Über den Detmolder Grat auf die Tauernkönigin

Bergporträt: Hochalmspitze (3.360 m)

Im wilden Osten der Hohen Tauern lockt die Hochalmspitze mit einem umwerfenden Charme. Zusammen mit der Schneeigen Hochalmspitze, deren firniges Haupt mittlerweile abgeschmolzen ist, und dem Großelendkopf bildet sie ein Massiv, das vielleicht nicht an Höhe, aber an Vielseitigkeit und Wildheit westalpinen Ansprüchen durchaus gewachsen ist.

Über den Detmolder Grat auf die Tauernkönigin
© Herbert Raffalt

Die Hochalmspitze: Lage

Alpinistisch gibt es im wilden Osten der Hohen Tauern nichts, was es nicht gibt. Hochalmspitze, Schneeige Hochalmspitze und Großelendkopf bilden ein Massiv, das es an Vielseitigkeit und Wildheit durchaus mit westalpinen Touren auf nehmen kann.

<p>Am Gipfelkreuz kann die Schau bis zu König Glockner  genossen werden.</p>

Am Gipfelkreuz kann die Schau bis zu König Glockner  genossen werden.

© Herbert Raffalt

Das dreigipfelige Massiv entsendet vier markante Grate: Vom Großelendkopf über die Lochspitzen nach Westen und über die Elendköpfe nach Nordosten, gemeinsam umschließen sie das Großelendkees. Im Osten liegt mit dem Hochalmkees der größte Gletscher der Region zwischen der Preimlscharte und dem Südostgrat eingebettet. Der wiederum nimmt – wie der Detmolder Grat nach Südwesten – seinen Ursprung am Hauptgipfel, der Aperen Hochalmspitze.

Historisches

Wegen der ziemlich stark vergletscherten Umgebung hatten die touristischen Pioniere hier keine einheimischen Vorgänger. Außerdem waren Führer, die Erfahrung im Umgang mit den Gletschern hatten, in dieser Gegend schwer zu finden. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen waren es Paul Grohmann und seine Führer, der Lenzbauer vom Hattenberg und dessen Knecht Franz Moidele, die am 15. August 1859 als Erste am Hauptgipfel standen.

<p>So sanft sich die Tauernkönigin nach Osten hin gibt, so abwechslungsreich ist der Zugang in ihren Palast über den Detmolder Weg.</p>

So sanft sich die Tauernkönigin nach Osten hin gibt, so abwechslungsreich ist der Zugang in ihren Palast über den Detmolder Weg.

© Herbert Raffalt

Die verborgene Kammer im Palast der Königin ist die Westseite, hier stürzen bis zu 400 Meter hohe Mauern in ganzer Breite auf das zerborstene Winklkees ab. Dort glückte 1871 dem Obervellacher Arzt Dr. Carl Gussenbauer mit Johann Weichslederer und dem Mallnitzer Gämsjäger Krapfl ein für die damalige Zeit wahrhaft kühnes Unternehmen: Auf 335 geschlagenen Stufen durchkletterten sie den 65 Grad steilen Eisschlauch der Gussenbauerrinne.

Die Hochalmspitze: Eine alpine Grattour

Gepickelt wir dort heute kaum mehr, im Sommer schon gar nicht, denn die Rinne ist mittlerweile spätestens ab Juli komplett schneefrei – und selbst im Winter sehen die Verhältnisse meist wenig einladend aus. Dafür treffen alpin ambitionierte Kletterer am 400 Meter hohen Westpfeiler auf eine ziemlich attraktive vertikale Spielwiese mit Schwierigkeiten bis VII–. 

<p>Über dem wilden Winklkees fährt die Westwand zum Gipfel empor. Wo einst die Eiskletterer ihre vertikalen Abenteuer erlebten, turnen heute ambitionierte Felsartisten über den Westpfeiler.</p>

Über dem wilden Winklkees fährt die Westwand zum Gipfel empor. Wo einst die Eiskletterer ihre vertikalen Abenteuer erlebten, turnen heute ambitionierte Felsartisten über den Westpfeiler.

© Herbert Raffalt

Alpine Genusskletterer greifen am mit IV und einer Stelle V– bewerteten Südpfeiler zu. Alle anderen erleben in der wunderbaren Überschreitung Detmolder Grat – Rudolstädter Weg ihr Tête-à-Tête mit der Tauernkönigin. Beide Anstiege wurden zwar an den entscheidenden Stellen in Eisen gelegt, aber dazwischen darf am Detmolder Grat mit Kletterstellen II und III durchaus noch der felsige Körper der Schönen berührt werden.

Die Hochalmspitze: Über den Detmolder Grat auf die Tauernkönigin

<p>Hochalmspitze: Die Tour in der Übersicht.</p>

Hochalmspitze: Die Tour in der Übersicht.

© Tyrolia Verlag
  • Schwierigkeit: Alpine Grattour mit kurzer Gletschereinlage. Der stellenweise sehr luftige Detmolder Grat ist weitgehend mit Stahlseilen (stellenweise recht kraftraubend) versichert, doch muss zwischendurch im Fels auch mal der II. und III. Grad geklettert werden. Selbst der Abstieg am Rudolstädter Weg hat’s in sich: Am Südostgrat warten Felsstellen I und II und nach dem Abstieg von den Steinernen Mannln muss am Trippkees ein 40 Grad steiler Firn-/Eishang abgestiegen werden. Wer da wacklig auf den Steigeisen steht, kommt bei Blankeis nur mit einer Abseillänge auf die sichere Seite. Die Route ist bis auf die Gletscherpassage durchgehend markiert.

  • Höhenunterschied/Länge: 1150 Hm, 5 Std. Aufstieg, 2,5 - 3 Std. Abstieg.

  • Material: Komplette Hochtourenausrüstung, Klettersteigset, Helm, drei bis vier Express-Schlingen, lange Bandschlingen.

  • Talort: Malta, 834 m.

  • Ausgangspunkt: Parkplatz im Talschluss des Gößgrabens unter dem kleinen Gößkarspeicher, 1640 m; von Malta Richtung Kölnbreinspeicher, bei Koschach zweigt die Straße in den Gößgraben ab.

  • Hütte: Gießener Hütte, 2215 m, DAV Gießen-Oberhessen, bewirtschaftet von Anfang Juli bis Ende September, sonst offener Winterraum in einem separaten Gebäude etwas oberhalb der Hütte. Die Hütte ist auf dem Wanderweg 533 bequem zu erreichen, 1,5 - 2 Std., giessener-huette.at

  • Route: Von der Hütte erst am Rudolstädter Weg (536) bergauf zur Verzweigung bei P. 2355. Dort hält man sich links auf den Schwarzenburger Weg (519), bei P. 2662 geht’s dann rechts zur Lassacher Winklscharte, 2862 m. Über Blockgelände steigt man auf einem Rücken weiter nach Nordosten an den Fuß der Winkelspitze auf. Dort quert man infolge des Gletscherrückgangs nicht mehr über das Trippkees zum Einstieg, sondern gelangt über Felsen dorthin. Am Gratfuß angekommen, geht’s am Detmolder Grat längs der Seilversicherungen und Markierungen ohne Orientierungsprobleme Richtung Gipfel.

  • Abstieg: Über den markierten Südostgrat erst im Blockgelände abwärts, bis man in die Scharte P. 3123 westlich der Steinernen Mannln absteigt. Über einen versicherten Steig auf den östlichsten Lappen des Trippkeeses hinab. Der Übergang auf den an dieser Stelle bis zu 40 Grad steilen Gletscher ist oft recht heikel (evtl. abseilen). Unterhalb des Gletschers auf dem Rudolstädter Weg zurück zur Hütte, 2,5 - 3 Std.

<p>Austria Alpin - Große Gipfel Österreichs.</p>

Austria Alpin - Große Gipfel Österreichs.

© Tyrolia Verlag

Mit freundlicher Genehmigung aus:

0 Kommentare

Kommentar schreiben