Am 22. März kann Stefan Glowacz seinen 55. Geburtstag feiern. Wir gratulieren herzlich und lassen den Jubilar selbst zu Wort kommen.

Angenommen, ich würde dich nicht kennen, wie würdest du dich beschreiben?

In erster Linie als sehr ungeduldigen und ehrgeizigen Menschen. Vor allem die Ungeduld ist ein wesentlicher Charakterzug von mir. Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass ich daran auch nichts ändern kann. Ich kann nur versuchen, sie zu kontrollieren – wie ein wildes Tier, das man einfängt. Aber eigentlich muss alles, was mir jetzt gerade in den Sinn kommt, schon gestern passiert sein. Das ist für andere Menschen nicht immer einfach.

Das vollständige Interview von Tom Dauer findet Ihr in ALPIN 08/2018.

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Und dein Ehrgeiz?

In Bezug auf den Sport ist der natürlich sehr wichtig. Wäre ich nicht so ehrgeizig gewesen, wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich heute bin. Aber klar, Ungeduld und Ehrgeiz in Kombination können sehr explosiv werden

Es sind ja auch zwei Eigenschaften, die eher negativ behaftet sind …

Das kommt darauf an, wie man sich selber sieht. Ich versuche, den Menschen in meinem Umfeld nicht zu sehr auf die Nerven zu gehen. Ich bin andererseits aber überhaupt nicht nachtragend. Wenn es einen Konflikt gibt, dann wird darüber gesprochen und dann ist es auch wieder gut. Außerdem bin ich ein sehr positiver Mensch – bei mir ist das Glas immer halb voll.

Fotogalerie: Impressionen aus dem Leben der bayerischen Kletter-Legende.

Eigen- und Fremdwahrnehmung klaffen ja oft auseinander. Was glaubst du, wie ist dein Image in der Öffentlichkeit?

Es kritisieren dich ja immer nur die Menschen, die dir nahestehen. Ansonsten läuft das hinter vorgehaltener Hand. Aber es gab sicher Zeiten, in denen ich sehr arrogant rübergekommen bin, oder unnahbar, vielleicht auch hochnäsig – was ich aber gar nicht bin. Wenn, dann ist das eine Schutzhaltung, denn eigentlich bin ich ein schüchterner Mensch …Aber vielleicht kannst du mir ja mehr über mich erzählen?

Gut, dann spiele ich den Advocatus Diaboli. Ins Rampenlicht getreten bist du 1986, als im italienischen Bardonecchia der erste Kletterwettkampf überhaupt stattfand. Damals hatte man den Eindruck, es kommt einer daher, der sich für besonders toll hält.

Zu diesem Wettkampf kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Ich war damals viel an der "Rocky-Wand" in Kochel zum Klettern, so wie der Sepp Gschwendtner (Anm. d. Red.: einer der Pioniere des Freikletterns in Europa). Er hatte eine Einladung aus Italien bekommen, aber wir waren uns einig, dass das ein totaler Schmarrn ist. Doch dann sagte Uli Wiesmeier, mit dem ich viel fotografiert habe: Mensch, das schauen wir uns an! Er hat mich quasi überredet mitzumachen, als totaler No-Name. Damals verschwendete ich noch keinen Gedanken daran, Profikletterer zu werden.

Hast du erkannt, was dieser Wettkampf für eine Bedeutung für den Klettersport haben würde?

Überhaupt nicht, ich war noch jung und extrem naiv. Ich habe gedacht, das mache ich für mich. Aber in Bardonecchia habe ich gemerkt, dass ich sehr gut mit dem Wettkampfdruck umgehen kann. Ab dem Moment, als ich losgeklettert bin, habe ich das Ganze auch genossen. Die Routen fielen mir leicht, und aus Übermut habe ich ein paar Posen gemacht. Das kam natürlich nicht so gut an. Zum professionellen Wettkampfklettern kam ich dann erst in den folgenden Jahren.

Wie hast du die Entwicklung vom enthusiastischen Amateur zum Profi selbst erlebt?

Mir ist damals viel in den Schoß gefallen. Alles hatte eine unglaubliche Leichtigkeit. Ich bin einfach nur klettern gegangen, und trotzdem konnte ich bei den Wettbewerben vorn mithalten. Dann kamen die ersten Werbeaufträge, Sponsoren, Filmprojekte. Das fiel mir alles zu, ich musste nie viel tun dafür. Das blendet dich natürlich.

Mit der Erstbegehung von „Des Kaisers neue Kleider“ am Fleischbankpfeiler im Wilden Kaiser begann dein zweites alpine Leben?

Auf jeden Fall. „Des Kaisers neue Kleider“ war seiner Zeit von der Anhäufung der Schwierigkeiten her weit voraus. Dass so eine Route nicht möglich wäre ohne den Einsatz von Bohrhaken, ist klar. Denn dieser Plattenpanzer rechts der „Pumprisse“ ist ein Meer an kompaktem Fels. Von den Leuten, die die Route geklettert sind, habe ich nie Kritik gehört. Und die würde ich auch nur zulassen, wenn jemand die Route kennt. Alles andere nehme ich nicht ernst. Für mich war die Erstbegehung genau das, was ich machen wollte: Hochleistungssport plus Abenteuer. Das war ein Schlüsselerlebnis.

Du hast diese Erfahrung inzwischen auf viele Expeditionen weltweit übertragen. Doch auch dabei wirst du mit dem Vorwurf konfrontiert, hinter dem Motto „by fair means“ verberge sich keine Überzeugung, sondern ein werbewirksames Label.

Wenn ich wirklich so ein kommerzverseuchter Profikletterer wäre, dann würde ich mir ganz andere Ziele aussuchen als Baffin Island, Patagonien oder die venezolanischen Tafelberge. Ziele, die sich von selbst erklären. An Bergen, die jedes Kind kennt. Dann würde ich nicht am Ende der Welt in Regionen rumkriechen, von denen nie ein Mensch gehört hat. Es wird immer Leute geben, die sagen, das habe mit „by fair means“ nichts zu tun. Es gibt immer Angriffspunkte, klar.

Das komplette Interview mit Stefan Glowacz findet Ihr in ALPIN 08/2018.

Text von Tom Dauer

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