Wer ist eigentlich ... ?

Adrian Zurbrügg: "Ich wollte nie ins Spinnennetz des Sponsorings"

Wer ist eigentlich Adrian Zurbrügg? Seine Tourenpartner Nicolas Hojac und Philipp Reiter sind als Athleten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Der Schweizer Alpinist Adrian Zurbrügg ist zwar gerne bei schnellen Rekordaktionen dabei, hält sich sonst allerdings im Hintergrund, postet wenig in den sozialen Medien und lehnte alle angebotenen Sponsorenoptionen ab. ALPIN-Volontärin Lubika Brechtel traf Adrian in Visp zum Interview. Ein Gespräch über Bescheidenheit, Freiheit und leidenschaftliches Bergsteigen.

Adrian vor dem Start des Seven-Summits-Projekts.
© Philipp Reiter

ALPIN: Adrian, Fels oder Eis?

Definitiv Fels. Ich war eine Zeitlang viel Eisklettern, aber die objektiven Gefahren und das ganze Drumherum haben mich abgeschreckt. Vor einigen Jahren beobachtete ich einen Unfall, bei dem jemand ungebremst hundert Meter abstürzte. Er fiel nicht weit entfernt neben mir zu Boden – und überlebte. Ein riesen Wunder. Aber das war für mich eine sehr prägende Situation. Im senkrechten Eis bin ich seitdem kaum noch unterwegs, aber kombinierte Touren, wie Mönch-Nollen liebe ich.

ALPIN: Verrätst du uns deinen Hausberg?

Mein Hausberg ist das Stockhorn, ein mega schöner Berg zum Trainieren. Dort bin ich oft. (Anm. d. Red. Das Stockhorn ist ein 2190 m hoher Berg im Berner Oberland). Mittlerweile habe ich Frau und Kinder, da muss ich schauen, dass ich das Training kurz und kompakt halte.

ALPIN: Deshalb also die Geschwindigkeit?

Schnelligkeit ist familienkompatibel (lacht). Für das Projekt "Seven Summits der Alpen" habe ich die Nacht zum Tag gemacht: Ich bin fürs Training um 2 Uhr aufgestanden, um pünktlich um halb 8 bei der Arbeit zu erscheinen.

<p>Tag fünf des Seven-Summit-Projekts: am Gipfel des Großglockners, dem Dach Österreichs.</p>

Tag fünf des Seven-Summit-Projekts: am Gipfel des Großglockners, dem Dach Österreichs.

© Philipp Reiter

ALPIN: Wie kamst du zum Bergsteigen?

Mein Vater hat mich schon sehr, sehr früh mitgenommen. Mit ihm habe ich die meisten Touren gemacht, z. B. mit 8 Jahren den Mönch, meinen ersten 4000er. Mit 14 Jahren standen wir gemeinsam auf dem Matterhorn. Also, meine Leidenschaft fürs Bergsteigen kommt nicht von ungefähr.

Ich habe dann 10 Jahre ziemlich intensiv Sport gemacht, nahm an diversen internationalen Läufern teil, z. B. zwei Mal am Transalpine Run. Aber immer im Zusammenhang mit Bersteigen. Ich hatte den Fokus nie ausschließlich auf dem Laufsport.

ALPIN: Würdest du dich selbst als Profi bezeichnen?

Nein, ich bin völliger Amateur. Mit 16 habe ich eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner gemacht und arbeite seitdem in dem Beruf.

ALPIN: Welche war deine brenzligste Situationen am Berg?

Das war am Eiger. Mit einem Freund stieg ich in die Lauper-Route (Anm. d Redaktion Eiger-Nordostwand; AS-; Fels: IV, Eis: bis 60 Grad) ein und wir gerieten in einen Wettersturz. Hagel, Gewitter, volles Programm. Wir waren ungesichert, da man in der Route nicht sichern kann und wurden deshalb fast aus der Wand gespült. Bei einem Sturz wären wir über 1000 Meter gefallen. Gottseidank konnten wir uns mit den Eisgeräten festhalten. Wir sind dann irgendwie zur Mittellegihütte geklettert und wurden von dort per Heli ausgeflogen. Mein Tourenpartner von damals hat nach dieser Tour fast komplett mit dem Bergsteigen aufgehört.

<p>Adrian überlebte mit Glück einen Wettersturz am Eiger.</p>

Adrian überlebte mit Glück einen Wettersturz am Eiger.

© Adrian Zurbrügg

ALPIN: Wirst du gesponsert? Du hattest sicher einige Anfragen.

Ich bin völlig sponsorenfrei, lebe nicht vom Alpinismus. Meine Geldquelle ist mein Beruf, und ehrlich: Ich bin auf den Fame nicht angewiesen. Das finde ich sehr angenehm. Ich wollte nie in dieses Spinnennetz geraten, wo ich abhängig bin, mich ständig positionieren muss und Likes das Wichtigste sind. Viele in der Szene atmen für das. Rekorde sind für mich nicht das Wichtigste, sondern Leidenschaft und Abenteuer. Und Bescheidenheit. Mit dieser Einstellung bist du völlig frei.

Aber ja, ich hatte Anfragen, manche waren mehr, manche weniger interessant. Aber ich habe immer abgelehnt. Erstens: Ich habe genug Kleidung, brauche nicht ständig neue. Wenn etwas kaputt geht, lasse ich es reparieren. Zweitens: Dieses "Von Kopf bis Fuß ausgestattet"-Werden ist für mich eine Art Realitätsverlust, den ich persönlich nicht will.

ALPIN: Sprung zum Rekord am Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau: Nicolas Hojac und du habt 13 Stunden und 8 Minuten für die Überschreitung gebraucht. War es euer Ziel, die Zeit von Ueli Steck zu toppen?

Wir wollten schnell sein, aber wir wussten auch: Wir sind zu zweit. Dennoch waren Nico und ich immer auf der Ideallinie, weil wir die Tour so gut kennen. Und wir wussten, wenn alles passt, können wir deutlich schneller sein als Ueli. Ziel war nicht der direkte Vergleich, aber natürlich stand die Zeit für uns als zweite Wiederholer im Raum.

<p>Flink: Adrian und Nicolas während ihrer Rekordüberschreitung des Berner Dreigestirns. Für Adrian war es das 44. Mal auf dem Eiger.</p>

Flink: Adrian und Nicolas während ihrer Rekordüberschreitung des Berner Dreigestirns. Für Adrian war es das 44. Mal auf dem Eiger.

© Mammut

Dadurch gerät man als Alpinist schnell in die Kritik. Aber wir wussten: Ueli hat das Projekt nicht so ausgereizt, wie wir. Er hat die Tour in einem anderen Stil gemacht, z. B. ließ er eine heikle Passage am Jungfrau-Ostgrat aus, nahm sich am Jungfraujoch und an der Rottalhütte Zeit für ein Gespräch und verstieg sich kurz auf dem Rottalgrat. Er ist nicht so durchgerannt wie wir, man kann die Leistungen also nur bedingt vergleichen. Das wurde in einigen Medien leider nicht so dargestellt, wie wir es kommuniziert hatten.

ALPIN: Was war die Motivation für das Seven-Summits-Projekt mit Philipp Reiter?

Die Ursprungsidee, die sieben höchsten Gipfel der Alpenländer in sieben Tagen zu besteigen, kam von Dynafit-Chef Beni Böhm. Die Gruppe aus sieben Männern stand allerdings nicht auf der Dufourspitze, was nach außen aber nicht kommuniziert wurde. Ohne die Leistung herabwürdigen zu wollen, sind das für mich nur Six und keine Seven Summits. Das hat mich dazu veranlasst, die Touren selbst machen zu wollen.

<p>Adrian und Philipp am Gipfel der Dufourspitze.</p>

Adrian und Philipp am Gipfel der Dufourspitze.

© Philipp Reiter

Beim ersten Versuch mit einem Freund sind wir gescheitert, weil er sich verletzt hatte. Beim zweiten Anlauf kam der erste Corona-Lockdown. Und beim dritten Anlauf, der geklappt hat, hatte ich ursprünglich erst Stephan Hugenschmidt und dann Laura Dahlmeier angefragt. Am Schluss waren es dann nur der eigentliche Fotograf, Philipp Reiter, und ich. (lacht)

ALPIN: Ein Kritikpunkt am Projekt war, dass es bei solchen Rekordaktionen nur um ein "Höher, Schneller, Weiter" geht. Was antwortest du auf diesen Vorwurf?

Ich verstehe, warum Kritik aufkommt. Als Leser:in kennt man die Profis nicht persönlich und weiß nicht, welche Einstellung dahintersteckt. Ich verstehe schon, dass ein Negativtrend und falsche Denkweisen dahinter vermutet werden können. Aber mal ehrlich: Schneller zu sein als andere ist keine Kunst, weil: Auch unsere Zeit wird wieder unterboten werden. Die Menschen, von denen negative Kommentare kommen, denken vermutlich, dass wir alle Getriebene sind. Bei mir persönlich ist das nicht der Fall, aber ich verstehe den Gedanken.

Für mich ist die Einstellung wichtig: Für was mache ich das? Wie mache ich das? Und wenn beides für mich passt, kann ich Kritik auch annehmen. Weil ich für mich weiß: Ich bin nicht getrieben, kann die Touren genießen. Die Seven Summits waren für mich eine Woche des Limits, aber auch eine Woche der totalen Inspiration, Freundschaft, Bergerlebnisse. Mein Kopf kam gar nicht mehr hinterher wegen der ganzen Eindrücke.

Ich habe nicht den Anspruch, etwas in Stein zu meißeln. Leistung ist nichts, was bleibt. Für mich ist Alpinismus nicht nur schnell sein, es ist auch langsam sein. Berge zu genießen bedeutet für mich auch, mit Leuten unterwegs zu sein, die sportlich nicht mein Niveau haben. Wenn du schnell sein kannst, kannst du auch langsam gehen. Umgekehrt ist das schwieriger (lacht).

ALPIN: Was ist dein nächstes Ziel?

Das ist tatsächlich ein privates. Im Dezember werde ich zum zweiten Mal Vater. Das ist unser Familienziel. Sportlich bin ich gespannt, was es wird. Ich habe schon Ideen, aber noch nichts Spruchreifes. Es kommt auch darauf an, ob ich mein Niveau halten kann. Mal schauen, da bin ich völlig ungezwungen.

Alle Bilder zu Adrians Besteigung der sieben höchsten Alpengipfel könnt ihr hier ansehen:

Text von Lubika Brechtel

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