Alpiner Klassiker für Erfahrene

Berühmt-berüchtigt: Über die "Cassin" auf den Piz Badile

Früher war die "Cassin" in der Badile-Nordostwand der absoluten Kletterelite vorbehalten. Heute sind das Durchschnittskönnen und mit ihm die Zahl der Aspiranten gestiegen. Gleich geblieben ist die Felsqualität in dieser schönen Granittour.

Berühmt-berüchtigt: Über die "Cassin" auf den Piz Badile
© IMAGO / Pond5 Images

Berühmt-berüchtigt: Über die "Cassin" auf den Piz Badile

Irgendwie ist irgendwer von uns dreien einen Gang zu hoch losgelaufen. Dabei sind wir in der vollen Furä-Hütte ganz entspannt als letzte aufgestanden. Kommentare des Unverständnisses dringen zu uns herüber. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, zu peinlich wäre es, von den anderen wieder eingeholt zu werden. Ich klebe dicht an Martins Fersen.

Immer wieder bricht er aus der Kolonne aus, setzt im satten Grün neben dem Weg zum Überholen an, schert vor den Gruppen aus schnaufenden Mitkonkurrenten wieder ein. Schon kleben wir der nächsten Gruppe hinten dran. Martin schert aus … Wir sind die ersten am Einstieg der Cassin. Über uns türmen sich 800 Meter Granit der Badile-Nordostwand.

<p>Ziel vieler Kletterträume: Der Piz Badile.</p>

Ziel vieler Kletterträume: Der Piz Badile.

© IMAGO / Pond5 Images

Wie heute üblich, steigen wir über die Rébuffat-Verschneidung in die Wand. Als Gaston Rébuffat die Route 1948 wiederholte, hat er ihr diese Variante geschenkt und die Badile-Nordost zu einer der sechs größten Routen der Alpen geadelt. Als wir mit den Anseilen fertig sind , ist es hell. Wir stellen fest, dass die meisten der von uns glorreich überholten Seilschaften in die Nordkante einsteigen, nicht in unsere Nordostwand.

Sei’s drum, Martin gibt wieder Gas auf den ersten Längen, wir beide laufen leicht versetzt hinterher. Ganz oben, hinter einem Universum aus dunklem Granit, leuchtet der Gipfelbereich bereits im ersten warmen Sonnenlicht. Ab und zu spielen Wolkenfetzen um die Granitmassen, dahinter ein unwirklich dunkelblauer Himmel. Unser Ansturm wird nach einigen Längen unerwartet von einem Verhauer gebremst. Martin krebst nun an seltsamen Untergriffen über eine glatte Platte.

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Sei's drum: Wir geben Gas – bis zum ersten Verhauer!

Wir kriegen am Stand derweil Gesellschaft von einem Bergführer mit seiner Kundin. Er gibt uns den richtigen Tipp zum Weiterkommen. Als Martin den Stand erreicht hat, bittet der Veteran darum, sich schnell an seinem überschüssigen Seil hochziehen zu dürfen. Ob er das Seil fixieren könne. Er macht die Tour jetzt zum 15. Mal. Jeglicher sportlicher Ehrgeiz scheint dahingeschwunden, kein Freiklettern, Geschwindigkeit geht vor.

Schließlich will er am selben Tag mit seiner Klientin noch über die Nordkante abseilen. Wir werden überholt! Bald schon entschwindet auch seine Nachsteigerin unserem Blickfeld. Als wir uns kurz auf dem Schuttband sammeln, das bei Walter Pause noch der Schneefleck war, pfeifen uns Steine um die Ohren. Der Schnee ist natürlich weg, die Steinschlaggefahr ist geblieben. Es folgt die Schlüsselseillänge, und die ist anscheinend nicht ganz einfach.

<p>Die beeindruckende Nordwand des Piz Badile.</p>

Die beeindruckende Nordwand des Piz Badile.

© IMAGO / blickwinkel

Jedenfalls habe ich Zeit genug, meinen gesamten Vorrat an Riegeln aufzuessen, bis es über mir "Stand" ruft. Den Rucksack verfluchend, schinde ich mich durch die verblüffend steile Verschneidung und um die Kante, voll des Respekts für meinen Vorsteiger, das Erstbegeher-Team um den großartigen Cassin und vor allem für den späteren Alleingänger Hermann Buhl. Die nach der Schlüsselseillänge folgenden Kamine machen Spaß zu klettern, trotz der Nebelfetzen, die uns zeitweise einhüllen.

Diese Traum-Kamine müssen bei Cassin und seinen Kollegen Sturzbäche gewesen sein. Als wir auf den Grat kommen, seilen zwei Begeher der Nordkante an uns vorbei in die neblige Tiefe. Offensichtlich mit Orientierungsproblemen, aber frohen Mutes. Das Gipfelfoto sieht uns mit der obligatorischen Zigarette. Wir beschließen den Abstieg nach Süden, über den II-er Normalweg zur Gianetti-Hütte.

Nicht die italienische Mädchenschulklasse, sondern das Bier auf nüchternen Magen raubt uns dort den letzten Verstand. Was kümmert es da, wenn uns ein erfahrener und gescheiter Bergführer predigt, man solle nicht gleich als erstes eine so schwere Tour wie die "Cassin" machen, wenn man in einem Gebiet neu ist. Auch die Diffamierung als "junge Burschen" lassen wir ihm in unserer Müdigkeit durchgehen.

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Klettertag im steilen Granit der La Vecchia

Das dicke Ende sollte für die jungen Burschen noch kommen. Das Meer aus Granit, das die Gianetti-Hütte umgibt, hat uns tief beeindruckt. So planen wir – in Anspielung auf die Rede des Bergführers – einen Klettertag im steilen Granit der La Vecchia (ital. "Die Alte") oberhalb der Gianetti-Hütte. Leider fühlen wir uns am Morgen nicht mehr ganz so jung wie angedacht, und entschließen uns deshalb, einfach zurück zum Auto ins Bondasca-Tal zu wandern.

Der gemütliche Wandertag mit leichtem Gepäck durch das schöne Bergell entpuppt sich jedoch als Hatscher der unangenehmen Sorte. Schon der erste Schinder auf den Passo Porcellizzo lässt mich an unserer Jugend zweifeln. Einen bösen Gegenanstieg ahnend, vernichten wir die soeben gewonnenen Höhenmeter wieder, als wir auf der anderen Seite zum idyllisch gelegenen Pedroni-del-Pra- Biwak hinunter schottern.

<p>Kletterer am Piz Badile.</p>

Kletterer am Piz Badile.

© IMAGO / Wirestock

Am Biwak begegnen uns Wanderer mit unheimlichen Riesenrucksäcken. Sie sind auf einer Bergell-Durchquerung. Freiwillig, stellen wir beeindruckt fest und kriechen mit unseren leichten Kletterrucksäcken auf den Passo della Trubinasca hinauf. Keiner schert aus der Dreier-Kolonne aus, zum Glück gibt es niemanden, den wir überholen könnten. Über abschüssiges Gelände eiern wir auf der anderen Seite in die Tiefe. Nach den Felsblöcken folgt ein steiles Geröllfeld.

Das geht nicht nur bei älteren Herrschaften auf die Knie. Stark erledigt vernichten wir an einem Bach die letzten Reste aus der Nutella-Tube und rauchen – mehr zum Trotz als des Genusses wegen. Noch 1000 Höhenmeter Abstieg. Als wir wenig später wieder vor der Furä-Hütte stehen, trinken wir doch ein Bier. Ein verklärter Blick zurück in Richtung Badile – ja ja, die "Cassin", die haben wir abgeknipst.

Infos zur "Cassin" auf den Piz Badile (3308 m)

Früher war die "Cassin" in der Badile-Nordostwand der absoluten Kletterelite vorbehalten. Heute sind das Durchschnittskönnen und mit ihm die Zahl der Aspiranten gestiegen. Gleich geblieben ist die Felsqualität in dieser schönen Granittour in der Nordostwand des Piz Badile.

  • Schwierigkeit / Höhenmeter: schwere, alpine Klettertour (VI+), 800 Hm

  • Dauer / Zeitmanagement: Einstieg bis Grat 6 – 8 Std., weitere 1 – 1 ½ Std. zum Gipfel. Zustieg von der Furä-Hütte 1 ½ Std., Abstieg zur Gianetti-Hütte über Normalweg nach Süden (2 Std.). Am nächsten Tag langer Hatscher über Porcellizzo- und Trubinasca- Pass zurück nach Laret/Bondo (bis zu 7 Std.). Gesamtzeit: 13 Stunden.

  • Absicherung / Material: 1 – 2 Bohrhaken an den Standplätzen, zahlreiche Normalhaken; Klemmkeile und kleine bis mittlere Friends mitnehmen.

  • Zustieg / Route: Von der Hütte auf einem Pfad in südl. Richtung über große Blöcke zum Einschnitt zwischen dem Grat links und der Badile- Nordkante. Leicht abklettern, unter der Wand auf einem Band queren und in einfacher Kletterei (noch gut mit Zustiegsschuhen möglich) zum eigentlichen Einstieg. Route: Beginnend mit der Rébuffat- Verschneidung geht es über den flacheren Wandteil links hinauf. In Wandmitte erreicht man den ehemaligen Schneefleck, jetzt ein brüchiges Band. Vorsicht Steinschlag! Dann folgt die Schlüsselseillänge durch eine steile Verschneidung, unten stecken Haken, oben nicht. Aus der Verschneidung rechts raus um eine Kante. Durch die riesigen Kamine auf den Grat und in leichter Kletterei zum Gipfel.

  • Beste Zeit: Juli, August.

  • Info: Bregaglia Engadin Tourismus, bregaglia.ch

  • Hütten: Capanna Sasc Furä ,1904 m, CAS Bregaglia, bew. Anfang Juli bis Ende September, sascfura.ch, Zustieg: 3 ½ Std. ab Bondo, 2 ½ Std. ab Laret (Zufahrt Bondo – Laret nur mit Genehmigung); Badile Gipfelbiwak, 3300 m, CAI, kleine Notunterkunft direkt unter dem Gipfel des Piz Badile; Rifugio Gianetti, 2534 m, CAI, bewirtschaftet Ende Juni – Ende Sept.,rifugi.lombardia.it

  • Literatur: Walter Pause, Jürgen Winkler: Im extremen Fels, blv, 1977; Marco Volken: Badile – Kathedrale aus Granit, AS Verlag, 2006; Jürg von Känel: Schweiz Plaisir Sud, Filidor-Verlag, 2003.

  • Karte: Schweizer Landeskarten, Blätter 1276 Val Bregaglia und 1296 Sciora, 1: 25 000.

  • ALPIN-Tipp: Rechtzeitig vor eventuellen Sommergewittern wieder abzusteigen, gilt eigentlich für jede alpine Tour. Im Bergell sollte dies doppelt berücksichtigt werden, da die Gegend besonders anfällig für Gewitter ist. Vorsicht: Ein Rückzug durch Abseilen über die Route ist problematisch.

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Text von Moritz Attenberger

1 Kommentar

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Richard

Die Zufahrt nach Laret ist seit dem Bergsturz am Piz Cengalo 2017 nicht mehr möglich!! Der neue Zustieg zur Sasc Furä Hütte ist deutlich länger und dauert für flotte Geher ca. 4 h 30, für langsamere auch deutlich mehr.
Der alte Zustieg durch's Bondasca Tal ist offiziell gesperrt.