Die Frage liegt nahe. Warum besteigt einer, der auf dreizehn der vierzehn höchsten Gipfel der Erde gestanden ist, nun die zweithöchsten Berge aller sieben Kontinente? Der Wunsch Kammerlanders, andere Kontinente, Menschen und Kulturen kennenzulernen, begründet zwar die Motivation, ist aber noch keine Erklärung warum die Zweithöchsten und nicht die Höchsten.

Gilt als einer der besten Allround-Alpinisten: Hans Kammerlander.

Die so genannten „Seven Summits“ sind berühmt und üben offenkundig eine schon magische Anziehungskraft auf Alpinisten aus der ganzen Welt aus. Seit Dick Bass 1985 als erster Mensch das „Kunststück" fertig brachte, die jeweils höchste Erhebung aller sieben Kontinente zu besteigen, fand der ehemalige US-Footballprofi viele, viele Nachahmer.

Die Höchsten aus dem Katalog

Um die höchsten Berge in Afrika, Asien, Australien, der Antarktis, Europa, Nord- und Südamerikas ist ein regelrechter Boom entbrannt. „Das ist mir alles mit viel zu viel Kommerz verbunden“, sagt Hans Kammerlander.

Und tatsächlich, der Aconcagua in Südamerika, der Mount McKinley in Nordamerika, der Kilimandscharo in Afrika, der Elbrus in Russland, der Mount Vinson in der Antarktis, die Carstenz-Pyramide in Australien/Ozeanien und der Mount Everest in Asien lassen sich wie günstige Alpin-Ware im Katalog buchen.

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Sie sind zu Modegipfeln verkommen und das beste Beispiel ist der Mount Everest, der von einheimischen Sherpa mit kilometerlangen Fixseilen in Ketten gelegt und dann von teilweise unfähigen Bergsteigern aus der ganzen Welt mit Flaschensauerstoff unter akuter Lebensgefahr „erkrochen“ wird.

Hans Kammerlander ist in der zweiten Lebenshälfte auf der Suche nach vergleichsweise unberührten Gegenden auf den höher gelegenen Teilen unserer Erdkruste. Da kam ihm die Überlegung, als erster Bergsteiger überhaupt die zweithöchsten Gipfel zu besteigen gerade recht.

Schöner und schwieriger

Zwei von sieben hat er schon: Kammerlander mit Toni Mutschlechner auf den Gipfel des Ojos del Salado (6893m).

Denn die sind nicht nur ruhiger sondern auch - alpinistisch gesehen - eine deutlich größere Herausforderung. Prominentestes Beispiel ist der K2 im Karakorum, der als der schwierigste aller Achttausender angesehen wird. Ein Kletterberg von allen Seiten. Steil und gefährlich.

Hans Kammerlander benötigte drei Anläufe, bis die Verhältnisse endlich passten und ihm über die berüchtigte „Cesen-Route“ und zusammen mit dem Franzosen Jean-Christof Lafaille endlich der Gipfel gelang. Den K2 kann man, im Gegensatz zum Everest, nicht im „Katalog“ buchen. Hans Kammerlander sagt: „Den K2 muss man aus eigenen Kraft erklettern, da zieht einem niemand rauf und da trauen sich deshalb auch die Wenigsten hin“.

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Und so verhält sich das beim Vergleich der höchsten und zweithöchsten Gipfel der Kontinente in anderen Fällen auch. Der Mount Kenia in Afrika gilt als wesentlich schwieriger im Vergleich zum Kilimandscharo. Auch der Gora Dykh Tau in Russland wird schwerer eingeschätzt als der Elbrus. Und der Mount Logan in Alaska ist mit Temperaturen von bis zu 65 Grad unter Null nicht nur der wahrscheinlich kälteste Berg der Welt, sondern ist auch einer der schwersten Gipfel Nordamerikas, schwieriger jedenfalls als der berühmtere und etwas höhere Mount McKinley.

Die sieben Zweithöchsten in zwei Jahren

Kammerlanders Spezialität: Mit den Steigeisen rauf, auf Ski wieder runter.

Das Projekt „Second 7 Summits“ von Hans Kammerlander ist auf zwei Jahre angelegt. Den K2 hat er bereits bestiegen.

Am 8. April 2009 gelangte er zusammen mit seinem Südtiroler Freund Toni Mutschlechner auf den Gipfel des Ojos del Salado, den zweithöchsten Berg Südamerikas und den höchsten Vulkan der Welt.

Auf 6893 Meter Höhe blickten Kammerlander und Mutschlechner tief in den Krater und traten schnell den Rückweg an. „Kein wirklich schöner Ort“, sagt Kammerlander.

Über die technisch anspruchsvolle Ostwand auf den Mount Kenia

Weiter ging's für Hans Kammerlander in Afrika. Zusammen mit seinen Seilpartner Konrad Auer aus Südtirol stand er am 17. Oktober um 13:00 Uhr Ortszeit auf dem zweithöchsten Berg des Kontinents, den 5199 Meter hohen Mount Kenia. Der Aufstieg erfolgte über die technisch anspruchsvolle Ostwand, wobei diese noch zusätzlich mit Schnee bedeckt war und somit die gesamte Kletterei mit Steigeisen absolviert werden musste.

Um 20:00 Uhr Ortszeit kehrten Hans und Konrad müde aber zufrieden ins Basislager auf knapp 4000m zurück. Falls das Wetter stabil bleibt möchten sie noch einen weiteren Besteigunsversuch auf den Nebengipfel wagen.

Es ist dies nun der dritte Berg seines Projekts "Second7Summits". Die nächste Expedition diesbezüglich ist für Mai 2010 geplant, es geht zum Mount Logan nach Alaska.

Fest steht, dass Kammerlander - sofern das Vorhaben gelingt - die weite Reise über die Kontinente mit einem Film, einem neuen Vortrag und einem Buch festhalten wird.

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