Die Südtiroler Alpinistin Tamara Lunger spricht über ihre dramatische K2-Winterexpedition.

Zum K2 hat Tamara Lunger eine ganz besondere Beziehung. Der zweithöchste Berg der Erde war der erste Achttausender, den die Alpinistin ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff besteigen konnte. 

Keine Einheit am Berg

Der Schein trügt: Die Chemie zwischen Tamara Lunger und ihrem Seilpartner Alex Gavan stimmte nicht. 

| © Archiv Tamara Lunger

Sieben Jahre nach diesem Meilenstein kehrte die Südtirolerin ins Karakorum zurück, um sich an der Winterbesteigung des 8611 Meter hohen Berges zu versuchen. Für die 34-Jährige stand dabei von Anfang an fest: Wenn auf den Gipfel, dann auch dieses Mal - wie 2014 - nur "by fair means", also ohne künstlichen Sauerstoff. 

Im K2-Basislager

Kampf mit dem Kocher: Tamara Lunger im Basislager des K2.

| © Archiv Tamara Lunger

Diese "Strategie" rettete Lunger vielleicht das Leben. Nach dem tödlichen Absturz von Sergi Minote am 16. Januar beendete Lungers Seilpartner Alex Gavan überraschend die Expedition. Die Südtirolerin schloss sich daraufhin mit dem chilenischen Bergsteiger Juan Pablo Mohr, zusammen, der zuvor mit Sergi Minote ein Team gebildet hatte. Um die erstmalige Besteigung des Berges im Winter ging es für die beiden nicht mehr, denn diese war am 16. Januar zehn nepalesischen Bergsteigern gelungen.

Im Zelt

"Zimmer mit Aussicht": Tamara Lunger relaxed im Zelt.

| © Archiv Tamara Lunger

Mohr und Lunger hatten geplant, am 04. Februar bis zum Lager IV aufzusteigen, um von dort aus einen Gipfelversuch zu wagen. Beim Aufstieg hatte die 34-Jährige aber mit Magenproblemen und der eisigen Kälte zu kämpfen. 

Am K2

Blick auf den Baltoro-Gletscher.

| © Archiv Tamara Lunger

Mit Mohr schleppte sich Lunger noch ins Lager III auf rund 7350 Meter Höhe. An einen Gipfelgang, noch dazu ohne Verwendung von Flaschensauerstoff, war aber nicht mehr zu denken. Denn dafür hätte sie ein viertes Lager gebraucht. Sechs oder sieben Stunden in der Nacht zu gehen, sei für sie unmöglich, so die Südtirolerin: "Mir kommt die Kälte in der Dunkelheit noch viel kälter vor."

Für Lunger kam folglich nur der Abstieg in Frage, ihr Seilpartner schloss sich der Dreierseilschaft um John Snorri Sigurjonsson, Muhammad Ali Sadpara und dessen Sohn Sajid an. Die vier Männer starteten am 05. Februar Richtung Gipfel. Aufgrund eines Defektes an seinem Sauerstoffgerät konnte Sajid den Aufstieg aber nicht fortsetzen und kehrte um. Von dem Trio Sigurjonsson-Sadpara-Mohr fehlt seitdem jede Spur, die drei wurden für tot erklärt. 

K2

K2 im Mondschein.

| © Agnese Frigerio

Tamara Lunger kehrte am 07. Februar wohlbehalten ins Basislager zurück. Dort hielt sie jedoch nichts mehr: "Nach dem allen, was passiert ist: Ich habe gespürt, dass meine Eltern es extrem brauchen, dass ich nach Hause komme. Der Wunsch, dass ich nach Hause komme war so groß wie nie. Und wie mein Vater mich umarmt hat, da habe ich seine große Erleichterung gespürt."

ALPIN sprach mit Tamara Lunger über die K2-Winterexpedition

Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod", so lautet der Titel Deines 2017 erschienenen Buches. Würdest Du nach der diesjährigen K2-Winterexpedition einen anderen Titel wählen?

"Momente, in denen ich dem Tod so nah bin, wie im Januar und Februar am K2, machen mich lebendig, da lerne ich viel über mich. Ich selbst habe mich bei dieser Expedition nicht in Lebensgefahr gesehen. Aber ich habe andere Menschen sterben sehen. Ich war dabei, als Sergi Mingote abgestürzt ist und ich war bei ihm, als er gestorben ist, bis zu seinem letzten Atemzug. Natürlich hat der Tod von Sergi Spuren hinterlassen. Immer als ich an der Stelle vorbeikam, an der er nach seinem Absturz zum Liegen gekommen war und wo er auch gestorben ist, konnte ich nicht dorthin schauen. Ich habe aber gebetet, dass er auf uns schaut und mit seiner Energie bei uns ist und uns hilft. Aber wenn man so eine tiefe Leidenschaft für Berge hat wie ich, dann kann der Tod einen nicht davon abhalten. Man muss von Situation zu Situation neu entscheiden."

Harmonisches Team

"Magisches" Duo: Tamara Lunger und Juan Pablo Mohr.

| © Archiv Tamara Lunger

Wie geht man auf Expedition damit um, dass ein Mensch, den man liebgewonnen, mit dem man sich angefreundet hat, plötzlich nicht mehr da ist, weil er das Opfer einer Gefahr wurde, der man selbst sich auch aussetzt. Kannst Du das so einfach ausblenden und weitermachen als sei nichts gewesen?

"Ich wusste in dem Moment tatsächlich nicht, wie es weitergehen soll. Für mich war es deshalb sehr wichtig zu bleiben, um das Erlebte zu verdauen. Alex Gavan, mit dem ich ursprünglich den K2 besteigen wollte, ist abgereist. Er ist mit dem Nepali-Gipfelteam, das mit Hubschraubern geholt wurde, aus dem Basislager geflogen. Das mit Alex hat einfach nicht gepasst. Wir waren zu unterschiedlich. Ich hatte ihm schon vor dem Absturz von Sergi gesagt, dass wir so nicht weitermachen können. Ich bin also geblieben und ich weiß jetzt, dass wenn ich gegangen wäre, ich etwas sehr Wichtiges verpasst hätte." 

Nämlich?

"JP. Das mit ihm war magisch!"

JP? Du meinst den Chilenen Juan Pablo Mohr.

"Ja. Wir haben uns erst bei dieser K2-Expedition kennengelernt, hatten uns vorher nie getroffen. JP war eigentlich mit Sergi Mingote unterwegs. Es war mit JP eine sehr intensive Zeit. Vielleicht deshalb, weil wir uns nach Sergis Tod gegenseitig gebraucht haben. Wir haben viel über Sergi geredet. Beim Aufstieg hatte ich wirklich das Gefühl, dass wir zu dritt unterwegs sind – Sergi, JP und ich. Mit JP habe ich mich blind verstanden. Wir haben sogar Pläne für die Zukunft gemacht. Ich dachte: Cool, das ist mein neuer Partner für die nächsten Expeditionen. Und er hat mir versprochen: Sollte er es an diesem 5. Februar auf den Gipfel des K2 schaffen, würde er mit mir später noch einmal aufsteigen."

Trauer um Juan Pablo Mohr

Gedenken an den chilenischen Alpinisten Juan Pablo Mohr, der seit dem 05.02. am K2 vermisst wird.

| © Archiv Tamara Lunger

Bis heute weiß niemand, was an diesem Tag passiert ist, weshalb Juan Pablo Mohr, der Pakistani Ali Sadpara und der Isländer John Snorri Sigurjónsson nicht mehr zurückgekehrt sind ...

Wie Tamara Lunger mit dem Verlust umgeht, was die Erlebnisse am K2 emotional für sie bedeuten, ob diese die gläubige Südtirolerin an Gott zweifeln lassen und ob der K2 im Winter nicht zu anspruchsvoll für eine Frau ist: Das alles und noch mehr lest ihr im kompletten Interview von Stephanie Geiger mit Tamara Lunger in ALPIN 5/2021.

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