Gemeinsam mit dem Spitzenalpinisten Roger Schäli radelte Profi-Kletterer Simon Gietl zur Besteigung der sechs großen Nordwänden der Alpen. ALPIN sprach mit dem Simon für die Grüne Ausgabe (ALPIN 4 | 2022) über "North 6" und nachhaltiges Reisen im Bergsport.

ALPIN: Simon, kannst du uns dein Projekt mit Roger Schäli zusammenfassen?

In meinem Projekt "North 3" verband ich gemeinsam mit Vitto Messini den Ortler, die Große Zinne und den Großglockner innerhalb von 48 Stunden mit dem Rad. Nach erfolgreichem Abschluss rief mich Roger an und erzählte mir von seiner Idee "North 6".

Simon und Roger bestiegen die Grandes Jorasses bei besten Wetterbedingungen.

Simon und Roger bestiegen die Grandes Jorasses bei besten Wetterbedingungen.

| © John Thornton

Es ging darum, in die Geschichte der Pioniere einzutauchen und die sechs klassischen Nordwände mit dem Bike zu erreichen und anschließend zu klettern: Große Zinne, Piz Badile, Eiger, Matterhorn, Petit Dru und Grandes Jorasses. Diese Wände sind natürlich der Lebenstraum aller Alpinist:innen. Die Einschränkungen durch die Pandemie haben die Umsetzung von "North 6" deutlich beschleunigt.

Zunächst standen wir vor der Entscheidung: by fair means oder sportlich-ambitioniert? Die Entscheidung fiel für die Herausforderung. Wir wussten aber: Auf Leistung wird es nur mit viel Vorbereitung und einem Support-Team klappen. Die Distanzen legten wir aber aus eigener Kraft zurück. Insgesamt waren es über 1000 Kilometer mit dem Rad und 33000 Höhenmeter.

Entscheidung gegen ein Projekt by fair means

ALPIN: Wieso habt ihr euch gegen „by fair means“ entschieden?

Schlussendlich war ausschlaggebend, dass wir eine sportliche Zeit in einem realistischen Zeitfenster schaffen wollten. Ich hätte mich als Familienvater auch kein halbes Jahr ausklinken können. Wir haben dann auch nur etwa zwei Wochen gebraucht. Ein straffes Programm!

ALPIN: Wie hast du dich vorbereitet?

Vorbereitet habe ich mich neun Monate. In der Zeit war ich nur auf "North 6" konzentriert und trainierte intensiv. Da waren einige Bike-Runden mit 300 km und 5000 Höhenmetern dabei. Denn für mich war immens wichtig, dass das Projekt nicht an mir scheitert. Um ganz sicherzugehen, habe ich sogar das erste Mal mit einem Trainer zusammengearbeitet.

ALPIN: Hat deine Kletterperformance unter dem einseitigen Training gelitten?

Flug ins Glück vom Piz Badile.

Flug ins Glück vom Piz Badile.

| © Simon Gietl

Die Oberschenkel wurden immer dicker, die Oberarme immer dünner. (lacht) Mir hat das Klettern aber wenig Kopfzerbrechen bereitet, weil wir nicht die extremsten Routen gewählt hatten. Am meisten Respekt hatte ich tatsächlich vor den über 1000 Kilometern auf dem Ledersattel des Rennrads.

Knie-OP zwei Monate vor dem Start von "North 6"

ALPIN: Hattest du das Gefühl, dass du bei den letzten Nordwänden an deine körperlichen Grenzen gestoßen bist?

Für mich war die größte Leistung an dem Projekt, dass ich es durchgehalten habe. Zwei Monate vor Start hatte ich eine Knie-OP und wusste erstmal nicht, wie es weitergeht. Die Angst hat mich bis zu in die ersten Etappen begleitet. Am vierten Tag der Expedition sind wir vom Gipfel des Piz Badile mit dem Gleitschirm gestartet. Das war für mich ein Befreiungsflug. Ab diesem Moment war ich glücklich und hatte ich keine Zweifel mehr, dass uns irgendetwas aufhalten wird.

Die Outdoor- und Bergsport-Branche lebt davon, dass "Natur" verkauft wird. Daher sollten auch wir Bergsportler:innen mit gutem Beispiel vorangehen und nachhaltige Produkte nutzen. Hier eine Auswahl an "sauberen" Ausrüstungsgegenständen aus der Outdoor-Industrie:

ALPIN: Glaubst du, dass sich das Freizeit-, Bergsport-, Reise-Verhalten durch die Pandemie nachhaltig verändert hat?

Ich glaube schon, dass sich dank Corona ein Umdenken eingestellt hat. Im Sommer bin ich viel als Bergführer unterwegs und habe auch in den Dolomiten beobachtet, dass deutlich mehr los ist. Vor allem Einheimische haben Urlaub in Südtirol gemacht. Viele haben durch die Pandemie verstanden, welches Juwel wir vor der Haustür haben.

Immer gut gelaunt: Simon und Roger während "North 6".

Immer gut gelaunt: Simon und Roger während "North 6".

| © Adrian Buettne

ALPIN: Muss bei der Anreise an den Berg ein Umdenken stattfinden?

Ich würde es nicht als Muss bezeichnen, sondern als Kann. Unser Projekt war schon ziemlich auf die Spitze getrieben. Aber darunter ist eine große Pyramide, wo ich viel Spielraum sehe! Gerade im Kleinen muss man sich nicht immer vom Auto abhängig machen. Die Idee, mit dem Bike zum Bergsteigen zu fahren, ist ja nichts Neues. Und mir ist wichtig, das zu betonen!

Das haben uns schon die Pioniere vorgemacht. Zum Beispiel radelte Hermann Buhl zum Piz Badile und zurück. Roger und ich haben die Idee nur neu aufgegriffen und auf eine andere Stufe gehoben. Denn wir wurden von einem Team unterstützt, das sollte man nicht schönreden.

Die Seilschaft Schäli und Gietl am Ende des großen Eisfeldes in der Nordwand der Grandes Jorasses.

Die Seilschaft Schäli und Gietl am Ende des großen Eisfeldes in der Nordwand der Grandes Jorasses.

| © Severin Karrer

ALPIN: Wie verbindest du persönlich Nachhaltigkeit mit dem Profi-Alpinismus? Du warst vor "North 6" auch mehrfach auf Expedition.

Mich beschäftigt das Thema Nachhaltigkeit im Profi-Bergsport sehr. Ich glaube schon, dass man noch gehen kann, aber wie oft ist entscheidend. Denn es nützt der Natur wenig, wenn ich nicht zu einer Expedition fliegst, stattdessen aber 365 Tage mit dem Auto durch die Alpen fahre. Es muss ein Gleichgewicht bestehen. Nachhaltiges Verhalten muss aus dem Herz kommen und weniger vom Verstand. Ich habe für mich entschieden, nicht mehr so viele Expedition im Jahr zu unternehmen. Wenn ich aber ein Projekt beginne, dann dementsprechend demütig.

Die siebenseitige Tourenreportage "Zeitreisende" findet ihr in ALPIN 4 | 2022. Weitere Interviews zu ihren Bike-Projekten führte ALPIN mit Ines Papert und Stefan Glowacz.

Die ALPIN 4 | 2022 ist ab dem 08.03. im Zeitschriftenhandel und in unserem Heft-Shop erhältlich.

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