Die Everest-Saison 2026 war eine Saison der Superlative. Nach Angaben der nepalesischen Behörden erreichten in diesem Frühjahr mehr als 1000 Menschen den höchsten Punkt der Erde, so viele wie noch nie zuvor in einer einzigen Saison. Auch die Zahl der ausgestellten Besteigungsgenehmigungen erreichte mit 495 einen neuen Höchstwert. Alleine am 20. Mai wurden 274 erfolgreiche Gipfelbesteigungen an nur einem Tag registriert – ebenfalls ein Rekordwert. Zwei der Bergsteiger, die an diesem Tag den Gipfel erreichten, starben kurz nach Beginn ihres Abstiegs.
Alleine durch Permit-Gebühren flossen insgesamt mehr als sieben Millionen US-Dollar in die Staatskasse. Hunderte einheimische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Expeditionsunternehmen finden durch den Everest-"Tourismus" eine vergleichsweise gut bezahlte Beschäftigung. Die Zahlen zeigen das Spannungsfeld, in dem sich das "Geschäftsmodell Everest-Besteigungen" bewegt: Auf der einen Seite steht seine enorme wirtschaftliche Bedeutung für Nepal, auf der anderen Seite die Frage, wie viele Menschen der höchste Berg der Erde verträgt und wie sich die Sicherheit aller Beteiligten verbessern lässt.

Inzwischen ein gewohntes Bild: Bergsteiger in einer langen Schlange am Everest.
Gelje Sherpa: "Jede Entscheidung fühlte sich wie ein Glücksspiel an"
Für Gelje Sherpa ist diese Diskussion keine theoretische, sondern eine ganz praktische, als Bergführer aber auch als Betreiber einer Expeditionsagentur.
Gelje Sherpa zählt zu den bekanntesten Höhenbergsteigern Nepals. Internationale Aufmerksamkeit erhielt er als jüngstes Mitglied jener zehn Nepalesen, denen 2021 die erste Winterbesteigung des K2 gelang. Inzwischen gibt er an, alle 14 Achttausender bestiegen zu haben. Bekannt wurde er zudem, als er 2023 am Everest einen erschöpften Bergsteiger über Stunden vom Berg trug. Gemeinsam mit seiner Partnerin, der britischen Höhenbergsteigerin Adriana Brownlee, managt er heute eine eigene Expeditionsagentur.

Rettungsaktion 2023: Gelje Sherpa trägt erschöpften Bergsteiger über Stunden vom Berg.
Der Nepali bezeichnete die Frühjahrssaison 2026 als eine der schwierigsten seiner bisherigen Laufbahn – sowohl als Bergführer als auch als Betreiber seiner Expeditionsagentur. Der in diesem Jahr noch gefährlichere Khumbu-Eisbruch, instabile Wetterbedingungen und die hohe Zahl von Menschen am Berg hätten die Saison geprägt. "Jede Entscheidung fühlte sich wie ein Glücksspiel an“, schrieb er in einem Instagram-Beitrag. Sein Team habe die Herausforderungen gemeistert und alle Kunden hätten ihre Gipfelziele erreicht. Dennoch sehe er dringenden Handlungsbedarf.
In seinem Beitrag geht Gelje Sherpa auch auf die jüngste Erhöhung der Everest-Gebühren ein. Obwohl Nepal die Kosten für eine Besteigungsgenehmigung um 4.000 auf 11.000 US-Dollar angehoben hatte, waren in diesem Jahr mehr Permits verkauft worden als jemals zuvor. Gelje betont, dass er diese Erhöhung oder gar weitere nicht für das geeignete Mittel halte, die Situation am Everest zu verbessern.
Vier Vorschläge für mehr Sicherheit am Everest
Um die Situation am Everest zu verbessern, schlägt Gelje Sherpa vier konkrete Maßnahmen vor:
Erstens sollen Everest-Anwärter künftig nachweisen müssen, bereits einen Berg von mindestens 6500 Metern Höhe bestiegen zu haben. Dabei sollen ausdrücklich auch Berge außerhalb Nepals anerkannt werden, etwa der Aconcagua in Südamerika.
Zweitens fordert er verbindliche Qualifikationen für Sherpas, die Kunden am Everest führen. Wer Verantwortung für Gäste übernehme, müsse entsprechende Ausbildung und Erfahrung auch in großer Höhe und insbesondere im 1:1-Begleitverhältnis nachweisen können.
Drittens schlägt Gelje Sherpa verpflichtende medizinische Untersuchungen im Basislager und in Lager 2 vor. Jeder Bergsteiger muss sich dieser Untersuchung unterziehen, bevor er weiter aufsteigen darf. Finanziert werden könnten diese aus den Einnahmen der Besteigungsgenehmigungen.
Viertens fordert er ein unabhängiges Ranger- und Rettungsteam in Lager 2. Dieses soll Rettungseinsätze koordinieren, die Zahl der Personen am Berg überwachen und die Müllproblematik kontrollieren.
Gelje Sherpa adressiert seine Vorschläge auf Instagram an das nepalesische Tourimusministerium und endet eindrücklich:" Ich bitte nicht um diese Veränderungen, ich flehe darum!"
Die Forderung nach einem Qualifikationsnachweis für Aspiranten vor einer Everest-Besteigung ist nicht neu und tauscht regelmäßig in politischen Debatten in Nepal auf. Bis dato steht im Raum, dass künftigen Besteigern vor Erteilung eines Permis abverlangt wird, einen Siebentausenders in Nepal bestiegen zu haben. Ob die Besteigung eines 6500 Meter hohen Berges bzw. eines Siebentausenders tatsächlich ein verlässlicher Nachweis für die Fähigkeiten an einem Achttausender ist, ist allerdings umstritten.
Auch bei den geforderten Qualifikationen für Sherpas stellen sich praktische Fragen. International anerkannte Bergführer gibt es in Nepal bislang nur wenige. Nationale Zertifizierungen wären zwar denkbar, müssten aber transparent und unabhängig organisiert werden, um breite Akzeptanz zu finden.

Die Debatte um Everest-Besteigungen dürfte weitergehen
Fest steht: Die Rekordsaison 2026 wird die Diskussion über den Everest weiter anheizen. Die Zahl der Besteiger steigt, die wirtschaftliche Bedeutung für Nepal wächst. Gleichzeitig nehmen die Herausforderungen für Organisatoren, Sherpas und Rettungskräfte zu. Gelje Sherpas Vorstoß dürfte der Diskussion über den Everest neue Impulse geben.
Dass der höchste Berg der Erde sicherer, sauberer und weniger überlaufen werden sollte, darüber herrscht in der Bergsteigerszene weitgehend Einigkeit. Viele würden strengere Regeln deshalb nicht nur aus Sicherheits- und Umweltgründen begrüßen, sondern auch aus Respekt vor dem Berg selbst. Ob Nepal jedoch Maßnahmen beschließt, die tatsächlich zu weniger Besteigungen führen, bleibt offen. Zu groß ist die wirtschaftliche Bedeutung des Everest-Tourismus für das Land.


1 Kommentar
Kommentar schreibenEinfach den Einsatz von Fixseilen nur noch an kritischen Stellen zulassen, dann trennt sich die Spreu vom Weizen.