Tourenklassiker im Berchtesgadener Land

Legendär: Die Watzmann Ostwand Schritt für Schritt

Die höchste Felswand der Ostalpen muss quasi in jedem alpinen Tourenbuch stehen. Sie bietet tatsächlich sehr schöne Kletterei – aber fast mehr davon, als gemütlich ist. Denn den Watzmann darf sich nicht jeder holen, der sich gerufen fühlt. Wir nehmen euch Schritt für Schritt durch die Tour und durch die Ostwand auf den Watzmann.

Auf dem "Berchtesgadener Weg" durch die höchste Wand der Ostalpen.
© Andreas Dick

Der Watzmann: Berühmtes Postkartenmotiv und Wahrzeichen der Berchtesgadener Alpen

"Auffi muass i", jodelte Wolfgang Ambros; doch nicht (nur) durch sein kultiges Musical ist der Watzmann Legende. Der höchste Berg und Wahrzeichen der Berchtesgadener Alpen ist ein schöner Anblick, die Ostwand über dem trinkwassertauglichen Königssee mit der romantischen Kapelle St. Bartholomä berühmtes Postkartenmotiv – und eine Traumtour, wenn man sich seine Sporen im ausgesetzten Alpinfels verdient hat.

Der "Kederbacherweg" des Erstbegehers ist wegen abschmelzender Schneefelder oft heikel, der "Berchtesgadener Weg" ist, zumindest im Spätsommer, schneefrei und gilt als leichteste Route. Was sehr relativ ist in einer Wand von 1800 Höhenmetern, von denen man mindestens zwei Drittel ernsthaft klettern muss. Kurios, dass die Route erst 1947 erstbegangen wurde, und das als Versehen, auf der Suche nach dem "Münchner Weg“. Die Routenfindung ist neben der Kondition das A und O in dieser stark gegliederten Riesenflanke; es gibt zwar Trittspuren und Steinmänner, aber man muss sie sehen und zuordnen können. Keine Schande, sich für dieses Stück Fels der Obhut einer professionellen Führung anzuvertrauen.

Wenn alles passt, Wetter, Zeitplan und Fitness stimmen, kann die Watzmann-Ostwand ein Höhepunkt im alpinistischen Leben werden. Und wer an der Südspitze noch frisch aussteigt, darf sich die Überschreitung als Sahnehaube gönnen. Aber auch der normale Abstieg zieht sich – legendär eben.

So geht's Schritt für Schritt durch die Watzmann Ostwand:

ALPIN Info: Klettertour Watzmann Ostwand (BGD-Weg), Berchtesgadener Alpen

Vom tiefblauen Königssee durch die höchste Felswand der Ostalpen zum Hauptgipfel der Berchtesgadener Alpen – unvergesslich für gestande Alpinisten mit Spürsinn.

  • Klettertour, schwer, III

  • Länge:14 Std. 17,7km

  • Auf-/Abstieg: 2.360 Hm

  • Ausgangspunkt: St. Bartholomä am Königssee

  • Talort: Königssee

  • Beste Zeit: Juli bis September. (nur bei absolut zuverlässigem Wetter).

Wegbeschreibung: Der Berchtesgadener Weg durch die Watzmann Ostwand

Der Berchtesgadener Weg verläuft im linken Teil der Ostwand; von der Eiskapelle zuerst etwas links der Hauptwand, dann zum markanten Schuttkessel unter der schwarzen Wasserfallwand querend, danach tendenziell leicht rechts haltend direkt zur Südspitze. Ein früher Aufbrauch vom Ostwandlager ist wertvoll, um Zeitpuffer zu haben. Das erste Schiff vom Parkplatz Königssee nach St. Bartholomä fährt in der Hauptsaison um 8 Uhr, nach der letzten Fahrt gegen 18 Uhr schließt die Gaststätte.

Von St. Bartholomä auf dem gemütlich ansteigenden Wanderweg Richtung Eiskapelle unter der Ostwand und auf Steigspuren links ums Schuttfeld herum, Einstieg etwas über 900 m (1 Std.). Einen Grasrücken und schrofigen Sporn bis ca. 1070 m hinauf, eine erste leichte Rinne aufsteigen bis zu einer Scharte, die folgende Rinne nach 50 Metern nach rechts verlassen, dann über Gras und Felsplatten rechtshaltend queren unter das Schuttkar und in schrofigem Gelände in dieses (1340 m).

Vom rechten Rand des Schuttkars weiter rechtshaltend ansteigen bis zu einer großen Rinne, die von der Eiskapelle heraufkommt. Nun wieder linkshaltend, über zwei Gratabsätze (1. und 2. Sporn), dann luftig nach links queren zur schwarzen Wasserfallwand. Die Kletterei hier (II - III, runde Leisten) kann an einigen Bohrhaken in 3 - 4 Seillängen gesichert werden. 10 m über der Oberkante der Wasserfallwand (1750 m) scharf nach rechts queren (Achtung: nicht nach links, gefährlicher Verhauer!) und eine Rampe hinauf bis zu einem kleinen Sattel auf ca. 1870 m. An- und absteigende Rechtsschleife, dann an zwei Höhlen vorbei zum Beginn der "Gipfelschlucht" und einer markanten Biwakhöhle (1990 m).

Die Gipfelschlucht (der Gipfel ist noch weit, Vorsicht: Steinschlaggefahr! Evtl. Schneereste) hinauf bis ca. 2060 m, dann nach rechts zu einer Rinne und immer rechts der Gipfelschlucht haltend zu einem markanten Absatz (Dabelsteinplatte, 2240 m). Wieder mit Rechtsschleife durch Schrofen zur Biwakschachtel auf 2380 m unter einem überhängenden Felsen. Matratzen und einfache Schlafsäcke sind vorhanden, Komfort nicht. 70 m leicht rechts aufsteigen, dann nach links halten zum Beginn der Ausstiegskamine. Diesen folgend – evtl. Schneereste, Vorsicht Schuttauflage, Stellen II - III – bis zu einem Gratabsatz (2630 m). Über diesem kommt die schwierigste Stelle, das "Achtmeterwandl" (III+); Bohrhaken erlauben Sicherung oder auch kurzes A0-Ziehen statt zweier wackliger Züge auf speckigen Tritten. Danach deutlich leichter rasch zum Gipfel.

Abstieg: Am schnellsten südlich auf markiertem Weg (T5, Stellen I) zur Wimbachgrieshütte und in 2 Std. zur Wimbachbrücke (640 m, Trampen/Taxi/Bus zum Startpunkt). Nur bei Topkondition und stabilem Wetter ist die Überschreitung (T6, I - II, KS C) eine lohnende Alternative: Mit einigem Auf und Ab (ca. 250 Hm Gegenanstiege) über die Mittelspitze (2713 m) zum Hocheck (2651 m, 2 - 2:30 Std.), leichter (T4, I) hinunter zum Watzmannhaus (1930 m, 1:30 Std.), langwierig hinüber nach Kühroint (1420 m, T3, 1 - 1:30 Std.) und steil und kniemordend hinunter zum Ausgangspunkt am Königssee (2 Std.). Das führt zurück zum Ausgangspunkt, ist aber viel länger und anspruchsvoller.

Ostwand-Tipp des Autors

Die Hauptproblem der Wand ist die Orientierung. Deshalb unbedingt verbale Beschreibung mitnehmen (s. Literatur), keinesfalls dem gpx-Track nachklettern!

Achtung: Stand Juli 2022 ist der Abstieg im Bereich Königssee und Wendeplatte Herrenroint aufgrund von Untwetterschäden gesperrt (Weg 443). Als Abstiegsalternative bietet sich der Abstieg vom Watzmannhaus zum Parkplatz Hammerstiel an.

<p>Watzmann Ostwand und Watzmann Überschreitung</p>

Watzmann Ostwand und Watzmann Überschreitung

© outdooractive Kartografie; OpenStreetMap

Ausrüstung: Das braucht ihr für die Watzmann Ostwand

Die Passagen im III. Grad, die man vielleicht sichern mag, sind relativ kurz, so dass ein 40-Meter-Seil und eine knappe Handvoll (Alpin-)Exen reichen. Wer das Seilgewicht sparen will, kann die Schlüsselstelle oben (III+) mit Klettersteigset halbwegs absichern, die Wasserfallwand (III) nicht. Statt Kletterschuhen lieber solide, aber gefühlvolle Bergschuhe verwenden, evtl. Trailrunner, wenn Kraft und Bewegungstechnik auch nach 10 Stunden noch stabil sind. Helm ist dringend angesagt!

Bei der langen Tour merkt man jedes Gramm, also nicht zuviel einpacken. Wind-, Regen- und Sonnenschutz müssen genauso dabei sein wie Wechselwäsche. Wer früh vom Ostwandlager starten mag, kann den Zustieg mit Stirnlampe machen (wer spät geht oder langsam, den Abstieg). In der Ostwand kann es heiß werden! Mit Schmelzwasser ist nur Anfang der Saison zu rechnen (aber dann auch mit störendem Schnee).

Sicherheitshinweise: Sicher durch die Watzmann Ostwand

Früh einsteigen, nur bei hundertprozentigem Wetter und wenn man den III. Grad seilfrei beherrscht. Ein paar Bohrhaken erlauben das Sichern in den schwierigsten Passagen, Hauptsache ist aber, dass man zügig vorwärts kommt und die richtige Linie findet. Wer sich nicht vollends sicher ist, tut gut daran, sich einer Bergführer:in anzuvertrauen.

Die Routeneintragung in der Karte ist schwierig wegen des stark strukturierten Felsgeländes, das sie nicht abbilden kann. Bitte beim Identifizieren der Route die Verbalinfos, Wandbilder aus der Literatur und alpine Erfahrung nutzen, keinesfalls dem gpx-Track nachklettern! Früh im Sommer können Schneefelder Passagen erschweren und Steinschlag verursachen. Auf der Webcam vom Funtenseetauern lassen sich die Verhältnisse einigermaßen einschätzen.

Der beschriebene Abstieg per Watzmann-Überschreitung führt zum Ausgangspunkt zurück, fordert aber nochmal ordentlich Kondition und Konzentration; nur bei Fitness und sicherem Wetter angehen! Andernfalls Abstieg nach Süden zur Wimbachgrieshütte (1327 m, T5, Stellen I, 3 Std.) und durchs lange Wimbachtal zur Wimbachbrücke (640 m, 2 Std.).

Info: Hier bekommt ihr weitere Infos zur Watzmann Ostwand

  • Zweckverband Bergerlebnis Berchtesgaden, Abteilung Destinationsmanagement , Maximilianstraße 9, 83471 Berchtesgaden, Tel. 08652 656500, berchtesgaden.de

  • Alpine Auskunft der örtlichen DAV-Sektion: alpine-auskunft@dav-berchtesgaden.de

Literatur zur Watzmann-Ostwand

Die Ostwand im Video

Einkehr

Gasthaus St. Bartholomä, 623 m, ganzjährig geöffnet abhängig vom Schiffsverkehr, Tel. 08652 964937, bartholomae-wirt.de

Hütten

Königssee-Schiffahrt

Bergführer für die Watzmann Ostwand

Gehzeiten Watzmann Ostwand über den Berchtesgadener Weg

  • St. Bartholomä – Einstieg 1 Std.,

  • Einstieg – Südspitze 6 - 8 Std.,

  • Abstieg Wimbachbrücke 5 Std.,

  • Abstieg Überschreitung – Königssee 6 - 7 Std.

Text von Andreas Dick

0 Kommentare

Kommentar schreiben