Der Südtiroler im ALPIN-Interview

Reinhold Messner: "Unsere Seilschaft besteht für immer."

Reinhold Messner verlor seinen Bruder bei der Überschreitung des Nanga ­Parbat, weil Günther ihm durch die Rupalwand gefolgt war. Ein Gespräch über Messners Verbindung zum Bruder, den Alpinismus damals und heute sowie sein neues Buch.

Reinhold Messner im Interview mit ALPIN
© Daniel Hug

Reinhold Messner im Interview

Herr Messner, was können die Menschen von einem Alpinisten lernen?

Sich nicht im Alltag zu verlieren, sondern das machen, was sie eigentlich viel lieber tun würden. Ich wäre der unglücklichste Mensch auf Erden, wenn ich immerzu auf meine Träume hätte verzichten müssen. Ich habe meine Träume gelebt. Und die, die ich noch habe, verwandle ich zu gelingendem Leben, im Hier und Jetzt.

An den Achttausendern ist die Mortalitätsrate so hoch, dass Sie statistisch gesehen eigentlich tot sein müssten.

Mehr als die Hälfte der absoluten Spitzen­bergsteiger sind am Berg ums Leben gekommen. Erst 2019 starben David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley.

<p>An diesem Schreibtisch hat Messner seine zahlreichen Bücher geschrieben. "In den nächsten Jahren werden wohl noch ­einige dazukommen", kündigt der Südtiroler an.</p>

An diesem Schreibtisch hat Messner seine zahlreichen Bücher geschrieben. "In den nächsten Jahren werden wohl noch ­einige dazukommen", kündigt der Südtiroler an.

© Daniel Hug

Was haben die drei falsch gemacht? Hätten sie das Unglück verhindern können?

Nichts haben sie falsch gemacht! Das war einfach nur Pech. Sie hätten zu Hause auf dem Sofa bleiben können, aber das hätte keinen von ihnen glücklich gemacht. So haben die drei – absolute Ausnahme-Alpinisten – dort oben ihren frühen Tod gefunden.

Was passiert mit Menschen, die am Berg zu sehr ins Risiko gehen?

Meist leben die, die sich für unsterblich halten, nicht lange. Ich hatte immer nur ein einziges Ziel: erst überleben, dann heimkommen. Es ist das schönste Gefühl, vom Berg zurückzukommen.

Sie verbrachten die Corona-Quarantäne bei Ihrer Partnerin Diane Schumacher. Haben Sie Ihre Südtiroler Berge vermisst?

Nein, weil ich alle Berge dieser Welt in meinem Kopf gespeichert habe. Vor allem die, auf denen ich schon stand. Womit ich am Anfang wirklich zu kämpfen hatte, war der Alltag. Ich bin ein Mensch, der Strukturen braucht. Also habe ich mir selbst Aufgaben auferlegt.

Reinhold Messner über Ankündigungsalpinisten

Stirbt der Alpinismus aus?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Keine frühere Generation von Bergsteigern, Skitourengehern und Kletterern war so fit und austrainiert wie die heutige. Vor jedem einzelnen ziehe ich den Hut. Das, was die Mädels und Jungs aber vergessen, ist, dass das Klettern in der Halle nichts mit traditionellem Alpinismus zu tun hat.

Nichts! Die klettern in der Halle großartig wie Äffchen eine Palme hoch. Nicht viel anders ist es heutzutage an den Achttausendern. Unter dem Strich ist eine Heerschar von Ärzten, Köchen und weiß Gott noch wem damit beschäftigt, den Berg-Yuppies jeden Morgen in die Schuhe zu helfen.

<p>Das Buch über den Nanga Parbat, seinen Schicksalsberg, schrieb Messner genau wie alle anderen Bücher per Hand.</p>

Das Buch über den Nanga Parbat, seinen Schicksalsberg, schrieb Messner genau wie alle anderen Bücher per Hand.

© Daniel Hug

Wie nennen Sie diese Art von Alpinismus?

Das ist kein Alpinismus, das ist eine Form von Tourismus. Davon wollen alle Weltklasse-Athleten und Extrem-Kletterer allerdings nichts wissen. Sie suchen sich lieber anspruchsvolle und herausfordernde Routen auf Sechs- und Siebentausender aus. Weil sie wissen, dass dort keine Hipster hinkommen. "Möchtegerne" machen so etwas nicht.

Wen meinen Sie damit?

Die "Ankündigungs-Alpinisten". Während Huber und Honnold immer erst handeln und dann reden – machen es diese genau andersherum. Die kündigen dies und jenes vollmundig über die sozia­len Medien an – haben aber gar nicht vor, ihre Expedition oder Erstbegehung zu Ende zu bringen. Noch schlimmer: Sie haben gar keine Chance, weil sie so eine Mammut-Aufgabe schlichtweg nicht bewältigen können. Das wissen aber ihre Instagram- und Facebook-Follower nicht.

Wie kommen Sie darauf?

Wie soll ein 19-Jähriger, der noch nie in den Bergen war, einschätzen können wie gefährlich die Annapurna oder der Nanga Parbat ist? Der Weltmeister im Ankündigen ist Jost Kobusch. Er versuchte im Winter allein und ohne Hilfsmittel auf den Everest zu steigen. Und das, obwohl er am Ende sagte, er hätte nur eine einprozentige Chance gehabt.

<p>Messners Schloss Juval am Eingang des Schnalstals.</p>

Messners Schloss Juval am Eingang des Schnalstals.

© Daniel Hug

Der junge Bielefelder muss doch erst mal Erfahrungen sammeln – genau wie Sie früher. Sie haben auch 13-mal einen Achttausender versucht und es nicht geschafft.

Moment! Da gibt es einen ganz erheblichen Unterschied. Bevor ich mich entschloss, auf den Nanga Parbat zu steigen, stand ich schon auf ein paar Tausend Gipfeln. Diese Besteigungen und Klettereien waren der Grundpfeiler in mein Vertrauen, mein Können und meine ­Psyche.

<p>Für Messner ist Jost Kobusch ein Ankündigungsalpinist.</p>

Für Messner ist Jost Kobusch ein Ankündigungsalpinist.

© picture alliance / SZ Photo | Robert Haas

Ich kletterte schon mit fünf Jahren zusammen mit meinen Eltern auf den höchsten Gipfel der Geislerspitzen, den 3027 Meter hohen Sass Rigais. Und Kobusch? Er stand mit 17 Jahren zum ersten Mal auf der Zugspitze, ist mit der Bahn hochgefahren.

Und was werfen Sie ihm vor?

Nichts. Aber wenn ich nur eine Chance von einem Prozent habe, fliege ich erst gar nicht nach Nepal, sondern suche mein Glück auf einem kleineren Hügel irgend­wo in der Umgebung meines Wohnorts.

Über den ­Jungen habe ich genauso geschmunzelt wie über die glorreiche Idee, Klettern olympisch zu machen. Dieses Rumgehüpfe an der Wand sind doch affenartige Verhaltensmuster. Da gibt es bestimmt Zuseher, die sagen: "Ah, jetzt verstehe ich was ­Messner früher so gemacht hat." Wenn das der Fall ist, ist der Alpinismus tot.

Warum?

15 Meter an einem Sicherungsseil in einer klimatisierten Halle hochzuturnen, ist doch etwas anderes, als ungesichert durch die Rupalwand zu steigen. Nur ein Beispiel: Die Rupalwand ist zweieinhalbmal so hoch wie die Eiger-Nordwand, achtmal so hoch wie die Nordwand der "Großen Zinne".

Hinzu kommt der Sauerstoffmangel. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Sie klettern eine 4500 Meter hohe, fast senkrechte Wand aus Eis und Fels bei 30 Grad minus hoch – und das mit 50 Prozent weniger Sauerstoffpartialdruck. Das ist Alpinismus!

Reinhold Messner über Angst am Berg und die Beziehung zum verstorbenen Bruder

Haben Sie da oben nicht ständig Angst?

Bürgerliche Ängste sind mir fremd. Viele stellen sich vor, dass wir auf einen Manaslu, K2 oder Cho Oyu steigen und dabei ständig Angst haben, runterzufallen. Humbug! Wenn ich die ganze Zeit wie das Kaninchen vor der Schlange Angst hätte, dann hätte ich ja gar keine Zeit zum Bergsteigen. Ich habe dort oben keine Zeit, Angst zu haben. Außer im Vorfeld. Angst vor der Angst und ein ständiges Unbehagen: Natur ist unberechenbar.

<p>Wintertrekking in Sulden am Ortler. Für ALPIN nahm sich Messner einen ­ganzen Tag lang Zeit.</p>

Wintertrekking in Sulden am Ortler. Für ALPIN nahm sich Messner einen ­ganzen Tag lang Zeit.

© Daniel Hug

Sie können mir doch nicht erzählen, dass Sie in der Todeszone nie Angst hatten.

Für so einen Grenzgang auf 8000 Meter und mehr sind monatelange Vorbereitungen nötig. Erst wenn ich mir sicher bin, gehe ich Richtung Gipfel. Bei einem Drittel meiner Besteigungen habe ich mich dagegen entschieden. Ein Grund, warum ich hier mit Ihnen sitze und reden kann.

Wann haben sie zuletzt an ihren verstorbenen Bruder Günther gedacht?

Gestern Abend. Vor einiger Zeit erhielt ich Rechte von den Original-Filmaufnahmen unserer Nanga-Parbat-Expedition. Weil ich die Videos nicht auf dem Laptop hochladen konnte, bat ich meine Tochter Anna, mir nach dem Abendessen zu helfen. Sie war müde, wollte schlafen gehen. Als sie ihren Onkel Günther dann "live" sah, war sie wieder hellwach. Sie hat die Tragödie mehr berührt als mich.

Hat Sie das emotional nicht ergriffen?

Für mich ist Günther nie wirklich gestorben. Ich bin der festen Meinung, dass ein Mensch erst tot ist, wenn niemand mehr an ihn denkt. Ich denke immerzu an ihn. Jeden Tag seit dem 29. Juni 1970. Ich träume auch von ihm. Wenn ich hier an "unseren" Wänden vorbeifahre, die wir gemeinsam durchstiegen haben, ist er mir allgegenwärtig. In diesen Momenten frage ich mich: "Wie sähe unser Leben heute aus, wenn wir das Unglück beide überlebt hätten?"

<p>Die Maskensammlung aus fünf Kontinenten ist nur eine der vielen Sehens­würdigkeiten auf Schloss Juval: <a href="http://www.messner-mountain-­museum.it" rel="nofollow" target="_blank">messner-mountain-­museum.it</a></p>

Die Maskensammlung aus fünf Kontinenten ist nur eine der vielen Sehens­würdigkeiten auf Schloss Juval: messner-mountain-­museum.it

© Daniel Hug

Vermissen Sie Ihren Bruder?

Ich habe mich ja nie von ihm verabschiedet. Ich lebe nach wie vor mit ihm an meiner Seite. Mehr noch: Seit seinem Tod habe ich das Gefühl, dass er mir von seiner Kraft und ­Energie übertragen hat. Deshalb fühle ich mich manchmal so stark. Unsere Seilschaft wird für immer bestehen bleiben.

Waren Sie immer zu zweit unterwegs?

Günther war nicht nur mein Bruder, Freund, er war der beste Seilpartner, den ich mir vorstellen konnte. Wir teilten am Berg alles: Freude, Glück, Angst. Und wir waren richtig gut drauf. Wir haben uns in den Dolomiten die wildesten Wände vorgenommen, in denen wir noch nicht waren. Wir wollten alle kennen! Ganz egal, wie schwer die Route, wie hoch die Wand, wie anspruchsvoll die Tour war.

Reinhold Messner: "Ich werde niemals aufhören, auf Berge zu steigen"

Sie fühlten sich unbesiegbar?

Wir fühlten uns wie Jung-Siegfried aus der Nibelungensage. Wir waren der festen Überzeugung, dass wir unverwund­bar wären, uns nie etwas passieren könnte. Keiner von uns hätte je im Traum gedacht, dass einer umkommen könnte.

Heute sind Sie viele Jahre älter. Steigen Sie noch auf Berge?

Ich werde niemals aufhören, auf Berge zu steigen.

<p>Reinhold Messner im Interview mit ALPIN.</p>

Reinhold Messner im Interview mit ALPIN.

© Daniel Hug

Sie haben vor 20 Jahren gesagt: „Wenn ich keine Visionen mehr habe, bringe ich mich um.“ Also – haben Sie noch Visionen?

Und wie! Mit Diane habe ich mir überlegt, was ich mit ­meinem Erbe mal machen sollte. Deswegen haben wir "Messner Mountain Heritage" gegründet. Damit will ich das Narrativ zum traditionellen Alpinismus an die nächste Generation weitergeben.

Haben Sie bis heute irgendwas vermisst?

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich ein Privilegierter bin, weil ich als eine Art Stellvertreter ein Leben lang meine Spinnereien am Berg, in der Wüste oder in der Antarktis ausleben durfte. Diese Chancen haben nur wenige Menschen. Dafür bin ich – wem auch immer – dankbar.

In unserer Bildergalerie erfahrt ihr etwas über alle wichtigen Stationen im Leben von Reinhold Messner:

Reinhold Messner über die Beziehung zu seinem Vater

Sie gingen auch in die Berge um vor Ihrem Vater zu flüchten. In dem Film "Messner" sagt einer ihrer Brüder, dass ihr Vater sie "brechen wollte". Warum macht ein Vater so etwas?

Diese Frage sollten Sie einem Psychologen stellen, der sich mit Wehrmachts-Soldaten auseinandersetzt. Viele Kämpfer wurden beim Militär oder im Krieg gebrochen – auch mein Vater Josef. Hinzu kam seine Angst, dass ich mit meiner "völlig nutzlosen Kletterei" unsere Familie lächerlich machen würde. Deshalb hat er uns stets klein gehalten.

Stimmt es, dass Sie Ihren Bruder heulend in der Hundehütte fanden…

…nachdem mein Vater ihn verdrosch. Er war wirklich sehr streng. Ich wusste zwar, dass ihm das Leid tat, sich bei meinem Bruder entschuldigen konnte er sich trotzdem nicht. Der Krieg hatte ihn zerstört. Mit den vielen Enttäuschungen und Aggressionen konnte er weder umgehen noch damit leben.

<p>Nachdenklich: Reinhold Messner äußert sich zum schwierigen Verhältnis zu seinem Vater.</p>

Nachdenklich: Reinhold Messner äußert sich zum schwierigen Verhältnis zu seinem Vater.

© Daniel Hug

In einem Interview haben Sie mal gesagt dass Ihr Vater "im Geiste ein Nazi“"war. Ist das vielleicht der Grund, warum Sie das traditionelle "Berg Heil" verachten?

Schon als Kind fand ich den Gipfelgruß, diesen nationalistischen Spruch unter Bergsteigern schrecklich. Wenn ich in Südtirol jemand grüßte, dann sagte ich ganz normal "Grüß Gott" oder in Tibet "Tashi delek", was "Glück und Frieden" bedeutet oder "Namaste", "Gruß an das Göttliche". Auf dem Weg zum Berg hatte ich das tibetische "Kalipeh" im Kopf, das übersetzt "ruhigen Fußes" bedeutet.

Wie haben Sie auf die Wutausbrüche Ihres Vaters reagiert?

Ich ließ mir nichts gefallen, lehnte mich ständig gegen ihn auf. Deswegen stritten wir oft. Wenn meine Mutter sich nicht mit uns Kindern solidarisiert hätte, mein Vater hätte mich eines Tages rausgeschmissen. Doch meine Mutter war stets das ausgleichende und besonnene Element im Gegensatz zum patriarchalischen Vater.

<p>Ließ und lässt sich nichts gefallen: Reinhold Messner.</p>

Ließ und lässt sich nichts gefallen: Reinhold Messner.

© Daniel Hug

Als ich 13 oder 14 war hörte das auf. Er wusste, dass ich stärker war als er, er nicht mehr zuschlagen durfte. Sonst wäre alles in einer Katastrophe geendet. In dieser Zeit habe ich gelernt, jeden noch so großen Widerstand zu überwinden – am Berg und in den eigenen vier Wänden. Eine wichtige Schule.

Haben Sie Ihren Vater geliebt?

Ich habe ihn später verstanden.

Quiz: Teste dein Wissen über Reinhold Messner

Text von ALPIN / Andreas Haslauer

1 Kommentar

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jonsen

Reinhold rockt einfach.
Würde mir von einigen mehr machmal so eine klare Kante gegen schlechte und fragwürdige Entwicklungen wünschen wie von ihm.