Zwei Jahre nach der erstmaligen Besteigung des Everest ohne Verwendung von Flaschensauerstoff mit Peter Habeler setzte Reinhold Messner an dem höchsten Berg der Erde noch einen drauf.

Messner hat die Grenzen des Alpinismus verschoben. Zuerst als junger Kletterer vor allem in den heimatlichen Dolomiten, in den Siebzigern und frühen achziger Jahren dann an den größten Bergen der Welt. Die Liste seiner Erstbesteigungen und von ihm gesetzten Marksteine reicht locker für zwanzig Bergsteigerleben:

Gefragter Mann: Reinhold Messner bei der Ankunft am Flughafen München nach der Solo-Besteigung des Mount Everest 1980.

Gefragter Mann: Reinhold Messner bei der Ankunft am Flughafen München nach der Solo-Besteigung des Mount Everest 1980.

| © Imago / United Archives

Eröffnung des siebten Grades, erste Besteigung eines Achttausenders im Alpinstil (1975 mit Peter Habeler am Gasherbrum I), erste Überschreitung eines Achttausenders, als erster Mensch ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest (Mai 1978 mit Peter Habeler), erste Solobegehung eines Achttausenders (Nanga Parbat, August 1978), erste Achttausender-Doppelüberschreitung (Gasherbrum I und II, 1984), schließlich als erster Mensch auf allen vierzehn Achttausendern der Erde (1986) - um nur einige der wichtigsten Stationen zu nennen.

Selbst für Messnersche Verhältnisse ist der 20. August 1980 ein besonderes Datum, das "i-Tüpfelchen" auf seine bergsteigerischen Ausnahmeleistungen, wie der heute 75-Jährige später einmal sagte. An diesem Tag gelang es dem Südtiroler zum zweiten Mal den Gipfel des Mount Everest zu erreichen. Wieder ohne Verwendung von Flaschensauerstoff - aber dieses Mal im Alleingang und auf einer teilweise neuen Route! Eine alpine Glanzleistung, die vor ihm noch niemandem gelungen war.

Grenzgänger: Reinhold Messner berichtet am 01. Januar 1981 in München von seiner Everest-Expedition.

Grenzgänger: Reinhold Messner berichtet am 01. Januar 1981 in München von seiner Everest-Expedition.

| © Imago / United Archives

Messner wählte für seine Solo-Besteigung die tibetische Nordseite. Unterhalb des Nordostgrates querte der Südtiroler damals die Nordflanke und erreichte über das Norton-Couloir schließlich - nach 72 Stunden am Berg - den Gipfel des Achttausenders.

"Allein am Berg. Es gab keine Spur, kein Zelt, kein Fixseil. Ich war am Ende unendlich weit weg von der Sicherheit", erinnert er sich. "Ich hatte ganz oben immerzu Angst, dass meine Spur verweht, war ich doch beim Abstieg auf die Spur angewiesen - sonst hätte ich mich da oben verloren." Für seinen sensationellen Alleingang benötigte Messner insgesamt fünf Tage. "Das ist eine lange Zeit. Im Unterbewusstsein ist das wie ein Monat."

Reinhold Messner im Interview

Anlässlich des 40. Jahrestages dieses alpinistischen Meilensteins hat sich Stefan Nestler von Abenteuer Berg mit dem Südtiroler unterhalten. 

Reinhold Messner, denken Sie heute noch manchmal an jenen 20. August 1980, als Sie nach Ihrem Alleingang den Gipfel des Mount Everest erreichten?

Viel weniger, als ich nach wie vor an den Nanga Parbat denke, den ich zehn Jahre vorher bestiegen habe. Die Geschichte vor 50 Jahren, die Tragödie mit dem Tod meines Bruders, ist viel nachhaltiger in meinem Bewusstsein geblieben als der Everest-Alleingang. Dennoch war das Solo am Mount Everest eine Art Schlussakkord in meiner Entwicklung vom Nanga Parbat 1970 über den Hidden Peak 1975, den Everest ohne Maske und das Solo am Nanga Parbat (beides 1978) bis zum K2 (1979). Danach habe ich zum Sprint angesetzt, alle Achttausender zu besteigen.

Sie schreiben in einem Ihrer Bücher über die letzten Meter bei ihrem Everest-Solo: "Es war eine unendliche Qual". Wie fertig waren Sie damals? 

Ich war 1980 am Everest so fertig wie nie zuvor und auch danach nicht mehr. Ich hatte fantastisches Wetter, war sehr gut akklimatisiert und kam im unteren Teil des Bergs sehr gut voran. Das hat mich fröhlich und zuversichtlich gestimmt. Wenige hundert Meter unter dem Gipfel hat dann allerdings das Wetter zugemacht. Es kroch Nebel von der Südseite herauf, der über die Grate und den Gipfel nach Norden herunterschwappte. Ich hatte dann plötzlich Angst, ich würde die Orientierung verlieren. Es nieselte winzige Schneeflocken.

Wenn ich meine Spur, die nur wenig in den Firn einbrach, beim Heruntergehen nicht wiedergefunden hätte, hätte ich mich da oben verloren. Ich habe mich also bemüht, ein wenig schneller zu steigen. Das funktionierte aber nicht, weil der Sauerstoffpartialdruck dort oben so gering war. Da war also zum einen die Sorge, dass es gefährlich wird, und zum anderen die dünne Luft, die mich gebremst, gebremst, gebremst hat. Ich war am Gipfel so kaputt, dass ich mich nur noch in den Schnee fallen ließ und vor mich hindämmerte. Zum Glück hatte ich nach einer Stunde Schnaufen – mehr war es nicht – die Kraft, aufzustehen und wieder abzusteigen.

Ihr Everest-Solo gilt als Meilenstein des Himalaya-Bergsteigens. Würden Sie das Projekt als Höhepunkt Ihrer sportlichen Karriere bezeichnen?

Nein, der Nanga-Parbat-Alleingang war wichtiger, weil es der erste Schritt in diese Dimension war, einen Achttausender ganz alleine zu packen. Da geht es vor allem um die Nicht-Möglichkeit, die Sorgen und Ängste zu teilen. Wenn ich einen Partner oder eine Partnerin dabei habe, wird das Ganze emotional und psychisch leichter zu ertragen. Aber es bleibt eine Schinderei. Die sauerstoffarme Luft, das Hecheln, die kalte Luft, die deine Lungen füllt – es ist ein einziges Leiden. Das muss man selbst erlitten haben, um es nacherzählen zu können.

Der Everest-Alleingang war nicht die schwierigste, aber die anstrengendste Sache, die ich gemacht habe – allerdings nur am Gipfeltag. Ich kam dann wieder aus dem Nebel heraus. Und das Absteigen, gerade wenn Monsun-Schnee liegt, ist um ein Vielfaches weniger anstrengend als das Aufsteigen.

Das vollständige Interview mit Reinhold Messner findet ihr hier.

5 Kommentare

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Marcel Zöllner

Reinhold Messner alpinistische Leistungen waren immer Pionierarbeit. Das ist seine größte Leistung gewesen. Er hat neue Spuren hinterlassen und ist nicht in alten Spuren weiterstapft. Egal ob beim Klettern, Bergsteigen, seinen Museen oder jetzt seinen Filmen. Er hat immer mehr Mut als Angst gehabt.

Tohubi

ich mag den Reinhold und seine Erzählungen. Hochachtung!

Diana Datz auf unserer Facebook-Seite

Man muss Messner nicht unbedingt mögen, aber seine bergsteigerischen Leistungen sind das absolut Herausragendste, ohne Wenn und Aber.

Martin Leibrandt auf unserer Facebook-Seite

Für mich ist und bleibt Reinhold Messner einer der grössten Bergsteiger ALLER Zeiten ...

Hans-Joachim Brehm auf unserer Facebook-Seite

Man muss ihn ja nicht mögen... Der vielleicht größte Alpinist aller Zeiten war und ist er allemal!