Über den Kaindlgrat in den siebten Bergsteigerhimmel

Bergportrait: Das Große Wiesbachhorn (3.564 m)

Das Große Wiesbachhorn ist einer der markantesten Berge Österreichs: Die Höhendifferenz von 2.400 Metern zwischen Gipfel und Ferleiten im Fuscher Tal ist darüber hinaus absoluter Rekord in den Ostalpen!

Das große Wiesbachhorn vom Großglockner aus gesehen.
© Herbert Raffalt

Das Große Wiesbachhorn: Eye Catcher

Von Norden zeigt es sich als steile, elegante Pyramide, von Westen und Osten als ein schlankes Horn, dessen firniger Gipfelaufbau irgendwie immer ein bisschen überzuhängen scheint. Und einer der markantesten Berge Österreichs ist das Wiesbachhorn obendrein: Die Differenz zwischen dem Gipfel und Ferleiten im Fuscher Tal beträgt mehr als 2400 Höhenmeter, das ist absoluter Rekord in den Ostalpen!

<p>Die Glocknergruppe mit Hohe Dock, Bratschenkopf und Großem Wiesbachhorn (von links).</p>

Die Glocknergruppe mit Hohe Dock, Bratschenkopf und Großem Wiesbachhorn (von links).

© picture alliance / Zoonar / Jürgen Vogt

Wie alle Berge leidet auch das Wiesbachhorn stark unter der Klimaerwärmung. Die einstmals glitzernde Eiswand über dem Wielingerkees ist längst talwärts geflossen. Besser ist es da schon am Kaindlgrat: Die feine Firnschneide schwindet zwar auch in der Sommersonne, vermittelt aber dennoch zumindest während der ersten Saisonhälfte die Faszination eines grandiosen Firnaufstiegs. 

<p>Der Kaindlgrat apert im inzwischen schnell aus.</p>

Der Kaindlgrat apert im inzwischen schnell aus.

© Herbert Raffalt

Vom Charakter her erinnert der Kaindlgrat sehr an den berühmten Biancograt, nur dass er ein bisschen flacher und auch ein bisschen kürzer ist. Der Grat ist schmal wie der Rücken eines Pferdes, sodass jeder Schritt wohl bedacht sein will. Wer dies aber vermag, steigt am Kaindlgrat in den siebten Bergsteigerhimmel.

Das Große Wiesbachhorn: Die Lage

Egal ob man im Kaiser beim Klettern, im Chiemgau beim Wandern oder in den Kitzbüheler Bergen auf Skitour unterwegs ist, in der Tauern-Skyline fällt neben Großglockner und Großvenediger ein Gipfel sofort ins Auge: Das Große Wiesbachhorn macht aus jeder Himmelsrichtung "Bella Figura".

Umso verwunderlicher, dass der Berg bereits im 18. Jahrhundert – noch vor dem Großglockner – erstmalig bestiegen wurde. Den heutigen Normalanstieg von Norden über den Kaindlgrat holten sich am 9. September 1867 die Brüder Hetz aus Kaprun: eine sanft geschwungene Linie zwischen dem Oberen Fochezkopf und dem Gipfelaufbau, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann.

Das Große Wiesbachhorn: Historisches

K. E. von Moll berichtet im fünften seiner Jahrbücher aus dem Jahre 1800: "Drei Brüder aus dem Thale von Fusch vereinten sich untereinander zu dieser Reise. Jeder von ihnen hatte sich mit drei Paar Fusseisen versehen, um die auf dem Eise stumpf gewordenen immer wieder gegen frische auswechseln z können. Um 3 U. morgens verliessen sie eine Alpe am Fusse des Berges, und erst um 9 U. abends kamen sie wieder dahin zurück.“

<p>Wer möglichst früh in der Saison zum Kaindlgrat kommt, genießt bis in den Juni hinein müheloses Steigen im festen Firn.</p>

Wer möglichst früh in der Saison zum Kaindlgrat kommt, genießt bis in den Juni hinein müheloses Steigen im festen Firn.

© Herbert Raffalt

Das genaue Jahr dieser Gewalttour ist nicht bekannt, ihr Erfolg jedoch unbestritten. Es sollten mehrere Jahrzehnte bis zur ersten touristischen Ersteigung vergehen. Der Salzburger Erzbischof Friedrich Fürst Schwarzenberg erstieg das Wiesbachhorn samt Kammerdiener und priesterlicher Unterstützung sowie unter kundiger Begleitung einer Fuscher Führer- und Trägermannschaft – am 13. September 1841.

Toureninfo: Die Besteigung des Großen Wiesbachhorn

Wer den Kaindlgrat in seiner ganzen Eleganz als Firngrat erleben möchte, kommt am besten möglichst früh nach der Öffnung des Heinrich-Schwaiger-Hauses Anfang Juni. Später im Jahr apern auch hier die Felsen aus.

<p>Das Heinrich-Schwaiger-Haus liegt wie auf einem Adlerhorst oberhalb atemberaubend steiler  Hänge hoch über dem Stausee Mooserboden.   </p>

Das Heinrich-Schwaiger-Haus liegt wie auf einem Adlerhorst oberhalb atemberaubend steiler Hänge hoch über dem Stausee Mooserboden.

© Herbert Raffalt
  • Schwierigkeit: Hochalpine Grattour, im Zustieg zum Oberen Fochezkopf Versicherungen und Stellen I, am Kaindlgrat Firn bis 35 Grad, am Gipfelaufbau wieder Stellen I.

  • Höhenmeter: 770 Hm, 2,5–3 Std. Aufstieg, 2 Std. Abstieg zum Heinrich-Schwaiger-Haus.

  • Ausrüstung: Gletscherausrüstung mit (kurzem) Seil, Pickel und Steigeisen.

  • Talort: Kaprun, 786 m.

  • Ausgangspunkt: Parkhaus am Alpenhaus Kesselfall, 990 m, im Kapruner Tal. Von dort ab Juni bis Oktober erst mit Bus, dann mit dem Lärchwand-Schrägaufzug, anschließend wieder mit dem Bus zum Speicher Mooserboden, 2.040 m.

  • Hütte: Heinrich-Schwaiger-Haus, 2.802 m, DAV München-Oberland, bewirtschaftet von Anfang Juni bis Ende September, sonst offener Winterraum, 2,5 Std. ab Mooserboden, alpenverein-muenchen oberland.de/heinrich-schwaiger-haus

  • Route: Die Orientierung ist beim Anstieg zum Wiesbachhorn selbst bei widrigen Sichtverhältnissen denkbar einfach: Von der Hütte gelangt man schnell über Schutt nach Osten in die steile, versicherte und bestens markierte Rinne auf den Unteren Fochezkopf. Weiter am felsigen Grat zum Oberen Fochezkopf, wo der Kaindlgrat ansetzt. Avec plaisir den Firngrat empor und oberhalb der Wielingerscharte, 3.265 m, an den Südwestkamm des Gipfelaufbaus queren. Über Schutt und leichten Fels zum mächtigen Gipfelkreuz.

  • Abstieg: Ebenfalls über den Kaindlgrat, 2 Std. bis zum Heinrich-Schwaiger-Haus, insgesamt 3,5 Std. bis Mooserboden – dort den letzten Bus nicht verpassen!

  • Weitere Gipfel: Wegen der Kürze des Anstiegs lässt sich das Wiesbachhorn ab der Wielingerscharte auch gut mit Vorderem und Hinterem Bratschenkopf, 3.401 m bzw. 3.412 m, und der Klockerin, 3.425 m, verbinden, jeweils plus 0,5–1 Std.

<p>Austria Alpin - Große Gipfel Österreichs</p>

Austria Alpin - Große Gipfel Österreichs

© Tyrolia Verlag

Mit freundlicher Genehmigung aus:

Austria Alpin - Große Gipfel Österreichs

Autor: Robert Demmel mit Fotografien von Herbert Raffalt und Bernd Ritschel

Preis: 29.95 EUR

Details: 240 Seiten mit 300 farb. Abbildungen und 52 Kartenskizzen

Das Buch direkt bei amazon bestellen. Das Symbol kennzeichnet Links zu Online-und Partnershops, von denen wir bei Kauf eine kleine Provision erhalten (sogenannte "Affiliate-Links"). Weitere Informationen findet ihr hier.

Lust auf mehr Berg? Weitere Bergportraits findet ihr hier.