Der Südtiroler spricht über die Risiken am Berg und seine Definition von "richtigem" Bergsteigen.

ALPIN-Autor Andreas Haslauer traf Reinhold Messner auf Schloss Juval und befragte den Hausherren über den Alpinismus damals und heute, seinen Umgang mit Ängsten sowie die Verbindung zu seinem Bruder Günther. Das komplette Interview findet ihr in unserer Juni-Ausgabe. Auf alpin.de präsentieren wir euch das Gespräch als kleine Serie. Klickt hier, um direkt zum zweiten Teil zu kommen, hier findet ihr den dritten Teil des Interviews

Reinhold Messner im Interview

Andreas Haslaueer im Interview mit Reinhold Messner. 

| © Daniel Hug

Herr Messner, was können die Menschen von einem Alpinisten lernen?

Sich nicht im Alltag zu verlieren, sondern das machen, was sie eigentlich viel lieber tun würden. Ich wäre der unglücklichste Mensch auf Erden, wenn ich immerzu auf meine Träume hätte verzichten müssen. Ich habe meine Träume gelebt. Und die, die ich noch habe, verwandle ich zu gelingendem Leben, im Hier und Jetzt.

An den Achttausendern ist die Mortalitätsrate so hoch, dass Sie statistisch gesehen eigentlich tot sein müssten.

Mehr als die Hälfte der absoluten Spitzenbergsteiger sind am Berg ums Leben gekommen. Erst vor zwei Jahren starben David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley.

Was haben die drei falsch gemacht? Hätten sie das Unglück verhindern können?

Nichts haben sie falsch gemacht! Das war einfach nur Pech. Sie hätten zu Hause auf dem Sofa bleiben können, aber das hätte keinen von ihnen glücklich gemacht. So haben die drei – absolute Ausnahme-Alpinisten – dort oben ihren frühen Tod gefunden.

Was passiert mit Menschen, die am Berg zu sehr ins Risiko gehen?

Meist leben die, die sich für unsterblich halten, nicht lange. Ich hatte immer nur ein einziges Ziel: erst überleben, dann heimkommen. Es ist das schönste Gefühl, vom Berg zurückzukommen.

Sie verbrachten die Corona-Quarantäne bei Ihrer Partnerin Diane Schumacher. Haben Sie Ihre Südtiroler Berge vermisst?

Nein, weil ich alle Berge dieser Welt in meinem Kopf gespeichert habe. Vor allem die, auf denen ich schon stand. Womit ich am Anfang wirklich zu kämpfen hatte, war der Alltag. Ich bin ein Mensch, der Strukturen braucht. Also habe ich mir selbst Aufgaben auferlegt. Indem ich ein neues Buch geschrieben habe.

Um was geht es darin?

Um den Alpinismus im Großen und Ganzen. Zwar steht es eigentlich niemandem auf dieser Welt zu, "richtiges Bergsteigen" genau zu definieren – ich mache es trotzdem. Schauen Sie: Der traditionelle Alpinismus ist ein 250-jähriger Entwicklungsprozess. Das heißt, er basiert auf Traditionen und findet in archaischen Landschaften nach anarchischen Verhaltensmustern statt. Im Herzen bin ich ja ein alpiner Anarchist geblieben.

Stirbt der Alpinismus aus?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Keine frühere Generation von Bergsteigern, Skitourengehern und Kletterern war so fit und austrainiert wie die heutige. Vor jedem einzelnen ziehe ich den Hut. Das, was die Mädels und Jungs aber vergessen, ist, dass das Klettern in der Halle nichts mit traditionellem Alpinismus zu tun hat. Nichts! 

Die klettern in der Halle großartig wie Äffchen eine Palme hoch. Nicht viel anders ist es heutzutage an den Achttausendern. Unter dem Strich ist eine Heerschar von Ärzten, Köchen und weiß Gott noch wem damit beschäftigt, den Berg-Yuppies jeden Morgen in die Schuhe zu helfen.

Wie nennen Sie diese Art von Alpinismus?

Das ist kein Alpinismus, das ist eine Form von Tourismus. Davon wollen alle Weltklasse-Athleten und Extrem-Kletterer allerdings nichts wissen. Sie suchen sich lieber anspruchsvolle und herausfordernde Routen auf Sechs- und Siebentausendern aus. Weil sie wissen, dass dort keine Hipster hinkommen.

 Alexander Huber klettert die Zinnen-Nordwand solo, Alex Honnold den El Capitan – eine 1000 Meter hohe, senkrechte Wand im Yosemite Nationalpark. Das können nur die, über die ich in meinem neuen Buch "Grenzgang" schreibe. "Möchtegerne" kommen darin nicht vor.

Quiz: Teste dein Wissen über Reinhold Messner

+++ Alle unsere Berg-Rätsel für SchlauBERGer findet ihr hier. +++

Text von ALPIN / Andreas Haslauer

2 Kommentare

Kommentar schreiben
Christine Clark

Draussen sein lehrt Demut. Auch umkehren, wenn das Risiko zu hoch ist, gehört dazu. Reinhold Messner hat immer den richtigrn Zeitpunkt erkannt. Er lebt mit der Natur, nicht gegen sie.

Thomas Görig

Hallenklettern ist wie zwischenmenschlicher körperlicher mechanischet Kontakt mit Ki oder wie Surfen auf einer künstlichen Welle in einer Halle, irgendetwas geschieht dabei weicht aber von der Realität bei Weitem ab, Fels muss man riechen, spüren, schmecken das Wetter darsuf