Der Todestag von Kletterer Kurt Albert jährt sich am 28. September 2020 zum 10. Mal. Nach einem Unfall an einem am Höhenglücksteig in Franken verstarb der damals 56-Jährige. Lest hier ein Interview und erfahrt, wie der Rotpunkt-Gedanke entstand, warum Kurt Löcher in seine Autos bohrte und kriegt ein Gefühl, was für ein Mensch Kurt Albert war.

Anlässlich des zehnten Todestages von Kurt Albert könnt ihr hier noch einmal das Interview von Dirk von Nayhauß lesen, das in ALPIN veröffentlicht war.

ALPIN: Bist du schon einmal mit der Seilbahn gefahren?

Kurt Albert: Oft, beim Skifahren zum Beispiel. Als 17-Jähriger wäre ich in Chamonix fast mit der Seilbahn tödlich verunglückt. Wir hatten um zehn Minuten die letzte Bahn verpasst. Es war ein ziemlich stürmischer Tag, und die Kabine, in der wir gewesen wären, stürzte ab. Alle drei Insassen starben.

ALPIN: Wenn du auf eine Expedition gehst, bist du strenger: Seit 1995 bist du "by fair means" unterwegs, was bei An- und Abreise die Benutzung jeglicher Maschinen ausschließt.

Kurt Albert: Ab dem Punkt, wo die Zivilisation aufhört. Aber ich bin kein Dogmatiker, ich gestalte nicht mein ganzes Leben nach dieser Idee. Wenn ich nach Amerika will, fahre ich ja auch nicht mit dem Paddelboot über den Atlantik. Aber bei den Expeditionen ist das "by fair means" ein ganz entscheidender Teil des Abenteuers, weil man das Land ganz anders erlebt. Das macht den Berg auch viel wertvoller, wenn man sich aus eigenen Kräften ranarbeitet. Der Berg wird zudem schwieriger, weil man schon mit einer gewissen Müdigkeit ankommt.

Zeigte sich extrem ehrlich in ALPIN: Kurt Albert. Bild: von Nayhauß.

ALPIN: Was war denn die größte Schinderei?

Kurt Albert: Vielleicht der Lotus Flower Tower in Kanada, zu dem Kletterer normalerweise mit dem Wasserflugzeug anreisen. Wir sind dagegen hingelaufen und - gepaddelt. Die ersten 50 Kilometer mussten wir die Boote sogar stromaufwärts ziehen. Eine Woche lang, zwölf Stunden täglich waren wir unterwegs, standen mitunter bis zu den Brustwarzen im Wasser, um die Boote über Stufen zu wuchten. Zum Teil mussten wir die Boote auch durch den Wald tragen.

ALPIN: Hast du nicht ständig an dir und dem ganzen Projekt gezweifelt?

Kurt Albert: Nein, mir hat das gefallen. Wir waren mitten in der Wildnis, jeden Tag hatte ich neue Eindrücke. Richtig hart war es gegen Ende, weil wir uns mit dem Essen verkalkuliert und in den letzten Tagen kaum noch was zu beißen hatten.

Erinnerungen an den Rotpunkt-Erfinder Kurt Albert:

ALPIN: Kannst du sagen, welche Expedition dir am besten gefallen hat?

Kurt Albert: Schwer zu sagen, die sind letztlich alle gut. Kanada war eine ganz tolle Sache. Oder Baffin Island, wo wir mit Seekajaks losgezogen sind und oft von den Eisbären bedrängt wurden. Zuerst hatten wir richtig Angst, aber irgendwann wussten wir, wie man mit den Tieren umgehen muss.

ALPIN: Wie nah sind die rangekommen?

Kurt Albert: Einer ist morgens um drei Uhr in die Hütte eingebrochen, in der wir schliefen. Wir haben alle vier gebrüllt, da hat er sich getrollt. Einmal hatte ich es ganz allein mit zwei Bären zu tun. Das waren die aufregendsten Stunden meines Lebens. Ich überraschte die beiden, wie sie gerade unsere Boote mit dem ganzen Fressen knackten. Ich musste natürlich unsere Nahrung verteidigen. Ich konnte sie verscheuchen, indem ich geschrien und in die Luft geschossen habe. Drei 20-Kilo-Säcke musste ich rund fünf Kilometer landeinwärts bringen, und ständig haben mich diese beiden Eisbären im 200-Meter-Abstand verfolgt.

ALPIN: Du hast viele Expeditionen gemacht. Was reizt dich eigentlich so daran?

Kurt Albert: Das intensive Leben da draußen, dort passiert was. Und Problemstellungen zu lösen - das ist ohnehin das, was ich beim Bergsteigen suche. Du begibst dich bewusst in Situationen, die für dich neu sind, in denen du dich zurechtfinden musst. Du musst deine Antennen ausfahren, deine Taktiken anwenden, musst kreativ sein.

Druckfrisch: Biografie über Kurt ALbert von ALPIN-Autor Tom Dauer. 

| © Tyrolia

ALPIN: Aber letztlich sind Expeditionen doch die reine Schinderei.

Kurt Albert: So sehe ich das nicht. Man schindet sich ja auch daheim, wenn man für eine bestimmte Klettertour trainiert. Dann vielleicht sogar noch mehr. Die schweren Rucksäcke sind ab und zu lästig, wenn man 40 Kilo hoch tragen muss.

ALPIN: Macht dabei nicht irgendwann die Wirbelsäule Probleme?

Die habe ich, aber nicht von der Schlepperei. Ich hatte vor vier Jahren einen Bandscheibenvorfall, der operiert werden musste, weil das linke Bein monatelang gelähmt war. Aber das ist jetzt wieder in Ordnung.

ALPIN: Hattest du Panik?

Kurt Albert: Weniger, aber es ist ein Mist, wenn du von einem Tag auf den anderen nicht mehr Treppen steigen kannst. Du willst dein Bein bewegen, aber es geht nicht. Der Körper macht einfach nicht mehr, was der Kopf will.

ALPIN: Nach einer Expedition wieder daheim, was schätzt du am meisten?

Kurt Albert: Die ganz normalen Freuden der Zivilisation: eine heiße Dusche, gutes Essen, ein kühles Weizenbier. Aber ziemlich schnell wird man dann immer klar, dass das alles gar nicht so wichtig ist.

ALPIN: Ein Zitat von deinem Freund Holger Heuber: "Kein anderer Mensch den ich kenne, kann absolute Untätigkeit so gut ertragen wie Kurt. Während bei allen anderen Expeditionsteilnehmern nach 14 Tagen patagonischen Sturms die Nerven blank liegen ... liegt Kurt mit stoischer Ruhe im Zelt und bewegt sich nur, wenn es irgendwo nach etwas Essbarem riecht.

Kurt Albert im Jahr 2005 beim Signieren seines Buches. Foto: Michael Matejka, nordbayern.de.

Kurt Albert: Das stimmt nicht, ich mache mir schon meine Gedanken im Zelt: Ich löse mathematische Probleme oder bearbeite diese ziemlich komplizierten Zauberwürfel mit fünf mal fünf Quadraten pro Seite - statt sonst der üblichen drei. Phlegmatisch bin ich nicht. Ich denke halt: Warum soll ich mir das Leben schwer machen, es ist in einem Sturm so schon schwer genug. Du musst natürlich das Gefühl haben, an einem tollen Berg zu sein, ein tolle Route vor Augen. Das motiviert.

ALPIN: Du gehörst zu den Kletterern, die das Freiklettern in West- Deutschland populär gemacht haben. Wie kam es dazu?

Kurt Albert: 1973 habe ich mit der Jungmannschaft des Alpenvereins, Sektion Nürnberg, eine Reise ins Elbsandstein gemacht. Dort wurde ich zum ersten Mal mit dem Freikletter-Gedanken konfrontiert - und dass das eigentlich das einzig richtige Klettern ist. Das technische Klettern und das Rumgehampel in den Leitern hat anfangs Spaß gemacht, aber das freie Klettern hat uns dann viel mehr gereizt. 1975 kam mir dann die Idee, an den Einstieg von frei gekletterten Routen einen roten Punkt zu machen.

ALPIN: Bist du stolz darauf, dass du so einen weltweit gültigen Standard mitgeprägt hast?

Kurt Albert: Stolz? Weiß ich nicht - ja, kann man schon sagen, aber ich bilde mir nichts darauf ein. Das Freiklettern wäre ja zwangsläufig auch ohne den Rotpunkt gekommen.

ALPIN: Holger Heuber, mit dem du viel unterwegs bist, hat in dem Buch "Fight Gravity" ein sehr persönliches Porträt geschrieben. Unter der Überschrift "Genie und Wahnsinn" formuliert er: "Kurts meistverwendeter Satz, warum muss das ausgerechnet mir passieren" ist mehrmals am Tag zu hören."

Kurt Albert: Ja, ja, wenn ich zum Beispiel heftig diskutiere und die Kaffeetasse umstoße. Oder wenn ich vergesse, die Handbremse anzuziehen und das Auto davonrollt.

ALPIN: Wann hat sich denn das Auto zuletzt selbstständig gemacht?

Kurt Albert: Vor einem knappen Jahr. Ich komme gerade beim Bäcker raus und sehe, wie mein Auto an mir vorbeirollt. Erst dachte ich, das klaut einer, aber dann habe ich realisiert, dass niemand drinsitzt. Ich bin hinterher und reingesprungen, aber es ging einen steilen Berg runter. In dem Moment, als ich bremsen wollte, knallte ich frontal gegen einen Baum.

ALPIN: Und das Auto?

Kurt Albert: Ziemlich kaputt. Aber das Beste kommt noch: Ich stehe neben dem Auto und sehe, wie ein Mercedes vor dem Bäcker hält. Die Beifahrerin steigt kurz aus, dann hauen sie ab. Ich sortiere mich also und suche meinen Geldbeutel, den ich bei meinem Sprint hatte fallen lassen. Der Geldbeutel war aber weg, und mir wurde klar: Die Frau aus dem Mercedes hatte sich mein Geld geschnappt.

ALPIN: Dein Freund Holger schreibt auch: "Seine Autos gehören bis heute zu den ältesten und heruntergewirtschaftetsten im Fränkischen. Mal läuft Wasser ins Innere oder die Türen lassen sich nicht mehr öffnen. Anstatt den Schaden zu beheben, wurden einfach Löcher in den Boden gebohrt."

Kurt Albert: Stimmt, der Tipp kam aber von meiner Werkstatt. Der Golf war eh schon 20 Jahre alt.

ALPIN: Holger Heuber meint, Arbeit zähle nicht zu deinen Stärken.

Kurt Albert: Stimmt nicht. Es kommt natürlich darauf an, wie du Arbeit definierst. Ich versuche, mir das Leben bequem zu machen. Ich sauge nicht täglich die Wohnung. Ich mache das, was notwendig ist.

ALPIN: Holger: "Er findet immer eine Ausrede, um etwas nicht tun zu müssen."

Kurt Albert: Was du morgen kannst besorgen, verschiebe nicht auf heute. Ich bin Meister im Rausschieben. Wenn mich aber eine Sache motiviert, kann ich bis zur Selbstaufgabe arbeiten. Zu Schulzeiten konnte ich zuweilen nicht schlafen, weil ich ein Mathe-Problem unbedingt knacken wollte. Damals war ich von der Mathematik genauso fasziniert wie vom Klettern. Manchmal habe ich lieber auf einen Kletternachmittag verzichtet und blieb daheim hinter meinen Zetteln.

ALPIN: Du hast dann Mathematik und Physik studiert.

Kurt Albert: Genau, zehn lange Jahre.

ALPIN: Und warst eine Zeit lang Lehrer.

Kurt Albert: Es hat mir Spaß gemacht, den Stoff an den Mann zu bringen und eine Motivation zu erzeugen. Aber ich wollte die Welt kennen lernen, reisen, Expeditionen waren angesagt, und da reichen nicht einmal die langen Sommerferien.

ALPIN: Ist es dir schwergefallen, 1986 zu gehen?

Kurt Albert: Nein, ich war noch nie ein sicherheitsdenkender Mensch. Und ich hatte immer die Option, zurückzukehren. Ich könnte jetzt noch anfangen, momentan brauchen sie Mathelehrer.

ALPIN: Und?

Kurt Albert: Nein, nein, ich gehe lieber klettern. Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist.

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