamal den Winter", stellen wir begeistert fest. Der flache Anstieg auf den Stuiben führt dann gegen den Uhrzeigersinn um den Hang herum auf den unberührten Gipfel.

Man kann auch direkt vom Sedererstuiben relativ flach auf dem Grat zum Stuiben wechseln. Direkt hinter dem Gipfelkreuz wartet östlich die nächste Rinne auf uns. Nur beginnt sie mit 38 Grad verdammt steil und wäre nach diesem herrlichen Tourentag ein unnötig hohes Risiko. Deshalb fahren wir in Richtung Gundalpe ab, aus deren Kamin dicker Rauch quillt.

Mehr Licht als Schatten im Allgäuer Tiefschnee.

Bald entscheiden wir uns, nicht über den Steineberg und Mittag auf der Skipiste nach Immenstadt abzufahren, sondern über das Gschwendter Horn. Wir passieren die Mittelbergalpe, und ziehen unten im Seifenmoos ein letztes Mal die Felle auf. Im Kemptner Naturfreundehaus löffeln wir eine Hochzeitssuppe und stoßen auf unsere einsame Allgäuer Traumtour an.

Vom Gschwendter Horn genießen wir den Blick auf den zugefrorenen Alpsee und die Salmaser Höhe. Dann schwingen wir zurück in die Zivilisation, bevor wir den Marsch auf der Straße bis zum Immenstädter Bahnhof in Angriff nehmen müssen. Im Zugabteil nach Oberstaufen fallen uns dann vor Müdigkeit fast die Augen zu.

Text und Fotos: Robert Mayer

Aus ALPIN 03/08 (Text gekürzt)

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