Scharfer Granitgrat auf steilen, hochalpinen Zahn

Bergportrait: Wilde Leck (3361 m)

Griffig und blockig – und dabei nicht bockig: Der Ostgrat der Wilden Leck ist eine der schönsten und abwechslungsreichsten Granitklettereien ihrer Art im österreichischen Alpenraum. Den Höhepunkt bildet die – nicht zwangsläufig notwendige, aber ziemlich elegante – Überschreitung des Gendarmen.

Eine der schönsten und abwechslungsreichsten Granitklettereien führt auf die Wilde Leck.
© Bernd Ritschel

Wilde Leck: Scharfer Granitgrat auf steilen, hochalpinen Zahn

Unter den zahlreichen "Wilden" der Stubaier Berge ist die Leck mit Abstand der wildeste Zapfen. Sie ist der Hauptgipfel und der südliche Endpunkt des aus Stubaier Sicht etwas abgelegenen Sulztalkamms, der das mittlere Ötztal vom Sulztal trennt. Als scharf geschnittene, dreikantige Granitpyramide ragt sie am nordwestlichen Ende des weiten Sulztalferners dramatisch in die Höhe.

Ein Klettergipfel, wie er im Buche steht, Eis spielt an der Wilden Leck keine Rolle. Nach Südwesten, Norden und Osten entsendet der Gipfel markante Grate. Die dazwischen eingelagerten Wände sind düstere, brüchige Gemäuer, irgendwann einmal durchstiegen, aber längst wieder in Vergessenheit geraten.

Wilde Leck: Die Geschichte der Erstbesteigung

Während der Epoche der klassischen ostalpinen Hochgebirgserschließung galt die Wilde Leck lange Zeit als unersteigbar. Dieses Kunststück gelang erst dem kühnen Söldener Gämsjäger Zachäus Grüner am 19. August 1885 – als Folge einer Wette. Da Grüner allein unterwegs war, ist nicht viel über seine Route bekannt. Man weiß nur, dass er vom Ötztal her aufgestiegen ist.

Zwei Jahre später jedenfalls fanden Ludwig Purtscheller und Dr. Fritz Drasch Grüners Steinmännchen am Gipfelblock. Sie kamen in Begleitung des Führers Quirin Gritsch erstmals aus dem Sulztal und kletterten über den Ostgrat zum Gipfel. Die beiden Touristen waren fit und motiviert, nur der einheimische Guide schien nicht recht auf der Höhe:

<p>Heute zählt der Ostgrat zu den elegantesten Graten im III. und IV. Schwierigkeitsgrad. </p>

Heute zählt der Ostgrat zu den elegantesten Graten im III. und IV. Schwierigkeitsgrad.

© Bernd Ritschel

"Den Angriffspunkt bildete der Südostgrat des Gipfels. Ueber Blöcke, Kamine und Einschnitte emporkletternd, gelangte die Seilschaft auf die oberste Gratschneide. Ein jäh aufge­thürmtes Blockwerk, das zu überklettern Gritsch ablehnte, nöthigte sie, auf die Südseite überzugehen, die fortan nicht mehr verlassen wurde. Hier befindet sich eine schwierige, stark exponirte Stelle; sie besteht aus einer etwa 40 Grad geneigten, glatten, nur wenige Griffe darbietenden Platte, die einige Meter unterhalb in eine hohe, überhängende Wand abstürzt. Dr. Drasch und der Verfasser überwanden dieses Hindernis mit Hilfe des Seiles rasch, aber Gritsch konnte sich nur schwer entschliessen, nachzufolgen." Der Mann wird froh gewesen sein, als er wieder heil zu Hause war.

Tour über den Ostgrat auf die Wilde Leck

Heute zählt der Ostgrat österreichweit zu den elegantesten Graten im III. und IV. Schwierigkeitsgrad. Das besondere Flair dieser Route macht der steile, bombenfeste Granit hoch über der arktisch anmutenden Weite des Sulztalferners aus. Trotz seiner Bekanntheit ist der Grat nicht vernagelt und für die Absicherung muss man schon selbst sorgen.

<p>Alpiner Genuss: Auf dem Ostgrat auf die Wilde Leck.</p>

Alpiner Genuss: Auf dem Ostgrat auf die Wilde Leck.

© Bernd Ritschel

Wem das zu anspruchsvoll ist, der schließe sich einem Bergführer an. Die steigen heutzutage zuverlässig und souverän voraus, sodass der Gast sich ganz und gar dem Kletter- und Landschaftsgenuss hingeben kann. Ein echtes Zuckerl – die Wilde Leck.

  • Schwierigkeit: Wunderschöner hochalpiner Granitgrat, 9 SL, meist II und III, eine Stelle IV. Grundsätzlich ist die Kletterei direkt am Grat immer etwas schwieriger, aber auch sehr viel schöner. Die meist linksseitigen Umgehungen folgen dem Weg des geringsten Widerstands. Die Route ist nahezu komplett selbst abzusichern, was sich aber mit Schlingen und einigen wenigen Klemmkeilen problemlos bewerkstelligen lässt. Der ehemals gebräuchliche Abstieg durch die Südwand ist mittlerweile nicht mehr begehbar. Eine neue Abstiegsmöglichkeit mit eingerichteten Abseilstellen führt vom Südwestgrat auf den Sulztalferner hinab.

  • Höhenunterschied/Länge: Insgesamt 1230 Hm, 5 Std. Aufstieg, davon 980 Hm Zustieg (21/2 Std.) und 250 Hm Kletterei (21/2 Std.), 21/2–3 Std. Abstieg.

  • Material: 60-Meter-Einfachseil, Steigeisen, Pickel, lange Bandschlingen, Grundsortiment Klemmkeile, 4 Express-Schlingen.

  • Talort: Gries, 1572 m, im Sulztal.

  • Ausgangspunkt: Parkplatz am Ortsende von Gries, 1599 m.

  • Hütte: Amberger Hütte, 2135 m, DAV Amberg, von Anfang Februar bis Anfang Mai und von Mitte Juni bis Anfang Oktober bewirtschaftet, bewirtschaftet, sonst offener, sehr komfortabler Winterraum, zu Fuß 2–2:30 Std. von Gries, ideal und deutlich schneller mit dem Mountainbike zu erreichen, ambergerhuette.at

  • Route: Von der Hütte wandert man am bez. Steig 137 nach Süden durch den flachen Talboden In der Sulza, ehe über einige Serpentinen die rechte Seitenmoräne des Sulztalferners erreicht wird. Auf der Moräne nach Süden und entweder über Blockwerk auf den Ferner oder auf Schutt und wackeligen Blöcken den Ostgratfuß bis ins Becken des Wilde-Leck-Ferners umgehen. Von Süden her über Schutt und Bänder zum Einstieg in der ersten Ostgratscharte. Die ersten Seillängen am Grat sind etwas leichter, also ideal zum Warm-up, ehe sich der Gendarm in den Weg stellt: Entweder spektakulärer darüber hinweg (V) oder leichter rechts daran vorbei. Ab hier wird der Grat steiler und schwieriger. Die Schlüsselstelle (IV) wartet in der 6. Seillänge an einer kompakten Platte mit Piazriss. Danach etwas leichter und über ein luftiges waagrechtes Gratstück sowie durch die Gipfelwand zum Kreuz.

Die Schlüsselstellen des Ostgrats auf die Wilde Leck könnt ihr euch hier ansehen:

<p>Austria Alpin – Große Gipfel Österreichs</p>

Austria Alpin – Große Gipfel Österreichs

© Tyrolia Verlag

Mit freundlicher Genehmigung aus:

Text von Robert Demmel

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