Wer im hochalpinen Gelände unterwegs ist, bewegt sich auch auf Gletschern. Ein Spaltensturz ist da jederzeit möglich. Mit der traditionellen Technik ist die Spaltenbergung recht komplex. Mit modernen Seilklemmen geht es viel schneller und einfacher, einen Seilpartner aus einer Gletscherspalte zu bergen.

Gletscher haben Spalten. Dort kann man hineinfallen. Was im ersten Moment nach einer Katastrophe klingt, kann bei richtigem Vorgehen und guter Ausbildung aller Seilschaftsmitglieder in wenigen Minuten "behoben" werden. Schon mit ein wenig Übung sitzt der Aufbau der losen Rolle so, dass man ihn im Ernstfall auf Abruf bereit hat.

Dank neuer technischer Hilfsmittel ist der Aufbau der losen Rolle heute deutlich einfacher zu bewerkstelligen als noch vor wenigen Jahren.

Moderne Seilrollen und Rollen mit Rücklaufsperre helfen im Fall der Fälle Zeit und Material zu sparen. Totz dieser technischen Hilfsmittel sollte jeder, der Hochtouren unternimmt, auch die althergebrachten Techniken kennen und können.

Der Fixpunkt

Ein zentraler Punkt aller Spaltenbergungsvorgänge ist der Fixpunkt, der geschaffen werden muss. Ohne Fixpunkt keine Spaltenbergung! In so einem Fall bleibt nur noch die Selbstrettung des Gestürzten.

Klassischer Fixpunkt: der T-Anker.

| © Imago/Imagebroker

Als Werkzeug für den T-Anker, der den Fixpunktbilden wird, dient bei Hochtouren in aller Regelein ein Pickel. Man muss unter allen Umständen dafür sorgen, dass der T-Anker hält. Lieber etwas zu tief graben, auch wenn dafür ein paar Minuten länger benötigt werden. Auch das „Verdichten“ der vorderen Wand des T-Ankers (die, auf die der Zug erfolgt) ist wichtig. Versagt der T-Anker, ist eine Katastrophe fast vorprogrammiert.

Im Optimalfall hat man den T-Anker mit der Bandschlinge so positioniert, dass man den Einbindeknoten direkt einhängen kann und durch leichtes Nachgeben des hintersten Seilschaftsmitglieds die Last übertragen wird.

Die Lastübertragung beim T-Anker.

Ist das Aufgrund der Position des T-Ankers nicht möglich, muss die Last mittels einer extra Klemme (T-Bloc, Rolle mit Klemme oder Prusik) auf den Fixpunkt übergeben werden. Ist das geschehen, geht es an die eigentliche Bergung.

Aufbau der losen Rolle mit klassischem Material

Die Spaltenrettung mit den Protagonisten.

| © Georg Sojer

Der Vorderste, der in die Spalte stürzt, ist unser Mann A, der Zweite ist unsere B-Person und der Letzte trägt die Bezeichnung C.

Ist A in die Spalte gefallen, hält C das Gewicht des Gestürzten während B einen Fixpunkt baut. Dazu gräbt B einen T-Anker. Um nicht ganz kurz an das Seil "gefesselt" zu sein, das zu A in die Spalte führt, sichert sich B mit einer Rettungsprusik an dem Seil, das zur Spalte geht.

Dann hat er mehr Bewegungsfreiheit und kann besser agieren. Die Prusik hängt er mit einem Verschlusskarabiner in den Anseilpunkt des Gurtes. Dann kann er sich aus dem Hauptseil aushängen.

Ist der Fixpunkt fertig, muss die Last übertragen werden. Das geschieht wie folgt: Eine Rettungsprusik (Länge einfach ca. 4 Meter) wird in das Seil, das zur Spalte läuft, geknüpft.

Kurz hinter dem Prusikknoten wird die Schlinge nochmal abgebunden. In die Schlaufe, die so entsteht, wird ein Karabiner eingehängt.

Der ist für diverse Tricks im Verlauf der Bergung notwendig. Nun wird das andere Ende der Prusik mit einem Schraubkarabiner in den Fixpunkt eingehängt und vorsichtig die Last übertragen, indem C Seil nachgibt.

Hält der Fixpunkt, wird zur Hintersicherung der freie Anseilknoten (von B) im Fixpunkt eingehängt.

Damit hat B seinen Teil der Arbeit gemacht. Er kann jetzt, im Rettungsprusik gesichert, den Fixpunkt hintersichern (sich darauf stellen/ hocken).

Nun übernimmt C die weitere Bergung (in einer größeren Seilschaft natürlich derjenige, der das am besten/schnellsten kann). Er sichert sich wiederum mit einer Rettungsprusik in dem Seil, das vom Fixpunkt kommt.

Ganz wichtig: Laut aktueller Lehrmeinung bedeutet Rettungsprusik immer, dass die Prusikschlinge kurz hinter dem Knoten nochmal abgebunden wird und in diese Schlaufe ein Karabiner eingehängt wird.

Seil zum Gestürtzen

Ist C so gesichert, hängt er sich aus dem Hauptseil aus. Dann öffnet er sämtliche Knoten in dem freien, unbelasteten Seilende (auch die Seilpuppe) und geht an den Spaltenrand vor. Wenn möglich nimmt er Blickkontakt zu A auf.

Ist das nicht möglich, sollte er ihm zumindest gut zureden. Dabei gilt es für C darauf zu achten, dass seine Selbstsicherung so eingestellt ist, dass sie am Spaltenrand auf Zug ist.

© Georg Sojer

Nun hängt C einen Verschlusskarabiner und, wenn vorhanden, eine Seilrolle in das freie Seil und lässt es zu A so runter, dass sich eine Seilschlaufe bildet. A hängt den Karabiner in seinen Anseilpunkt.

Klassische Rücklaufsperre.

| © Georg Sojer

Ein Ende des freien Seils kommt nun vom Fixpunkt, dass andere hat C in der Hand. In dieses Ende bindet er eine mittellange Prusikschlinge und hängt diese in den Karabiner seiner Rettungsprusik. Das ist die so genannte Rücklaufsperre.

Lose Rolle mit moderner Seilrolle mit Rücklaufsperre.

Unter die beiden Seilstränge des Zugseils legt man am Spaltenrand nun ein Paar Ski (Kanten nach unten) oder ein paar Skistöcke oder auch einen Eispickel, damit das Zugseil nicht zu tief in den Schnee einschneidet.

Diese Unterlage sollte auf jeden Fall hintersichert werden, damit sie nicht in der Spalte verschwindet (und ggf. A noch verletzt).

Dann beginnt C mit der Bergung. Dazu zieht er an dem freien Seil und schiebt nach jedem Zug die Rücklaufsperre nach vorne. Ist das System gut eingestellt, kann man so relativ schnell und effektiv A ans Tageslicht befördern.

Die lose Rolle mit technischer Rücklaufsperre

  • 1 x 120 cm Bandschlinge für den T-Anker

  • 1 Verschlusskarabiner für die Lastübergabe

  • 1 Prusik 6 mm, 240 cm für den Retter 1

  • 1 Prusik 6 mm, 240 cm für den Retter 2

  • 1 Rolle mit Rücklaufsperre

Sind mehrere Personen da, helfen diese natürlich beim Ziehen. A muss bei der ganzen Prozedur nur darauf achten, dass er sich mit den Füßen vom Spaltenrand wegdrückt.

Die lose Rolle klassisch

  • 1 x 120 cm Bandschlinge für den T-Anker

  • 1 Verschlusskarabiner für die Lastübergabe

  • 1 Prusik 6 mm, 240 cm für den Retter 1 (Mittelmann in einer Dreier-Seilschaft)

  • 1 Prusik 6 mm, 240 cm für den Retter 2 (Hintermann in einer Dreier-Seilschaft)

  • 1 Verschlusskarabiner für die lose Rolle, der zum Gestürzten hinabgelassen wird

  • 1 Prusik 6 mm, 240 cm für das Zugseil

Besonders im Winter ist es nicht selten, dass das Seil weit in den Schnee am Spaltenrand einschneidet. Dann müssen die Retter zuerst die "Wechte" am Spaltenrand wegschlagen.

Das kann eine sehr mühsame und langwierige Prozedur sein, die auch für die Person in der Spalte kein Vergnügen ist. Denn der bekommt viel von dem ab, was seine Kollegen oben entfernen (Helm!).

Wichtig ist: Man muss üben und zwar regelmäßig, im Idealfall mehrmals vor jeder Saison, und wenn man etwas Zeit übrig hat, auch mal auf dem Gletscher.

Text von Olaf Perwitzschky

0 Kommentare

Kommentar schreiben