Die Aiguille Verte: ein klingender Name für das persönliche Tourenbuch fortgeschrittener Bergsteiger. Mit ihrer prächtigen Firnhaube war sie für Alpinisten schon seit jeher eine Herausforderung. Ein ernstzunehmender, schwieriger Gipfel in schwindelnden Höhen und ewigem Eis.

Tiefblick auf das grüne Tal von Chamonix.
Tiefblick auf das grüne Tal von Chamonix.

Alle Seiten haben großartige Eistouren und kombinierte Anstiege zu bieten, die dem Bezwinger einiges an Können abverlangen. Die erste Besteigung durch das Whympercouloir auf der Seite des Mer de Glace war angesichts der damaligen Ausrüstung und Technik eine ganz außerordentliche Leistung. Um den Gipfelsieg zu erringen, benutzen noch heute die meisten Seilschaften dieses 600 Meter hohe und mindestens 50 Grad steile Couloir. Zur Fotogalerie Tourenbuch Aiguille Verte

Aufruhr in Chamonix

Die Erstbesteigung war ein Meilenstein bei der Erkundung des gesamten Massivs, und so ist es kein Zufall, dass es am 29. Juni 1865 in Chamonix hoch herging. Die Führer waren außer sich. Der Mont Blanc war bereits bestiegen, die Aiguille du Midi erobert, doch dass die Verte von Ausländern genommen wurde, war unglaublich. Die Chamoniarden empfanden diese Besteigung als einen Schlag mitten ins Nordwandgesicht.

Ankunft bei Sonnenaufgang am Gipfel der Verte nach getaner Kletterarbeit – im Hintergrund links erstrahlt der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht.
Ankunft bei Sonnenaufgang am Gipfel der Verte nach getaner Kletterarbeit – im Hintergrund links erstrahlt der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht.

Dieser isolierte Gipfel, schwierig, widerspenstig und rau, spiegelt im Prinzip ihr eigenes, französisches Wesen wider, das sie gerne für sich in Anspruch nehmen. Als Edward Whymper nach dem Gipfelsieg zu allem Überfluss auch noch in Begleitung von zwei Schweizer Führern, darunter übrigens der berühmte Christian Almer, in Chamonix erschien, kochte der französische Volkszorn.

Whymper beschreibt diese Szene in seinem Buch „Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen“: „Chamonix war in großer Aufregung und das Amtszimmer des vorsitzenden Bergführers mit schreienden Männern gefüllt. Der übelste Schreihals, ein gewisser Zacharias Cachat, ein bekannter Führer ohne besondere Fähigkeiten, aber sonst kein übler Mann, hielt eine Ansprache an die Menge. Er traf auf einen überlegenen Gegner. Mein Freund Kennedy, der sich in Chamonix aufhielt, hörte den Lärm, eilte herbei, trat dem schreienden Führer wortgewaltig entgegen, indem er ihm seine Einfältigkeit vorhielt. Der Stoff, aus dem Aufruhr entsteht, war gewebt. Zur Fotogalerie Tourenbuch Aiguille Verte Aber in Frankreich werden solche Dinge schnell geregelt. Die Gendarmen rückten mit drei Mann an und zerstreuten die Menge. Die Führer fürchteten sich vor den „Federhüten“ und verschwanden in den umliegenden Kneipen, um mit einigen Gläsern Absinth endlich Vergessen herbeizuführen.“

Durch die Nant-Blanc-Flanke wagen sich nur erfahrene Bergsteiger.
Durch die Nant-Blanc-Flanke wagen sich nur erfahrene Bergsteiger.

So wurde die Rinne, die den ersten Anstieg auf die Aiguille Verte ermöglichte, das Whympercouloir getauft. Heute ist dies der Normalweg mit einer Steilheit von 50 Grad, der keine Unsicherheiten im Auf- wie im Abstieg zulässt. Die gleichmäßige Steilheit dieses Couloirs erfordert absolut sicheres Gehen mit Steigeisen. Die meisten Unfälle, und es gab und gibt viele, sind auf unzulängliches Können der Bergsteiger zurückzuführen. Enorme Fortschritte, was die Ausrüstung anbelangt, ändern nichts an der Tatsache, dass die Aiguille Verte, egal auf welcher Route, den Besten unter den guten Bergsteigern vorbehalten ist.

Eine zweite, neben dem Whympercouloir gelegene Linie wurde knapp eine Woche nach diesem aufsehenerregenden Erfolg eröffnet. Michel Croz, einer von Whympers bevorzugten Führern, erreicht den Gipfel zusammen mit E. S. Kennedy, C. Hudson, G. Hodgkinson und den Führern M. Ducroz und P. Perren über den Moinegrat (III). Diese Route wurde nach dem Whympercouloir der beliebteste Anstieg an der Verte. Der Moinegrat ist auch eine Alternative für Notfälle, besonders wenn das Whympercouloir durch Blankeis, weichen Firn oder Steinschlag im Abstieg nicht zu begehen ist.

Einer der berühmtesten Führer in Chamonix

Messerscharfe Grate warten auf ihre Bezwinger.
Messerscharfe Grate warten auf ihre Bezwinger.

Blickt man auf die Nordseite der Aiguille Verte, sticht besonders das Cou-loir Couturier ins Auge. Dieses Couloir hatte der berühmte amerikanische Geograf Bradford Washburn am 2. September 1929 mit den Führern Georges Charlet, André Devouassoux und Alfred Couttet teilweise durchstiegen. Erst 1932 vollendete dann Armand Charlet mit Marcel Couturier die Route durch einen direkten Ausstieg. Die 900 Meter hohe Flanke mit gleichmäßiger Steilheit ist einer der großen Klassiker im steilen Eis der Westalpen geworden.

Armand Charlet war unbestritten einer der berühmtesten Führer in Chamonix und hat an der Aiguille Verte acht neue Routen erschlossen. Eine seiner schönsten Touren ist die Nant-Blanc-Flanke, eine eindrucksvolle 900-Meter-Wand in kombiniertem Gelände, die jeden Betrachter in seinen Bann zieht. Zur Fotogalerie Tourenbuch Aiguille Verte Viele Geschichten ranken sich um die Aiguille Verte. Unter anderem auch die von Camille Devouassoux, der eine Schlüsselstelle überwand, indem er seinem Kletterpartner, dessen Kopf nur duch ein „béret“ geschützt war, mit Steigeisen aufs Haupt stieg. Ein weiterer, wunderbarer Anstieg ist der „Arête sans nom“, ein Grat der seinen Namen verdient und seinesgleichen sucht.

In der Liste aller Viertausender (siehe ALPIN 07/2006 ) nimmt die Aiguille Verte eine ganz besondere Stellung ein. Sie ist einer der weitaus am schwierigsten zu besteigenden Gipfel. Die Verte will auch heute noch erobert werden.

Text und Fotos: Mario Colonel

Aus ALPIN 06/2006 (Text gekürzt)

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