Das Ergebnis unserer Kontrovers-Umfrage

Kobusch: Ankündigungsalpinismus? Zwei Drittel stimmen Messner zu

Jost Kobusch polarisiert mit seiner Herangehensweise an Projekte. Wir wollten von Euch wissen, was ihr über Kobuschs Art denkt, seine alpinistischen Projekte zu vermarkten.

Jost Kobusch am Mount Everest.
© Daniel Hug

Jost Kobusch hatte einen kühnen Plan: Im Winter, solo und ohne Hilfe von Flaschensauerstoff wollte er den Mount Everest über das gefährliche und kaum begangene Hornbein-Couloir auf der Westseite des Massivs besteigen.

Die (alpine) Öffentlichkeit ließ der 29-Jährige live am Geschehen am Everest teilhaben. Über Instagram und Facebook wurden zehntausende Follower:innen mit Videos und Bildern der Expedition versorgt, zudem gab der gebürtige Bielefelder zahlreichen Medien Interviews. 

Auch ALPIN sprach mit dem Bergsteiger für unsere Mai-Ausgabe während seiner Winter-Expedition am höchsten Berg der Welt (Auszüge des Interviews mit Jost Kobusch findet ihr hier). Anders als viele seiner Bergsteigerkolleg:innen schaffte es Kobusch wie bereits bei seiner gescheiterten Expeditionen 2020 aber, dass nicht nur alpine Medien, sondern auch Leitmedien wie "Spiegel" oder "FAZ" über sein Tun am höchsten Berg der Erde berichteten.

Mittlerweile ist Jost zurück. Glücklicherweise gesund, aber auch beim zweiten Versuch ohne Gipfelerfolg. Er erreichte eine Höhe von 6.450m und bewertete die Expedition als Erfolg.

Dass es auch dieses Jahr nichts wurde mit der Solo-Winterbesteigung des höchsten Bergs der Erde ohne Flaschensauerstoff ist für profilierte Höhenbergsteiger keine Überraschung.

Warum hätte ausgerechnet einem jungen deutschen Bergsteiger aus Bielefeld gelingen sollen, was bis dato noch nie einem Alpinisten gelungen war? 

Die Kritik von Reinhold Messner, Kobusch betreibe "Ankündigungsalpinismus" hat neue Nahrung bekommen. Auch dieses Mal muss sich Kobusch den Vorwurf gefallen lassen, bergsteigerisch wenig erreicht, dabei aber für maximale mediale Präsenz gesorgt zu haben.

Wir wollten von Euch wissen, was ihr über Jost Kobuschs Art denkt, seine alpinistischen Projekte zu vermarkten.

Das Ergebnis unserer Kontrovers-Umfrage

Das Ergebnis fiel ziemlich eindeutig aus: Über zwei Drittel der Abstimmenden waren der Ansicht, Bergsteiger:innen sollten erst nach erfolgreichem Abschluss über ihre Projekte berichten. Immerhin ein knappes Drittel vertritt die Meinung, dass sich die Zeiten geändert haben und es heutzutage dazugehört, Projekte medial anzukündigen.

 

Einige ausgewählte Kommentare:

Anonym: Ein zweischneidiges Schwert natürlich. Aber ich denke, heute ist es wichtig, Dinge anzukündigen, da man sonst „untergeht“ bei all den guten Athlet:innen. Gleichzeitig sollte der Hype in Grenzen gehalten werden. Eine Ankündigung reicht völlig.

Thomas: Ankündigung ist ok, Realitätssinn aber wichtig. Bei Kobusch stellen sich schon Fragen, ob Ankündigung und PR nicht wichtiger sind als das eigentliche Ziel.

Michael: Viele, vor allem junge Abenteurer:innen, nutzen Social Media zu Finanzierung ihrer Projekte. Dabei ist es zwingend notwendig, die Projekte anzukündigen und den Follower:innen die Möglichkeiten zu geben, live dabei zu sein. Darüber hinaus ermöglicht die Medienpräsenz zugleich einen authentischeren Einblick in ein Projekt, dessen Verlauf und Gefahren und zeigt zugleich auch ungeschminkt das „Scheitern“.

Anonym: Er hat halt bisher nix großes gerissen und kündigt jedes Mal Projekte an, von denen jeder weiß, dass er sie nicht schaffen wird. Er ist ein ganz schöner Narzisst…

Simon: In diesem Falle ist es für mich schon eher ein Ankündigungs-Alpinismus. Die Aussicht auf Erfolg war m.E. recht gering. Anders wie beispielsweise damal Ueli Steck und die 82 4.000er

Der Mount Everest fasziniert. In dieser Fotogalerie findet ihr Eindrücke vom höchsten Berg der Erde:

Wolfgang: Jost Kobusch ist sicherlich ein großartiger Alpinist, aber bei allem Verständnis dafür, dass Bergsteiger um davon leben zu können auf sich aufmerksam machen müssen, er hat es mit seinen Social Media Aktivismus absolut übertrieben und es klingt alles andere als glaubwürdig, dass sein Besteigungsversuch bergsteigerisch motiviert war, sondern es hat vom ersten Posting an als wenig authentisches Selbstvermarkten gewirkt. Ein so guter Bergsteiger hat das nicht notwendig und wenn er wieder Besteigungen in den Vordergrund stellt, werden sowohl alpine Anerkennung als auch durch diese Aktion verlorene Sympathiewerte wieder zurückkehren.

Anonym: Willkommen im digitalen Zeitalter. Egal ob man das Profi-Bergsteiger mag oder nicht, die Zeiten haben sich geaendert. Mit gelegendlichen Dia-Vortraegen und Buechern kann sich ein neuer Profi-Bergsteiger wohl kaum noch ueber Wasser halten oder ueberhaupt erst bekannt werden um Sponsoren zu finden. Man mag die Vorgehensweise und Vermarktung von Jost kritisieren, aber wer anstatt der Schlagzeilen mal sein wirklich spannnend und lustig geschriebenes Buch gelesen hat, wird ihn vielleicht nicht gleich als Unsympath abstempeln.

David: Bergsteigen ist längst Breitensport. Ich denke, um da aus der Masse herauszustechen und "Profi" zu werden, muss man, wenn man nicht mit gewissen Risiken und Konventionsbrüchen in Vorleistung zu gehen bereit ist, Sponsoren mit entsprechenden Ankündigungen auf sich aufmerksam machen. Gefällt mir aber auch nicht so sehr...

Jennifer: Der Ein oder Andere mag Ulrich Aufmuths Buch "Zur Psychologie des Bergsteigens" gelesen haben. Darin wird unter die Konfrontation mit der Reinform des Ich-Erlebens in Form von körperlicher Anstrengung und Einsamkeit beleuchtet. Für mich ist das Abgeschiedensein bis heute ein wesentlicher Teil des Alpinismus oder auch schon der simplen Bergwanderungen zu einsamen Gipfeln. Die heutige Vermarktung extremer Erlebnisse, die durch den ständigen Kontakt zur Außenwelt sicher nicht mehr so extrem sind wie damals, empfinde ich als Irritierende Entwicklung. Mit dem eigentlichen Verständnis von Alpinismus hat das für mich nichts mehr zu tun.

Wissenswerte Zahlen und Fakten zum Mount Everest findet ihr in unserem SchlauBERGer:

8 Kommentare

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Rex Kramer

@Ellese: Verbreite bitte nicht solche Verschwörungstheorien. Die erzählen uns bloß, dass es Bielefeld nicht gibt, weil dort der größte Chemtrail-Stützpunkt in Europa ist!

Ellese

Bielefeld? Gibt es doch gar nicht. Da fängt's schon mal an...

Claudio auf Facebook

Ich bin etwas erstaunt darüber, dass sich ein Großteil der Kommentatoren ihre Meinung scheinbar aus Schlagzeilen zusammenbastelt.
Ich habe Jost mehrfach getroffen und auch ein längeres Interview mit ihm geführt.
Ja, wenn man ihn nur aus Schlagzeilen kennt, dann drängt sich schon das Bild eines etwas zu selbstbewussten und risikobereiten Jungspunds auf.
Es gibt aber auch diesen alten Spruch:
Alle haben gesagt das geht nicht. Dann kam einer der das nicht wusste und hats gemacht.
Jost sucht Herausforderungen, und neue Ziele. Er probiert (!) Neues aus.
Er hat ja auch nie gesagt "Ich besteige den Everest im Winter". Es ging immer "nur" um den Versuch, ums Rantasten, ums dazulernen.
Lebt nicht gerade der Alpinismus von Versuchen?
Und ist es nicht besser sich ein "Scheitern" einzugestehen, und es nächstes mal wieder zu versuchen, als als tiefgefrorene Leiche für die Ewigkeit da oben zu liegen?
Die Stars der Klettercommunity kündigen regelmäßig ihre Touren an. Patagonien, Baffin Island, etc. Da wird mitgefiebert und unterstützt, da verfolgt man Fortschritte und macht auch mal Mut wenn es nicht geklappt hat.
Warum muss das beim Alpinismus anders sein.
Das hat nichts mit "Ankündigunsalpinismus" zu tun.
Das sind schlicht die Zeichen der Zeit, dass man seine Community auf die Reise mitnimmt.
Ich kann daran nichts verwerfliches entdecken.
Und bevor man Jost als alpinistische "Nullnummer" oder ähnliches bezeichnet:
bitte mal mit seiner Vita beschäftigen. Der Junge hat durchaus was vorzuweisen.
Bleibt sportlich!

Patrick auf Facebook

Er verkauft im Vorfeld etwas, was er gar nicht zu leisten im Stande ist. Und post hoc wird die Expedition als Erfolg verkauft, weil er Erfahrung gesammelt hat. Aber er hat den Gipfel verkauft. Für jemanden, der Erfahrung am Everest sammeln will, würde es keine Sponsoren und mediale Aufmerksamkeit geben. Dazu fällt mir ein Wort mit B ein…

Ida auf Facebook

Ich kann der Art nichts abgewinnen aber - es ist nunmal die Art unserer Zeit, ein Influencer wie die Mio anderen Influencer ebenso, die hauptsächlich vermarkten.
Es steht jedem frei es anzuschaun oder ihn durch Klicks etc zu unterstützen - oder es zu lassen.
Mir würde es weit mehr Respekt abgewinnen, wenn er seine Aktivitäten aufzeichnet und hinterher, nach erbrachter, erfolgreicher Besteigung whatever, diese gerne vermarktet. Vorher ist eben - Effekthascherei aber eben die Entscheidung von jedem selber, ob er auf den im-Voraus-Effektzug aufspringt oder nicht.

Sven auf Facebook

Er ist ein "Ich" Mensch und Meinungen anderer sind ihm egal, wie man dem Interview entnehmen konnte. Mit "so einem" möchte man am Berg lieber nicht unterwegs sein! Meine Meinung dazu! Bei der zweiten Tour am Mount Everest ist er bis auf 6450m gekommen! Gerade einmal 1000Hm über Basislager und dafür der ganze mediale Hype?

Walther Lücker

Es gibt deutlich Schlimmeres im Netz, als Jost Kobusch. Auf gewisse Weise gefällt mir seine Art des Herangehens. Er versucht etwas, weiß aber nicht, ob er es kann. Zitieren wir nicht immer gern: Niemand wusste, ob das gelingen könnten - bis einer kam und es versuchte. Ehrlich gesagt, mich interessiert der Versuch genauso wie das Ergebnis. Gleich wie es auch ist, das Ergebnis. Fast bin ich versucht zu sagen: mich langweilt eine Veranstaltung, von der ich erst erfahre, wenn sie bereits gelaufen ist. Die Entstehung des Ganzen, die Entwicklung zu einem bestimmten Punkt hin, das ist es wohl, was des Menschen Interesse weckt.
Ich hatte das Vergnügen mit Jost Kobusch 2015 in der Nähe des Everest Basislagers, nur zwei Tage, nachdem wir mit großem Schrecken in den Gliedern das Erdbeben in Nepal überlebt hatten. Er hat schon einen Umgang mit den Dingen, die durchaus sympathisch sind. Und seine Kommentare während dieser Expedition, sein bisweilen schonungsloser Umgang mit den eigenen Dummheiten, haben mir durchaus gefallen. Das hatte irgendwie etwas Unaufgeregtes. Deshalb habe ich das gern konsumiert. Und wer das nicht wollte, der konnte ja so leicht und. mit einem Wisch drüber wegschauen...

Klaus Hergesheimer

2/3 stimmen Messner zu... Ja, was denn sonst...!?

Messner ist nämlich nicht nur ein omnipräsenter Selbstdarsteller, er ist schließlich ein Experte, eine Autorität. Es ist bequem, Autoritäten zu folgen. Da musst Du kein Risiko gehen, Du bist automatisch bei der Mehrheit, eckst nicht an und musst Dir nicht einmal eigene Gedanken machen. Du musst nicht einmal verstehen. Du übernimmst einfach unbesehen die Meinung, die Dir der Experte frei Haus liefert. Dabei färbt sogar ein wenig vom Glanz der Autorität auf Dich ab, Musterschüler Hilfsausdruck, während Du auf Deiner Couch sitzst ... in Deiner Wohlfühlblase ...