Unter normalen Umständen navigiert heutzutage fast jeder mit dem Smartphone oder dem GPS-Gerät. Doch wer sich in wegloses Gelände begibt, sollte auch mit Karte und Kompass umgehen können. Wir zeigen euch, wie das geht

Orientierung bedeutet zu wissen, wo man sich gerade befindet, also die Kenntnis über den eigenen Standort und in welche Richtung man sein Ziel erreichen kann. Dies schließt auch die Anwendung von Hilfsmitteln wie Karte, Kompass, Höhenmesser, GPS-Gerät und Smartphone mit ein. Wir betrachten hier die Praxis mit den klassischen analogen Methoden. 

Sollte jeder Bergsportler - zumindest in Grundzügen - beherrschen: die Orientierung mit Karte und Kompass.

| © Imago / Westend

Warum Papier?

Leider ist eine Karte sowie der Umgang mit einer solchen für die meisten Bergsteiger und Wanderer nicht mehr selbstverständlich. Falls sie überhaupt noch Platz im Rucksack findet, dann nur noch mit "Alibifunktion"; ausgepackt und verwendet wird sie kaum noch. Und das obwohl 99 Prozent der Orientierungsaufgaben in den Bergen allein durch das Lesen einer Karte gelöst werden können. 

Eine topografische Landkarte ist immer noch das wichtigste Hilfsmittel für die Orientierung im Gelände und zur Routenplanung zu Hause. Sie sollte auf jeder Tour dabei sein und auch genutzt werden, denn sie wiegt nicht viel, kann nicht zerbrechen, braucht keinen Strom, ist auch ohne Internetverbindung und GPS-Empfang nutzbar und ermöglicht einen viel besseren Überblick über das Gelände als ein Smartphone-Display, auf dem nur ein kleiner Kartenausschnitt dargestellt werden kann. 

Für die Orientierung mit einem Kompass ist eine (Papier-) Landkarte zudem ein unverzichtbares Hilfsmittel. Allerdings sollte man auch wissen, was man auf der Karte sieht. Am besten funktioniert das, indem man immer wieder Karte und Gelände miteinander vergleicht.

Welche Karten?

Beim Bergsteigen, vor allem wenn man im weglosen Gelände unterwegs ist, haben sich topografische Landkarten im Maßstab 1:25.000 bewährt. Für Mountainbike-Touren oder Wanderungen, bei denen man auf einem vorhandenen Wege- und Straßennetz unterwegs ist, bieten sich Landkarten im Maßstab 1:50.000 an. Wanderkarten gibt es von verschiedenen Verlagen und Herausgebern wie Kompass, freytag &berndt, Tabacco (Norditalien), Kümmerly + Frey (Schweiz), Swissmap (Schweiz), die Karten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins oder die Karten der Landesvermessungsämter. 

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Mit etwas Übung entsteht anhand einer Karte ein ziemlich realistisches Bild des Geländes.

| © ALPIN

Die besten Karten für Bergtouren in Deutschland und Österreich sind die Alpenvereinskarten im Maßstab 1:25.000. Die AV-Karten haben ein UTM-Gitter, mit dem einfach und schnell Koordinaten abgelesen werden können, und sind somit GPS-tauglich. An den Gitterlinien kann ein Kompass bzw. der Winkelmesser entsprechend angelegt werden. Für Touren in der Schweiz sind die Landeskarten der Schweiz von Swissmap im Maßstab 1:25.000 und für Italien die topografischen Wanderkarten von Tabacco 1:25.000 am besten geeignet.

Was kann der Kompass?

Heutzutage scheint ein klassischer Kompass nicht mehr zeitgemäß zu sein, da es wesentlich bessere technische Lösungen zur Orientierung gibt. Ohnehin wurde der Kompass in der Vergangenheit von den wenigsten Bergsteigern intensiv genutzt, um etwa den eigenen Standort durch "Rückwärtseinschneiden" zu bestimmen. 

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Rückwärtseinschneiden und Vorwärtseinschneiden.

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Kaum jemand hat den Kompass benutzt, um einen unbekannten Geländepunkt durch "Vorwärtseinschneiden" zu erfassen. Vermutlich können die meisten Bergsteiger die Tage, an denen sie ernsthaft auf einen Kompass angewiesen waren, an einer Hand abzählen. Denn bei den allermeisten Touren in den Alpen ist die Landschaft so gut gegliedert, dass zur Orientierung einfach kein Kompass notwendig ist. 

In anderen weitläufigen Gebieten wie Wüsten, Steppen und Gletscherebenen ist das selbstverständlich anders. Dort ist es notwendig, mit dem Kompass die Himmelsrichtung zubestimmen sowie einen Winkel auf der Karte und im Gelände (Peilrichtung) zu messen, um eine bestimmte Richtung einzuhalten. Zur Bestimmung der Himmelsrichtung muss es nicht unbedingt ein klassischer Kompass sein, da in den meisten GPS-Geräten, Smartphones und Outdoor-Uhren ein Kompass eingebaut ist. Sie haben aber einen entscheidenden Nachteil, denn wenn der Strom weg ist, funktionieren sie nicht mehr. Und auch die Peilfunktion ist mit den digitalen Geräten meist schwieriger als mit einem "echten" Kompass. 

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Mit Rückwärtseinschneiden kann man den eigenen Standort bestimmen, wenn man zwei bekannte Punkte hat (z. B. Gipfel).

Der große Vorteil von GPS-Geräten und Smartphones ist aber, dass sie die Orientierung selbst in schwierigsten Situationen ermöglichen, in denen man mit Kompass, Karte und Höhenmesser an seine Grenzen stößt. Zum Messen von Entfernungen, Winkeln und Hangneigungen auf Landkarten reicht als Alternative zum Kompass ein Kartenwinkelmesser bzw. der Alpenvereins-Planzeiger völlig aus. Wer sich im Zeitalter von Satellitennavigation dennoch mit einem klassischen Kompass orientieren will, der sollte die Kompasstechniken immer wieder üben. Denn wenn es "ernst" wird, muss man wissen, wie was funktioniert.

Und wozu der Höhenmesser?

Da sich beim Bergsteigen der Höhenstandort dauernd verändert, ist ein Höhenmesser ein unverzichtbares Gerät, um zu sehen, auf welcher Höhe man sich gerade befindet. Moderne Höhenmesser, die in GPS-Geräten, Smartphones oder auch in Uhren vorhanden sind, messen die Höhe über GPS-Signale oder über den Luftdruck. Voraussetzung für eine exakte Höhenbestimmung ist, dass der Höhenmesser vor und eventuell während einer Tour kalibriert wird. 

Dazu stellt man die Höhe des Höhenmessers auf eine bekannte Höhe wie z. B. die einer Hütte oder eines Gipfels ein. Ein barometrischer Höhenmesser misst die Luftdruckveränderungen, die bei Höhen- sowie Luftdruckveränderungen durch Wetterwechsel entstehen. Daraus lassen sich auch Rückschlüsseauf die Wetterentwicklung ziehen. Wenn die Höhenanzeige während des Tagesverlaufs wesentlich höhere Werte anzeigt, dann bedeutet das, dass der Luftdruck sehr starkgefallen ist. Das weist dann auf eine Wetterverschlechterung hin. 

Die Höhenangaben in topografischen Landkartenbeziehen sich auf die Höhen über dem Meeresspiegel (NN = Normalnull) und werden an markanten Punkten wie Berggipfeln, Orten und in Höhenlinien angegeben. Auf welches Höhensystem (z. B. Pegel Amsterdam) sich die Höhenangaben in der Karte beziehen, steht in der Kartenlegende. Mit GPS-Geräten ermittelte Höhen beziehen sich auf das Ellipsoid WGS84. 

Ein Höhenmesser gibt nicht nur Aufschluss über die bereits zurückgelegten und die noch zu bewältigenden Höhenmeter, er ist auch für die Bestimmung des eigenen Standorts im Gelände ein wichtiges Hilfsmittel. Zusammen mit einer Karte und dem Verlauf der Höhenlinien kann der eigene Standort bestimmt werden. Dazu sucht man auf der Karte die Höhenlinie, die zur Höhenangabe des Höhenmessers passt. Dort, wo sich die Höhenlinie mit dem Weg (Gewässer,Grat) kreuzt, auf dem man sich gerade befindet, liegt der eigene Standort.

Text von Günter Durner