Skirundtour Deluxe

Königsroute in den Alpen: Die Monte Rosa-Runde

Eine Runde im Monte-Rosa-Massiv zählt zu den Königsrouten in den Alpen: wilde Gletscher, schier endlose Abfahrten, urige Bergdörfer. Ein Grenzgang auf hohem Niveau.

Schwere Skitour: Monte Rosa
© Christian Penning
<p>Schon bald nach der Liftstation wird es auf den Hängen des Allalingletschers einsam.</p>

Schon bald nach der Liftstation wird es auf den Hängen des Allalingletschers einsam.

© Christian Penning

Als Louis seinen Rucksack von der Ladefläche des Elektro- Mulis hievt und schultert, muss er tief durchatmen: Steigfelle, Harscheisen, Steigeisen, Pickel, Seil, Karabiner, Klettergurt, Schaufel, Sonde, Wasser, Ersatzklamotten, Notproviant … das volle Programm. Da kommt einiges zusammen.

"Aufpassen", mahnt Jacques, der bergerfahrene Hotelier, als er Lisa, Louis und Jürg an der Talstation der Bergbahn in Saas Fee mit einem festen Händedruck verabschiedet. Er ist skeptisch angesichts des Vorhabens der drei, die am Vorabend zu später Stunde bei ihm im Hotel Britannia eingecheckt haben. "Ihr wisst schon: Da hat's Gletscher, Spalten …", hat er gewarnt und ungläubig gelacht: "In vier Tagen ums Monte-Rosa-Massiv und zurück?"

Die Standseilbahn Metro alpin bringt das Trio zur Mittelstation Hohlaub. Ein Stollenfenster führt aus dem fahlen Neonlicht des Bahntunnels hinaus in die Morgensonne. Sie taucht die Schneefelder am Hohlaubgletscher in gleißendes Licht. Eine kurze Querung, dann ziehen die drei ihre Spur über die sanften Hänge des Allalingletschers hinauf Richtung Adlerpass. Links schimmern die Eisbrüche des Strahlhorns.

Die Höhenluft wird dünner und dünner, dämpft den alpinen Aktionismus. Mit jedem Schritt nähert sich das Trio der 4000-Meter-Marke. Zeit zum Grübeln. Naja, unrecht hat Jacques nicht: Auch wenn die Liftstation erst ein, zwei Stunden entfernt ist, scheint es, als wäre die zivilisierte Welt eine halbe Ewigkeit entfernt. Als hätte der Felstunnel auf einen anderen Planeten geführt: eisig und einsam.

<p>Panorama und Mittagssonne entschädigen am Pollux für die anspruchsvollen Aufstiegs-Seillängen.</p>

Panorama und Mittagssonne entschädigen am Pollux für die anspruchsvollen Aufstiegs-Seillängen.

© Christian Penning

Nicht umsonst galt das Monte-Rosa-Massiv bis vor 100 Jahren als kaltes Niemandsland zwischen Wallis, Piemont und Aostatal. Eine Mini-Polarregion mitten in Europa. Neben dem Montblanc-Massiv ist diese Berg- und Gletscherkette das weitaus Gewaltigste, was die Alpen zu bieten haben.

Zu etwa einem Drittel liegt sie im Schweizer Kanton Wallis, zu zwei Dritteln im italienischen Piemont. Eine Komposition aus Gletschern und hochalpinen Felsmassiven. Heute erleichtern Lifte und Bergbahnen den Zugang. Deshalb sollte eine großzügige Rundtour in vier Tagen machbar sein.

Der Adlerpass ist erreicht, einmal durchschnaufen. Nur noch gut 300 Höhenmeter bis zum Strahlhorn. "Ein geschenkter Viertausender", meint Jürg und legt die Spur durch den steilen Gletscherbruch Richtung Gipfelhang, bis plötzlich Nebelschwaden die weiße Spitze einhüllen. Die Monte-Rosa-Gipfel verschwinden hinter einem Vorhang aus kaltem Dampf. Umkehren! Ratternd schrappen die Ski über den harten Harsch des Adlergletschers.

Erst ein paar hundert Höhenmeter tiefer am Findelgletscher ist es warm genug für Firnschwünge durch eine Mondlandschaft aus schotterigen Moränenwällen, Bachläufen und weiten Schneefeldern. Auf der anderen Seite des Mattertals ziehen Wolkenschwaden ums Matterhorn. Stille liegt über dem Gletscher. Ob das Wetter hält?

Die Bergstation Glacier Paradise am Kleinen Matterhorn steckt am nächsten Morgen in einer hartnäckigen Nebelwolke. Louis kann kaum die Skistöcke in den eigenen Händen erkennen. Abwarten! Gegen elf reißen Windböen erste blaue Löcher in den Vorhang. Eine halbe Stunde später am Einstieg zum Pollux-Gipfel scheint die Sonne. Einem Gipfelsturm auf den Viertausender steht also nichts mehr entgegen. Oder doch?

<p>Kein Viertausender für alle Fälle: steile Abfahrt am Pollux, im Hintergrund das Obergabelhorn.</p>

Kein Viertausender für alle Fälle: steile Abfahrt am Pollux, im Hintergrund das Obergabelhorn.

© Christian Penning

Jedenfalls fällt der Pollux nicht in die Kategorie "geschenkte Viertausender". Steigeisen an, Pickel in die Hand. Ein steiles Couloir führt hinauf zu einem Felsband. Anseilen. Zwei, drei Seillängen in teils ausgesetzter Kletterei führen zum Gipfelhang. Nicht ohne, mit den sperrigen Ski am Rucksack! Doch die Schinderei lohnt sich. "Das nenn' ich Timing", sagt Jürg grinsend.

Die Mittagssonne hat die steile Südwestflanke einen Zentimeter tief angetaut. Gerade so weit, dass die Kanten greifen. Steil rauf, steil runter - und das bei perfekten, sicheren Bedingungen. So kann es weiter gehen. Und es kommt noch besser! Kein Mensch ist unterwegs auf der Abfahrt über den Grande Ghiacciaio di Verra zum Rifugio Guide Val d'Ayas.

Mächtige Gletscherbrüche schimmern türkis im Nachmittagslicht. Eine Abfahrt vom touristischen Trubel- Spot Zermatt in eine einsame Bergwelt wie aus längst vergangenen Tagen. Erst 2500 Höhenmeter tiefer endet das Marathonschwingen kurz vor dem Bergdörfchen Saint Jacques - nach endlosen Firnhängen und Abfahrten durch lichte Lärchenwälder.

Tolle Abfahrten sind das eine. Perfekt wird der Trip aber erst durch Sinneserfahrungen jenseits der motorischen und konditionellen Herausforderungen: durch den Duft der Lärchenwälder, den Geschmack von Motzetta, dem traditionell luftgetrockneten Rindoder Gämsenfleisch, durch einen Nus Rouge oder einen anderen guten Schluck aus dem Aostatal. Kurz: durch gelebte alpine Kultur.

Die erste Abfahrt im Freeride-Stil führt am nächsten Tag vom Massiv der Testa Grigia hinab nach Champoluc im Val d'Ayas. Nicht weit davon, in einem kleinen Seitental, dem Valle Mascognaz, hat der bekannte italienische Bootsbauer Paolo Vitelli dem gleichnamigen Geisterdorf neues Leben eingehaucht. Als der heute 67-jährige Vitelli als kleiner Junge mit seinen Eltern aus Turin in den Ferien zum Wandern in das Tal kam, sah er zum ersten Mal die verfallenen Häuser, menschenleer.

<p>Refugium mit Gletscherblick: die Mantova-Hütte.</p>

Refugium mit Gletscherblick: die Mantova-Hütte.

© Christian Penning

Immer wieder zog es ihn an diesen Ort, von dem er sagt: "Für mich ist das hier ein Stück Himmel. Der Frieden, die Ruhe … etwas ganz Besonderes." Vor zehn Jahren schließlich kaufte Vitelli einige der Gebäude. Er begann, Mascognaz zu renovieren. Heute sehen die Fassaden aus wie zu ihren besten Zeiten vor 300 Jahren.

Drinnen hat der Yachtbauer und Politiker aus den mit wuchtigen Schieferplatten gedeckten Häusern und Stadeln ein Luxusresort im Stil eines traditionellen Bergdorfes kreiert. Der Blick durch eine verglaste Öffnung zwischen sonnengegerbten Holzbalken reicht übers Tal hinauf zu den Gipfeln des Monte Rosa, fast 3000 Meter höher. Schon aus dieser Froschperspektive wirkt die Ansammlung von Gipfeln gigantisch.

Doch die wahre Wucht des Massivs zeigt sich erst, wenn man sich an dem Bergmassiv Stockwerk um Stockwerk hinaufarbeitet. Hinter jedem Joch, nach jedem Zwischengipfel folgt eine neue Bergflanke, höher und höher. Schluss ist erst bei 4634 Metern - am Gipfel der Dufourspitze, die sich die Schweiz und Italien am Grenzkamm teilen.

Im Nachbartal, dem Valle di Gressoney, bringt die Punta-Indren-Gondel Jürg, Lisa und Louis am Nachmittag bis auf 3260 Meter Höhe. Von hier sind es bis in die Gipfeletage nur noch gut 1000 Höhenmeter. Der Plan: am nächsten Tag über den 4248 Meter hohen Col de Lys zurück auf die Schweizer Seite. Startpunkt: das Rifugio Mantova auf 3498 Metern Höhe.

<p>Da staubt's: Matterhorn und Dent Blanche bilden die großartige Kulisse bei der Abfahrt vom Lysjoch nach Zermatt.</p>

Da staubt's: Matterhorn und Dent Blanche bilden die großartige Kulisse bei der Abfahrt vom Lysjoch nach Zermatt.

© Christian Penning

Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen spuren Jürg, Lisa und Louis im ersten Morgenlicht in Richtung Signalkuppe. Der Wind hat zugenommen. Einzelne ruppige Böen sind nur ein lauer Vorgeschmack auf das, was weiter oben kommt. Keine Wolke trübt den Himmel. Dennoch sind die Gipfel immer wieder verhüllt - von gigantischen Schneefahnen.

Unterhalb des Lysjochs holen die Böen die drei immer wieder fast von den Beinen. Dann hilft nur noch Zusammenkauern, Abwarten. Längst sind die Nasenspitzen weiß, die oberste Hautschicht ist erfroren. In tiefster Gangart robben die drei über das Lysjoch. Wie aus einem Sandstrahler fegen die Eiskristalle über die weiße Fläche. Das Wechseln der Felle wird zur Herausforderung.

"Meine Finger …", jammert Lisa gegen den brüllenden Wind, "… ich spüre sie nicht mehr." Nur weg hier! Der Weg zur Neuen Monte-Rosa-Hütte, eigentlich eine Genussabfahrt über den Grenzgletscher - entlang wilder Gletscherbrüche und unter den Hängegletschern des Lyskamms - wird zur Flucht.

Eine knappe Stunde später: Langsam tauen Lisas Finger wieder auf. Vor ihr dampft eine frische Portion Rösti. Rifugio - Refugium, Zufluchtsort - selten hat die italienische Bezeichnung für Berghütte besser gepasst als in diesem Moment. Saas Fee ist auf der geplanten Route über den Schwarzberggletscher bei diesen Bedingungen nicht mehr zu erreichen. Keine Chance. Was tun? Abwarten auf der Hütte?

Auch für den nächsten Tag sagt der Wetterbericht wieder stramme Höhenwinde an. Außerdem steht in Jürgs Terminkalender ein wichtiges Meeting. Die Entscheidung ist schnell gefällt. "Wir fahren nach Zermatt ab", beschließen die drei. Unten im Ort keine Spur von rauen Eiswinden. Vor den Hütten und Cafés genießen die Skifahrer die milde Nachmittagssonne.

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