Dienstag früh, Anfang Januar 2005. Wir probieren es noch einmal. Hoffentlich kommen wir diesmal durch! Das Karwendel hat schon ein paar Schneefälle hinter sich. Nachdem wir die Sachen gepackt haben, bringt uns die Karwendelbahn zum Ausgangspunkt.

Die Leitern und Drahtseile erleichtern uns nur teilweise den Weg, oft sind sie unter dem Schnee verborgen.

Dick eingepackt und noch recht müde stapfen wir hintereinander her. Michael erklärt mir, dass wir heute eine so genannte "Inversionswetterlage" haben. Soweit das Auge reicht, ist alles bis etwa 1800 Meter unter einer Wolkendecke verschwunden. Darüber scheint die Sonne und die Bergspitzen ragen wie Inseln aus dem Nebel-Meer. Wir sind überzeugt, dass wir es heute schaffen, da weniger Schnee liegt und sogar eine Spur vorhanden ist.

Die Sicherungen ragen nun weitgehend aus dem Schnee heraus und wir kommen zügig vorwärts. Bis zum Gatterl brauchen wir gerade mal eine Stunde. Ab hier beginnt für uns das Neuland. Es folgen nun einige Leitern, über die wir aufgrund der Steigeisen etwas wackelig kraxeln. Michi und ich gehen alles gleichzeitig am Seil. Ich bin froh, dass ich einen erfahrenen Führer am anderen Ende habe.

Die Spur endet hier…

Durch die starke Sonneneinstrahlung ist der vor uns liegende Weg weitgehend gut begehbar, so dass wir ohne große Schwierigkeiten das Stück bis zum Einstieg in die Nordostflanke der Sulzleklammspitze passieren können. Kurz nach der kleinen Unterstandshütte sehe ich nur noch die steil abfallende und unberührte Schneeflanke. Die Spur endet hier und von den Sicherungen ist weit und breit nichts zu sehen. Unweigerlich breitet sich ein flaues Gefühl in meinem Magen aus. Ich versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen.

Michi ist schon wieder ganz engagiert bei der Sache: Geschickt quert er die Flanke. Nachdem das Seil aus ist und er kein frei liegendes Drahtseil gefunden hat, buddelt er kurzerhand ein Loch, in das er sich dann zum Sichern hockt. Für mich heißt es jetzt "Nachkommen"!

Ich zögere und frage mich, wieso ich diesmal keinen Eispickel dabei habe und ob Michi mich wirklich mit dieser Luis-Trenker-Sicherung im Falle eines Sturzes halten kann. Schritt für Schritt taste ich mich vorsichtig in Michis Trittspuren vorwärts. Unter mir gähnt der Abgrund - und ich soll auch noch für ein Foto lächeln. Als ich endlich am Sicherungsloch ankomme, blicke ich ziemlich stolz auf die soeben bezwungene Flanke zurück.

Nomen est omen

Es muss nicht immer ein 4000er sein, der winterliche Mittenwalder Höhenweg bietet ein ausgesucht schönes hochalpines Erlebnis.

Die folgende enge und steile Rinne, im Sommer an sich technisch recht einfach, erweist sich im Winter als wahre Herausforderung. Wegen des Tiefschnees versinkt Michi bis zum Bauch und muss sich wie ein Maulwurf hinaufgraben. So schnell wie möglich wühle ich mich hinterher, denn so ganz allmählich geraten wir unter Zeitdruck.

Der Weg zum Gipfel der Sulzleklammspitze gestaltet sich noch anstrengender, da der Schnee wegen der Sonne zunehmend sulziger wird - nomen est omen. Endlich wieder oben am Grat angekommen, wird der weitere Weg wieder überschaubarer. Wir schnaufen erst einmal durch und genehmigen uns eine kurze Brotzeit. Ich genieße die herrliche Aussicht in vollen Zügen und verdränge die düsteren Gedanken an ein kaltes Biwak wieder.

Nicht ohne Grund, denn den Rest des Grates hinüber zur Kirchlspitze, wo die Sicherungen und die Schwierigkeiten der Route enden, bringen wir zügig hinter uns. Die letzten Sonnenstrahlen begleiten uns noch bis zum Brunnsteinanger, bevor wir kurz darauf wieder in das fast unwirklich erscheinende Wolkenmeer eintauchen und ins Tal absteigen.

Text: Diana Adelbert

Der erste Versuch

Aus ALPIN 01/2006 Zur Einzelheftbestellung