Jedes Jahr im Mai das gleiche Bild: Es herrscht Hochbetrieb am höchsten Berg der Erde. Neben über 200 (!!!) "Everest-Touristen" der kommerziellen Expeditionen - darunter eine 73-jährige Japanerin - waren am Wochenende auch Extrembergsteiger Ueli Steck und Achttausender-Spezialist Ralf Dujmovits Richtung Gipfel aufgebrochen.

Beim zweiten Versuch geschafft: Ueli Steck (Foto: uelisteck.ch
Beim zweiten Versuch geschafft: Ueli Steck (Foto: uelisteck.ch

Bereits am Freitag-Mittag, gegen 13.30 Uhr, hatte Ueli Steck zusammen mit dem 21-jährigen Nepali Tenzing den Gipfel des Everest erreicht. Dem schweizer Ausnahmeathleten war dies ohne Zuhilfenahme von künstlichen Sauerstoff gelungen. Während Steck noch im vergangenen Jahr aufgrund von Erfrierungserscheinungen an seinen Füßen wenige hundert Höhenmeter unterhalb des höchsten Punktes aufgeben musste, war diesmal alles reibungslos für den 35-Jährigen verlaufen.

Beinhahe zumindest. Dass sein Zelt in Lager III von einer Eislawine völlig zerstört worden war, hatte Steck zunächst gar nicht mitbekommen, da er und Tenzing sich kurzerhand dazu entschlossen hatten, direkt von Lager II aus zum Südsattel aufzusteigen - ohne Zwischenstopp in Lager III. Am Südsattel angekommen, informierte ihn Ralf Dujmovits über den Vorlfall, bei dem noch 16 weitere Zelte verschüttet worden waren; wie durch ein Wunder zu diesem Zeitpunkt alle unbesetzt. Weniger Glück hatten jedoch zwei Sherpas, die durch die Lawine schwerste Verletzugen erlitten hatten.

Logenplatz: Gipfelaufbau von Lager III aus gesehen (Foto: Ralf Dujmovits)
Logenplatz: Gipfelaufbau von Lager III aus gesehen (Foto: Ralf Dujmovits)

Ralf Dujmovits beschließt Umkehr

Auch Ralf Dujmovits hatte mit dem Everest noch eine Rechnung offen. Anders als Steck war Deutschlands erfolgreichster Höhenbergsteiger bereits schon einmal auf den 8848 Meter hohen Gipfel gestanden, allerdings mit Unterstützung künstlichen Sauerstoffs. Diesen alten Makel von 1992 wollte der Ehemann von Gerlinde Kaltenbrunner nun ausmerzen. In seinem Expeditionsbericht schreibt Dujmovits über die Ankunft am Südsattel:

"Im Südsattel angekommen, merke ich, dass mich der Aufstieg über 850 Höhenmeter mit meinem gesamten Gepäck – Zelt, Matte, Schlafsack, Gas, Kocher, Verpflegung, zusätzliche Daunenjacke und -handschuhe und eine weitere Primaloft-Hose – doch ziemlich geschlaucht haben. Mein Anspruch – außer der Nutzung der Fixseile – den ganzen Aufstieg aus eigener Kraft zu schaffen, hat mich doch ordentlich gefordert."

"Trotz des Windes habe ich mein kleines Zelt hier oben auf 7950 m schnell aufgebaut, Eis zum Schmelzen gehackt und kann im Zelt anfangen zu kochen bevor es anfängt zu zu ziehen und leicht zu schneien beginnt. Am späten Nachmittag kommt auch Uli (Steck Anm. d. Red.) an – wir verabreden uns auf Mitternacht für den Start."

Hörte auf sein Bauchgefühl: Ralf Dujmovits (Foto: Ralf Dujmovits).
Hörte auf sein Bauchgefühl: Ralf Dujmovits (Foto: Ralf Dujmovits).

Während sich Steck und Tenzing für die Gipfeletappe bereit machen, entscheidet sich Ralf gegen den weiteren Aufstieg: "Kein Appetit auf gar nichts und ich bin unendlich müde. Als mir um 23:00 Uhr dann auch noch das knappe Frühstück aus dem Gesicht fällt ist meine Entscheidung klar: ich gehe die 50 Meter bei fast -30° C zu Ulis Zelt und sage ihm, dass ich um 24:00 Uhr nicht mitkommen werde. Eine Entscheidung, die mir sehr, sehr schwer gefallen ist."

Froh auf sein Bauchgefühl und die Signale des Körpers gehört zu haben, tritt Dujmovits kurz nach Sonnenaufgang den Abstieg an. In Lager III trifft er auf David Göttler und Ehefrau Gerlinde Kaltenbrunner, die gemeinsam am benachbarten Nuptse (7861m) unterwegs gewesen waren, und diesen über den Nordpfeiler erfolgreich besteigen konnten.

Japanerin verbessert Altersrekord

Auch Tamae Watanabe wollte es am Everest noch einmal wissen. Die 73-Jährige Japanerin hatte bereits 2002 einen neuen Altersrekord bei den Damen aufgestellt gehabt - und war damit in die Geschichtsbücher eingegangen. Für die rüstige Rentnerin offenbar kein Grund, es nicht noch einmal zu versuchen.

Die Karawane zieht weiter: Blick in die Lhotse Flanke am 18. Mai 2012 (Foto: Ralf Dujmovits).
Die Karawane zieht weiter: Blick in die Lhotse Flanke am 18. Mai 2012 (Foto: Ralf Dujmovits).

Wie bei ihrem ersten Triumph vor zehn Jahren selbstredend mit Flaschensauerstoff, wenn auch diesmal nicht von Südosten, sondern von Norden her. Wie japanischen Medien berichteten, konnte Tamae Watanabe am Wochenende ihre eigene Bestmarke somit um eine ganze Dekade nach oben verschieben.

Deutscher Arzt stirbt bei Abstieg

An wohl keinem anderen Berg liegen Freud und Leid so nahe beieinander wie am Everest. So gab es auch an diesem Rekordwochenende insgesamt drei Tote zu beklagen, darunter einen 61-jährigen Arzt aus Deutschland. Diversen Medienberichten zufolge soll der Mediziner beim Abstieg an den folgen eines Hirnödems gestorben sein. Zwei weitere Bergsteiger, ein Chinese und sein Sherpa, werden noch vermisst.

Quelle: uelisteck.ch / ralf-dujmovits.de / zeit.de / spiegel.de

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