Am 27. August 1820 wurde Deutschlands höchster Berg erstmals nachweislich bestiegen.

An Schlaf war für Josef Naus in der Nacht vor dem historischen Gipfelgang nicht zu denken. Der Leutnant, der im Auftrag des bayerischen Monarchen Maximilian I. die Zugspitze für den "Atlas von Bayern" vermessen sollte, wurde von Ungeziefer geplagt. 

Ausschnitt einer um das Jahr 1770 entstanden Karte der Zugspitzregion, die 2006 im Archiv des Deutschen Alpenvereins wiederentdeckt worden war. Darauf finden sich auch Angaben zu Etappen und Gehzeiten, unter anderem für den Weg „ybers blath uf Zugspitze". Der Fund nährte Spekulationen, dass die Zugspitze weit früher als bisher angenommen bestiegen worden sein könnte. Historiker sehen in der Karte jedoch keinen Beleg für eine frühere Erstbesteigung des Berges.

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In einer einfachen Hirtenunterkunft, an deren Stelle heute die Reintalangerhütte zu finden ist, wurde der 27-jährige Vermessungstechniker so "von einer Menge Flöhe dergestalt gemartert", dass er - wie der Tiroler in sein Tagebuch notierte - "wachend am Feuer die halbe Nacht mit Tötung derselben zubringen musste". 

Gegen 04:00 Uhr morgens war das Martyrium für Naus schließlich vorüber; dann brach er mit seinen beiden Begleitern, dem Offiziersburschen und Messgehilfen Maier sowie dem Garmischer Bergführer Johann Georg Tauschl, Richtung Zugspitzgipfel auf.

Vom Nördlichen Schneeferner aus - den Aufstiegsweg hatte Naus bis zu diesem Punkt bereits einige Tage vorher erkundet - versuchte die Dreierseilschaft über den Westgrat bis zum Westgipfel zu gelangen, was zunächst nicht gelang.

Im zweiten Anlauf erreichten die drei Männer, nach achtstündigem Aufstieg, schließlich gegen 11:45 Uhr den höchsten Punkt. Oben angekommen, wurden sie von einem "Donnerwetter mit Schauer und Schneegestöber" empfangen. Unweit des Gipfels "betäubte uns ein Blitz und ein zu gleicher Zeit erfolgter Donnerschlag dergestalt, daß wir glaubten, alle Berge müßten zusammenstürzen", vertraute Naus seinem Tagebuch an. 

Bei dichtem Nebel und starkem Regen geriet der Abstieg für die Seilschaft zu einem lebensgefährlichen Unterfangen. Am frühen Morgen des 28. August erreichten Naus, Tauschl und Maier wohlbehalten schließlich wieder das "Flohhüttchen" im Reintal. 

Historische Postkarte aus dem Jahr 1912 mit dem 2.964 Meter hohen Westgipfel. 

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Von der historischen Begehung nahmen die Zeitgenossen kaum Notiz. Und der 2.964 Meter hohe Westgipfel, auf dem die drei Erstbesteiger als Zeichen ihrer Anwesenheit am 27. August 1820 einen Bergstock samt Tuch zurückgelassen hatten, wurde 1938 von den Nationalsozialisten eingeebnet, weil an der Stelle eine Flugleitstelle gebaut werden sollte. 

Somit markiert der 2.962 Meter hohe Ostgipfel, auf dem 31 Jahre nach der Erstbesteigung des berühmte goldene Gipfelkreuz errichtet wurde, heute den höchsten Punkt auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland.