Risikomanagement bei der Bergrettung

Rettungsaktion am Hochkalter: "Warum wir Bergretter nicht unser Leben riskieren"

Während der dramatischen und leider erfolglosen Rettungsaktion eines 24-jährigen Bergsteigers am Hochkalter gab es in den Sozialen Medien erhebliche Kritik am Verhalten des Bergsteigers. Oftmals kam auch die Frage auf, warum die Bergwacht ihr Leben für das riskante Verhalten mancher Alpinisten riskieren müsse. Die Bergwacht Ramsau bezieht jetzt in deutlichen Worten auf Facebook Stellung.

Oberster Teil der Hochkalter-Westwand
© Bergwacht / Martin Emig

Bergwachteinsatz: Kalkül und Abwägung statt Lebensgefahr

Bei der erfolglosen Rettungsaktion für einen 24-jährigen Bergsteiger, der sich bei schlechter Wettervorhersage auf die schwere Tour auf den Hochkalter aufgemacht hatte, waren rund 30 Bergretter Tag und Nacht im Einsatz. Die Suche musste nach sechs Tagen aufgrund der schlechten Witterung und Neuschnees eingestellt werden.

In den Sozialen Medien (auch in unseren Facebook-Posts) kam in den Kommentaren immer wieder Kritik an Bergsteiger:innen auf, die - so der Tenor - durch einen Start bei widrigen Verhältnissen und angekündigtem Wetterumschwung zunächst sich selbst und dann in der Folge Bergretter in Lebensgefahr bringen würden.

Die Bergwacht Ramsau hat auf die vielen Kommentare in den Sozialen Medien reagiert und auf Facebook eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie erklärt "warum wir uns eben nicht permanent in Lebensgefahr begeben und das hinter unserem Handeln viel Kalkül und Abwägung steckt."

Bergwacht: Risikomanagement statt Harakiri

"Unbestritten ist, dass sich unsere Einsatzkräfte grundsätzlich den Alpinen Gefahren aussetzen, sobald sie zu einem Rettungseinsatz ausrücken. Diese Alpinen Gefahren sind ein gesellschaftlich akzeptiertes Lebensrisiko, können jedoch durch verschiedenste Umstände deutlich verstärkt werden und so die akzeptierten Rahmenbedingungen schnell verlassen," heißt es in dem Beitrag auf Facebook.

Das Risikomanagement der Bergwacht in Kürze

Im weiteren Text des Posts erläutert die Bergwacht ihr Risikomanagement:

  • Schritt 1 = Risikoreduktion: Wir versuchen immer, das Risiko für unsere Einsatzkräfte zu reduzieren. So setzen wir zum Beispiel bei Steinschlaggefahr einen Helm auf oder sichern uns im Absturzgelände mit Seilen, um nicht abstürzen zu können. Es gibt jedoch auch Risiken, die man nicht weiter reduzieren kann.

  • Schritt 2 = Eintrittswahrscheinlichkeit: Ist beim Einsatz der Eintritt einer Verletzung zu erwarten? Muss dazu ein Fehler passieren, wie etwa der Sturz bei der Abfahrt mit Ski oder Stolpern beim Gehen? Es kann jedoch auch vorkommen, dass der Eintritt einer Schädigung unabhängig von unseren Maßnahmen zu erwarten ist, wie man zum Beispiel bei großer Lawinengefahr mit der Selbstauslösung von Lawinen rechnen muss.

  • Schritt 3 = Grad der Schädigung: Im letzten Schritt wird die Schwere der zu erwartenden Verletzung mit der Eintrittswahrscheinlichkeit in Verbindung gebracht. Ist das Risiko hoch und nicht weiter reduzierbar, die Eintrittswahrscheinlichkeit Fehlerunabhängig und die zu erwartende Schädigung eine schwere Verletzung oder der Tod, so wird der Einsatz auf jeden Fall so lange unterbrochen, bis das Risiko wieder reduziert werden kann (z.B. durch Wetterbesserung).

"Der vergangene Sucheinsatz hat uns in puncto Risiko-Management mehr als einmal an die Grenze des Machbaren geführt. Bei akuter Lebensgefahr für den Patienten, ist ein höheres Risiko für die Einsatzkräfte vertretbar, jedoch ist unser Handeln nie unüberlegt oder gar Harakiri. So etwas machen wir in der Bergrettung nicht," schließt der Beitrag.

4 Kommentare

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Claudia B. auf Facebook

Meinen allergrößten Respekt den Rettern, die die Hybris mancher Hasardeure ausbaden müssen. Seien wir froh, dass es sie gibt und sorgen wir möglichst immer dafür, sie nicht zu brauchen.

Christian O. auf Facebook

Wo sind wir in Deutschland eigentlich falsch abgebogen, dass man das freiwillige Helfen, egal ob Bergretter, Feuerwehr oder andere wichtige Organisation, rechtfertigen muss. Es sollte Jedem/r klar sein, dass immer ein gewisses Maß an Restrisiko bleibt und man dieses abzuschätzen hat. Und wenn man, in welcher Art und Weise auch immer, sich beschimpfen und auch körperlich angreifen lassen muss, ist es an der Zeit, das System grundlegend zu hinterfragen und Pöbelein, Anfeindungen oder gar die Behinderung bis hin zur Gewalt gegen die Helfer:innen schärfer zu verteilen und zu bestrafen.

Andrea B. auf Facebook

Danke für die genaue Erklärung.
Und ich glaube, niemand wünscht sich eine andere Herangehensweise, weil mit den Bergrettern ist's wie mit den Bergen.
Wir brauchen sie auch morgen noch

Alexander W. auf Facebook

Auch wenn sich Betroffene und Angehörige eine andere Herangehensweise wünschen würden, ist dies der einzig richtige Weg.