Der 56-Jährige stürzte beim Abseilen ab

24. Juni 2020: Ralf Gantzhorn verunglückt tödlich

Anlässlich des 4. Todestags von Ralf Gantzhorn erinnern wir mit einem Text von Jo Stark und einer Bildergalerie an unseren Autor und Freund. Der Alpinist, Bergfotograf und Autor verunglückte am 24. Juni 2020 in der Schweiz tödlich.

In Memoriam: Ralf Gantzhorn
© Ralf Gantzhorn

Eine Nachricht, die uns tief erschüttert hat. 

Wir wollen Ralf ein ehrendes Andenken bewahren und erinnern mit diesem Text von Ralfs Kletterpartner Joachim Stark an unseren gemeinsamen Freund.

Zum Gedenken an Ralf Gantzhorn

Seastacks. Das Wort hatte ich bis dato nicht gekannt. Ralf Gantzhorn erklärte es mir: Felstürme im Meer an der Küste Schottlands, an denen man herumklettern kann. Das klang absolut einleuchtend. Muss man machen. Ralf hatte sehr oft so gute Ideen. Seastacks war eine davon.

Der Chef unter den Seastacks ist der 137 Meter hohe Old Man of Hoy. Eigentlich ist er kein richtiger Seastack: Man muss nicht zu ihm rüber schwimmen, sondern kann bequem hinlaufen. Aber er ist der Chef, außerdem steht er auf der Orkney-Insel Hoy, erreichbar erst nach einer weiteren Schiffs- und Autofahrt samt kurzer Wanderung, vorbei an Traumstränden und "Dangerous Cliffs". Eine kleine Entdeckerreise also, was ihn als Hauptziel eines Seastack-Urlaubs prädestiniert.

Es war der wettermäßig schönste Tag unseres Schottland-Trips. Kein Regen, kaum Wind, nur Sonne: ein Traum. Ralf und ich bildeten eine Seilschaft, der andere Ralf und Rainer die zweite. Wir kletterten in Wechselführung, durch Risse, durch Eissturmvogelkot, schnell vorbei an würgenden Vögeln (wenn die einen ankotzen, kann man seine Klamotten hinterher verbrennen), sicherten mit Friends und Keilen und machten Stand an dicken Bündeln alter Seilreste und von der Salzluft korrodierten Karabinern.

<p>Unterwegs in Schottland: Ralf Gantzhorn.</p>

Unterwegs in Schottland: Ralf Gantzhorn.

© Joachim Stark

Ich führte die letzte Länge, war als Erster am Gipfel und sicherte Ralf nach. Seine Augen leuchteten, als er sich über die Kante zog. Dann der Handschlag. Die Erfüllung eines Traums! Auf einem schlanken Felsturm, unter uns der Atlantik, vor uns der Horizont. Für den norddeutschen Muschelschubser (Ralfs Eigenbezeichnung) mit seiner tief verankerten Liebe für das Meer war dieser Gipfel wahrscheinlich sogar noch begeisternder als für mich. Nich lang schnacken, Kopp in Nacken: Wir feierten den Moment. Selbst britisches Bier aus der Dose schmeckt auf so einem elitären Gipfel außergewöhnlich gut. Hat je jemand gesagt, Norddeutsche wären kühl und emotionslos?

<p>Glücklicher Moment beim Klettern in Schottland</p>

Glücklicher Moment beim Klettern in Schottland

© Joachim Stark

Die Abseilerei an besagten dicken Bündeln aller Erosionsstufen funktionierte problemlos. Die letzten 50 Meter schweben wir frei hängend durch die salzige, frischfischige Luft zwischen Himmel und Wasser. So schmeckt Freiheit. So fühlt sich Glück an. Man hängt an einem dünnen Faden, hat sein Leben selbst in der Hand. Kontrolliert die Geschwindigkeit bis zum Boden. Kann Pause machen im Raum, sich und seine Seele baumeln lassen. Durchatmen. Dem Fotografen zuwinken.

Das Foto dazu entstand im Juni 2011, fast auf den Tag genau zehn Jahre vor Erscheinen dieses Texts. Ralf hatte in den darauffolgenden 3309 Tagen nach unserem Bier auf dem Old Man of Hoy noch viele weitere gute Ideen. Er vollendete sein Schottland-Buch (das ja schließlich der Grund für die Seastack-Kletterei war), hatte Fotoausstellungen, reiste immer wieder in sein geliebtes Patagonien.

Und so fuhr Ralf vor einem Jahr, im Juni 2020, auch mal wieder ins Wallis. Voller Vorfreude auf die kommenden Berg- und Fotoprojekte. Zusammen mit einer Freundin ging er klettern und seilte am 24. Juni über das Ende hinaus.

Seine Widmung in dem Schottland-Buch, das er mir geschenkt hat, lautet: "Für Jo und die vielen 'Säcke', die wir da oben noch abzuhängen haben! Lieben Gruß, Ralf ". Sie werden wohl hängen bleiben.

Text von Joachim Stark

3 Kommentare

Kommentar schreiben
Stefan

Was für ein großer Verlust! Was für ein unnötiger Verlust! Zu gern wäre ich mit ihm auf Tour gegangen. Wir hatten kurz per Mail Kontakt und wollten in Chamonix eine Tour zusammen machen. Es kam nur nie dazu. Bis jetzt hatte ich keine Lust mehr auf diese Tour. Auch diese Episode zeigt, Ralfs Leben war noch nicht zu Ende. Er hatte noch so viel vor. Lieber Ralf, einen herzlichen Dank für Alles was du uns Alpinisten hinterlassen hast.

etna

schon wieder ein Jahr her...

Die Fotos und Artikel von Ralf haben mich über viele Jahre begleitet und inspiriert. Mittlerweile bin ich selbst schon lange leidenschaftlicher Alpinist und Fotograf.
Sehr lange habe ich auf einen Vortrag von Ralf in meiner Region gewartet und mich dann vor einigen Jahren begeistert dem Vortrag über Patagonien hingegeben.
Bei einem kleinen Plausch danach habe ich Ralf als sehr ruhigen, warmherzigen und angenehmen Menschen kennen gelernt.
Die Nachricht von seinem Tod hat mich letztes Jahr echt schockiert.
Ruhe in Frieden lieber Ralf und vielen Dank für deine Bilder und Texte.

Bergguerillero

Schöner Text. Hab Ralfs Geschichten immer gerne gelesen. Kannte ihn auch persönlich, wenn auch nicht gut. Aber ich mochte ihn sehr. Schrecklicher Unfall. Mein Sohn hat am 24.06. Geburtstag. Letztes Jahr erreichte mich die Nachricht während der Geburtstagstafel. Werde an dem Tag nun immer auch an Ralf denken. Und an seine Kinder.