Der beste Schutz vor Lawinen ist: nicht reinkommen! Aber wie macht man das? Werner Munter hat mit seiner Formel 3 x 3 und der Reduktionsmethode den systematischen, gezielten Verzicht auf gefährliche Hänge zum Konsens gemacht. Mittlerweile tummeln sich viele Methoden zur Entscheidungsfindung auf dem alpinen Markt. Alle diese Werkzeuge liefern vergleichbare und gute Entscheidungshilfen. Alle aber nur, wenn sie in eine sinnvolle Grundstruktur eingebettet sind.

Im Prinzip geht es dabei darum, von Anfang an die Tourenplanung auf Gefahrenvermeidung auszurichten. Die Struktur stellt dabei Fragen, die mit einem Werkzeug nach Wahl beantwortet werden können: der Reduktionsmethode, der Snowcard oder den Empfehlungen der Lawinenwarndienste.

1.Schritt: Die Planung daheim

Ausnahmsweise gut zu erkennen: Der Anriss in der Schneedecke zieht sich in der Luvseite durch den Hang.
Ausnahmsweise gut zu erkennen: Der Anriss in der Schneedecke zieht sich in der Luvseite durch den Hang.

Gefahren entgeht man am leichtesten, wenn man sich nicht auf ein vorgegebenes Ziel fixiert, sondern von vornherein bereit zum Abbruch oder zu einer „sanfteren“ Alternative ist. Wer eine Tour wählt, die den Verhältnissen und seinem Können angemessen ist, hat schon die wesentlichen Weichen fürs Überleben gestellt.

Dazu braucht man den aktuellen Lawinenlagebericht inklusive Zusatzinformationen ( s. ALPIN 12/2006 ) und eine gute Karte, optimal im Maßstab 1:25000. Darauf zeichnet man mit Bleistift grob die Anstiegslinie der in Frage kommenden Tour ein und misst die Steilheiten der Hänge – bis Gefahrenstufe 2 für Hänge, die man begeht, ab Stufe 3 auch für Hänge, unter denen man durchläuft.

Ein Risiko- Check mit einem der Werkzeuge (Snowcard, Reduktionsmethode, Warndienst-Empfehlungen …) zeigt, ob die Wunschtour generell im vertretbaren Rahmen liegt. Wenn nicht, sollte man über einen Ersatz nachdenken. Das Kartenstudium zeigt auch die „Schlüsselstellen“ der Tour: die steilsten Stellen, kritische Geländeformen wie Kammlagen, Rinnen und Mulden sowie Hänge, die aus der Ferne die Route bedrohen.

Zum ersten Artikel: Information zum Lawinenlagebericht In sicherem Abstand von diesen Zonen sucht man in der Karte „Checkpunkte“, von denen aus man auf Tour genauer schauen kann. Und schon zuhause durchdenkt man mögliche Szenarien: Wie könnte es dort aussehen? Wann dürfen wir gehen, wann nicht? Welche Alternativen haben wir vor Ort?

2. Schritt: Erster Augenschein

Sobald man sich dem Tourengebiet nähert, sammelt man Informationen: Windfahnen an den Graten, Lawinenanrisse in Steilhängen, die Neuschneemenge … Erkennt man dabei kritische Signale (siehe Kasten „Alarmzeichen“), sollte man von einem entsprechend hohen Gefahrengrad ausgehen – und den Risiko-Check von Zuhause wiederholen, also gegebenenfalls gleich auf die Ersatztour umschwenken. Fehlende Alarmzeichen bedeuten dagegen keine Unbedenklichkeitsbescheinigung; die Aufmerksamkeit muss bis zum Ende der Tour geschärft bleiben.

3 Schritt: To go or not to go

Trügerische Ruhe? Die kritische Wahrnehmung der Situation muss bis zum Ende der Tour aufrecht erhalten werden.
Trügerische Ruhe? Die kritische Wahrnehmung der Situation muss bis zum Ende der Tour aufrecht erhalten werden.

Unterwegs auf Tour bieten Wetter und Gelände viele Informationen, die man mit seinen Erwartungen und Szenarien abgleichen kann. Gibt es Alarmzeichen wie Wumm-Geräusche oder Selbstauslösungen? Dann muss man mindestens mit Gefahrengrad 3 rechnen.

Sind Anzeichen von Windverfrachtung zu erkennen, wie Wechten, Windkolke oder abgeblasene Rücken? Dann Vorsicht mit Kammlagen und Triebschneelagern wie Rinnen und Mulden. Was macht das Wetter? Schneefall deckt Gefahrenzeichen zu, kombiniert mit Wind können neue Schneebretter entstehen. Starke Erwärmung kann labile Hänge ins Gleiten bringen.

Alarmzeichen für Lawinenabgänge Aus einem Puzzle von Wahrnehmungen kann so ein Bild der Situation entstehen. Mit diesem Bild kann man dann an den vorher festgelegten Checkpunkten noch fundierter beurteilen, wie die Situation in den „Schlüsselstellen“ ist und welches Entscheidungsszenario angemessen scheint. Mit den neuen Erkenntnissen kann auch nochmal der RisikoCheck mit einem Werkzeug wie der Snowcard durchgeführt werden; dabei kann die Entscheidung auch heißen, zwar weiter zu gehen, aber Sicherheitsmaßnahmen wie Abstände oder Einzelfahren anzuwenden.

Wichtig beim Entscheiden ist eine ehrliche Beachtung aller Informationen und die offene Diskussion im Team. Ein „Bauchgrimmen“, ein ungutes Gefühl sollte als Warnung ernst genommen werden. Vorsicht ist geboten, wenn sich Stimmungen wie „gemeinsam sind wir stark“ oder „Powderalarm“ einstellen, die eine Gruppe zu überzogenem Risiko verleiten können.

Zum ersten Artikel: Information zum Lawinenlagebericht Nicht vergessen: Die vorsichtigere Entscheidung kann wohl die Tourenliste verkürzen – aber das Leben verlängern.

Text: Andreas Dick

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