Am Sonntag, den 13.Juli, führte ein Wetterumsturz zu einer tragischen Wende beim 8. Zugspitz Extremberglauf: Sechs Läufer wurden zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht, zwei starben an Unterkühlung. (Die näheren Umstände können Sie hier nachlesen: Zwei Tote bei Extrem-Berglauf auf Zugspitze) Was bleibt, ist nicht nur die Trauer um die Verstorbenen, sondern auch die Frage nach der Verantwortung für das Geschehene.

Chaos vor Ort: Eine Helferin der Bergwacht leistet erste Hilfe. Bild: dpa. Quelle: dpa

Viele Fragen stellen sich nach den dramatischen Ereignissen während des diesjährigen Zugspitz Extremberglaufes am 13. Juli: Trifft den Veranstalter eine Mitschuld? Handelt es sich um fahrlässige Körperverletzung oder gar um fahrlässige Tötung? Oder ist doch letztendlich jeder Teilnehmende allein verantwortlich?

Fragen, die es sich lohnt zu stellen und die in den Medien ihren Widerhall finden. Die Rhein-Neckar-Zeitung spricht in diesem Zusammenhang gar nicht explizit von Schuld, sondern von der "Unvernunft" der Läufer. Sehr scharf wird hier deren Leistungsfixiertheit kritisiert, die nicht nur den Leistungs- sondern auch den Breitensport pervertiere. Ein "absurdes Leistungsdenken" stecke wohl nicht nur in den SportlerInnen, sondern sei generell in unserer Gesellschaft verankert. Die Selbstdisziplin, die erforderlich ist, um entgegen diesem Trend standhaft zu bleiben und somit das eigene Leben zu retten, konnte offensichtlich am vorletzten Sonntag nicht von allen aufgebracht werden. Ü

War das Risiko für die Läufer offensichtlich? Prof. Dr. Thomas Wessinghage ist dieser Ansicht. Bild: www.thomas-wessinghage.de.

Für den Mediziner und Läufer Thomas Wessinghage fängt das Problem schon vor der Extremsituation, also vor dem Wetterumschwung an. Die Frage ist für ihn: Wie konnten die Läufer nur in diese schreckliche Situation geraten? Das hohe Risiko war für ihn offensichtlich: "Wenn ich unten am Start stehe, frierend, in Trägerhemdchen und kurzer Hose, und ich sehe die dunklen Wolken am Himmel, dann muss mir doch klar sein, dass es oben, auf über 2000 Metern, kalt wird. Sehr kalt." (Das ganze Interview ist nachzulesen auf SPIEGEL online .)

Hat der Veranstalter die Teilnehmenden genügend über die Risiken informiert? Wenn Reinhold Messner die Läufer mit "Lemmingen" vergleicht, die in ihr Unglück rennen (Wir berichteten bereits darüber, den Artikel können Sie hier nachlesen: Messner: Bergläufe abschaffen ), schlägt er damit in die gleiche Kerbe wie Wessinghage. Die Situation wird charakterisiert als eine, die für manche schon jenseits der Fähigkeit zur Entscheidungsfindung liegt: "[Die Läufer] befinden sich in einem Ausnahmezustand, sind nahezu euphorisch, laufen einfach weiter, es fehlt die Fähigkeit aufzuhören. Das kann soweit gehen, dass man jeden Realitätsbezug verliert", so Wessinghage.

Die ZEIT zititert zum Thema den Münchner Bergmediziner und Extrembergsteiger Walter Treibel, der die psychischen Symptome einer Unterkühlung des Körpers nennt: "...erst der Tunnelblick und dann die "Phase des dicken Öls. Wer in sie eingetreten ist, geht wie eine Maschine einfach immer weiter." Anschließend träten Sinnestäuschungen und Unzurechnungsfähigkeit auf, das Risiko zu kollabieren steige an. Die Konsequenz aus diesen Tatsachen für Treibel: "Man muss die Sportler vor sich selber schützen." ( ZEIT online )

Der aufschlussreiche ZEIT-Artikel zum Thema wurde von einem verfasst, der dabei war. Hypothesen werden dort zitiert, dass viele wohl die Situation unterschätzt hätten und deshalb mit unpassender Kleidung gelaufen sind auf dieser "Reise an den Rand des Menschseins." Also durch Unwissenheit entstandener Leichtsinn? Hätte man sie nicht nur aufklären, sondern sie zu wärmenden Jacken und Mützen verpflichten müssen? Wer sich nicht an die Kleiderordnung hält, wird ausgeschlossen und erhält sein Geld zurück - das wäre eine Möglichkeit gewesen, woraufhin es freilich nochmals "böse E-Mails" an den Veranstalter gehagelt hätte, so wie letztes Jahr, als die Strecke wegen der widrigen Wetterumstände verkürzt worden war ( ZEIT online ). Der Veranstalter hatte ein solches Vorgehen nach Aussagen in der ZEIT bewusst abgelehnt, die Läufer haben sich also ausdrücklich auf eigene Verantwortung auf den Weg gemacht.

Der ZEIT zufolge äußerte sich der Veranstalter zum Konfliktthema Aufhören wie folgt: "Wir benötigten das Einverständnis der Läufer, sie auch gegen ihren Willen aus dem Rennen nehmen zu dürfen." Der Lauf wurde nach Angaben des Veranstalters getgoing GmbH schon vor 12 Uhr abgebrochen. Doch Urs Willmann, der Reporter der ZEIT, nahm noch etwa eine halbe Stunde danach seine Medaille am Ziel entgegen. Hätte eine Disqualifizierung derer, die nicht zum Abbruch zu bewegen waren, den durch die Kälte abhanden gekommenen Realitätsbezug wieder herstellen können?

Die Frage nach Verantwortung und Schuld beschäftigt mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft. Laut dpa-Bericht wird bereits gegen den Veranstalter wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Abzuwarten bleibt, wie sich die Situation entwickelt, denn der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft München II, Rüdiger Hödl, bekräftigte: "Wir haben einen Anfangsverdacht, wir sind in den Ermittlungen - es ist noch keine Rede davon, dass Klage erhoben wird." Sollte es zu einer Anklage kommen, so könnten dem Veranstalter bis zu fünf Jahre Haft wegen fahrlässiger Körperverletzung drohen.

Wir warten auf die weiteren Entwicklungen zum Thema und werden Sie auf alpin.de auf dem Laufenden halten.

[Quellen: dpa, SPIEGEL ONLINE, FOCUS online, ZEIT online, RNZ]

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