Die großartige Überschreitung einer formvollendeten Pyramide

Bergportrait: Der Großvenediger (3.666 m)

Es sollte bis zum Jahr 1828 dauern – der Großglockner, der höchste Berg Österreichs, war schon seit beinahe drei Jahrzehnten bestiegen – ehe man erstmals einen Besteigungsversuch an der "Weltalten Majestät", dem Großvenediger, wagte.

Der Großvenediger – die großartige Überschreitung einer formvollendeten Pyramide.
© IMAGO / imagebroker

Der Großvenediger: Lage

Der Großvenediger ist die beherrschende Firngestalt in der langen Kette der Hohen Tauern. Obwohl allseits bestens erkennbar, ist er doch ein bisschen abgelegen: Der Zugang aus dem Pinzgau durch das Obersulzbachtal zieht sich reichlich in die Länge. Und die Osttiroler Ausgangspunkte am Matreier Tauernhaus und im Virgental liegen für das Gros der Bergsteigerwelt irgendwie hinter den sieben Bergen.

Trotzdem übt der Venediger eine magische Anziehungskraft aus. Im Frühling kommen die Skitourengeher in Scharen. Nicht ohne Grund, denn die Abfahrten sind Legende, besonders das Schlatenkees hinunter nach Innergschlöss ist sagenhaft schön – und mit 2000 Höhenmetern ebenso lang. Von Norden und Nordwesten betrachtet, erscheint der Gipfel mit drei langen Graten und dazwischen eingebetteten Flanken und Firnen als makellose Pyramide – ein wirklich erhabener Anblick.

Der Großvenediger: Historisches

Der muss sich auch den Erstbesteigern am 3. September 1841 geboten haben. Jedenfalls bezeichnete Ignaz von Kürsinger, einer der damaligen Protagonisten, den Berg begeistert als "weltalte Majestät“. Überhaupt wurde die Erstbesteigung in recht ungewöhnlichem Stil durchgeführt – die "Erschließung der Ostalpen“ berichtet: "Es war nicht mehr die Initiative von Prinzen und Fürsten, welche diese Expedition ins Leben rief, sondern die dreier junger Wiener Juristen: Ruthner, von Lasser und Mayer von Gravenegg. Durch den Pfleger von Mittersill, J. von Kürsinger, einen originellen Enthusiasten, wurde die Unternehmung zur pinzgauerischen "Nationalangelegenheit“ erklärt … Es waren 39 Personen, welche am 2. September 1841 in den Hütten des Obersulzbachthales sich zur Besteigung sammelten, thatsächlich die Honoratioren des Oberpinzgaues aus bäuerlichen und Beamtenkreisen …“ ­

<p>Das Haupt der "weltalten Majestät“: Auf den letzten schmalen, aber meist gut ausgetretenen Metern zum höchsten Punkt des Großvenedigers.</p>

Das Haupt der "weltalten Majestät“: Auf den letzten schmalen, aber meist gut ausgetretenen Metern zum höchsten Punkt des Großvenedigers.

© Herbert Raffalt

Weiter liest man über den Gipfeltag: "Die Aussicht war durch Nebel getrübt; weicher Schnee und Schneeglanz hatten einem Theil der Gesellschaft stark zugesetzt, sodass nur 24 Personen von 39 den Gipfel erreichten. Im Uebrigen erhält man den Eindruck, dass man recht unvorsichtig, einzeln und truppweise ohne Seil auf den zerrissenen und verschneiten Gletschern umhergewandert ist.“

Toureninfo: Die Überschreitung des Großvenedigers

So oder ähnlich ist das auch heute nicht selten der Fall, wenn die Sommerbesucher über Schlaten-, Mullwitz- oder Obersulzbachkees zu Berge ziehen. Keiner dieser Anstiege birgt markante Hindernisse, aber auf jedem lauern Gletscherspalten, in denen sich locker ein Mehrfamilienhaus versenken ließe. Der schönste Sommeranstieg ist der von Norden über das Obersulzbachkees, denn nur von dieser Seite zeigt sich der Großvenediger in seiner herrlichen Pyramidenform.

Der spannendste hingegen ist der Nordgrat. Beide beginnen an der Kürsingerhütte und ergeben eine großartige Überschreitung dieses formvollendeten Berges – von dessen Gipfel Venedig allerdings selbst bei klarstem Wetter nicht zu sehen ist.

  • Schwierigkeit: Hochalpine Gletschertour ohne technische Schwierigkeiten, Gletscherhänge bis maximal 35 Grad. Die Spaltensituation im Zugang zur Venedigerscharte ist allerdings, je nach Verhältnissen, knifflig: unbedingt am Seil gehen! Der firnige Gipfelgrat ist schmal und ausgesetzt, aber kurz und flach.

  • Höhenmeter: 1120 Hm, 4 Std. Aufstieg, 3 Std. Abstieg.

  • Ausrüstung: Hochtourenausrüstung mit Seil, Pickel, Steigeisen.

  • Talort: Neukirchen im oberen Pinzgau, 857 m.

  • Ausgangspunkt: Parkplatz Hopffeldboden im Obersulzbachtal, 1100 m, Zufahrt von Neukirchen-Sulzau.

  • Hütte:Kürsingerhütte, 2547 m, ÖAV Salzburg, bewirtschaftet ab Anfang März bis Ende September, sonst offener Winterraum, kuersinger.at; der sehr lange Zustieg vom Hopffeldboden, 1450 Hm, 5 Std., kann mit Taxi bis zum Oberen Keesboden, 1929 m, Talstation Materialseilbahn, auf 11/2 Std. verkürzt werden.

  • Route: Von der Hütte quert man auf dem Weg 902 unter dem Keeskogel hindurch bis auf etwa 2750 m Höhe, wo man über ein Schneefeld oder Schutt zum Anseilplatz am Gletscher absteigt. Zunächst hält man auf das Zwischensulzbachtörl zu, dann nach Südosten einschwenkend in die Venediger-Nordmulde. Einer ausgeprägten Spaltenzone weicht man links aus, dann folgt auf etwa 3200 m Höhe meist eine mächtige Kluft. Nach deren Überwindung geht es über die steiler werdenden Hänge in die Venedigerscharte (je nach Verhältnissen heikel). Nun nicht direkt zum Gipfel ansteigen, sondern unter dem Ostkamm vorbei nach Westen auf einen Vorgipfel und am schmalen Südgrat zum höchsten Punkt

  • Abstieg: Ebenfalls über das Obersulzbachkees.

  • Tipp: Der Großvenediger ist ein traditioneller Skitourenberg mit rauschenden Abfahrten besonders über das Obersulzbach- und Schlatenkees, die Saison reicht von März bis Mai.

  • Weitere Routen: Normalweg von Osten über das Schlatenkees, von der Neuen Prager Hütte 3 Std.; Normalweg von Süden über das Mullwitzkees, vom Defreggerhaus 3 Std.; Nordgrat von der Kürsingerhütte, 8 Std., III+.

<p>Austria Alpin - Große Gipfel Österreichs</p>

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© Tyrolia Verlag

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Text von Robert Demmel

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