"Direkte Nordwand"

Erstbegehung an der Zugspitze

Fritz Miller und Michaela Schuster eröffnen mit der "Direkten Nordwand" nach eigenen Angaben eine neue und anspruchsvolle Winterkletterroute an Deutschlands höchstem Gipfel.

Erstbegehung an der Zugspitze
© Fritz Miller

Fritz Miller ist Bergführer und Alpinist. Gemeinsam mit Michaela Schuster gelang dem Reutlinger eine neue Route an Deutschlands höchstem Berg. 

Hier sein Bericht:

Bei der "Direkten Nordwand" handelt es sich um eine schwierige und kühne Winterkletterroute, die Elemente des Winterbergsteigens, des modernen Mixedkletterns und des Bigwallkletterns kombiniert.

<p>Fritz Miller und Michaela Schuster gelang die Erstbegehung der "Direkten Nordwand" auf den Gipfel Zugspitze.</p>

Fritz Miller und Michaela Schuster gelang die Erstbegehung der "Direkten Nordwand" auf den Gipfel Zugspitze.

© Fritz Miller

Nach Vorarbeiten am 21., 22. und 25.11.2020 konnten Michaela und ich die Route am 28.11. in 15 Std. Kletterzeit durchsteigen. Die letzten 5 Std. kletterten wir dabei im Dunkeln und biwakierten im Anschluss am Gipfel der Zugspitze. Für eine Wiederholung der Route sollten inkl. Zu- und Abstieg drei Tage eingeplant werden.

Vom Ausgangspunkt am Eibsee bis zum Gipfel sind es ziemlich genau 2000 Höhenmeter. Der klettertechnisch relevante Teil des Anstieges hat eine Kletterlänge von 1150 m. Die Schwierigkeiten liegen dabei im Bereich M6, 5+ und A3. 

Bei der Erstbegehung wurden einzelne Standplätze mit Bohrhaken ausgerüstet. In der gesamten Route wurden darüber hinaus ca. 25 Normalhaken sowie fünf Fixkeile belassen. Während die Stände entweder gut eingerichtet sind oder sich gut einrichten lassen, muss dazwischen über weite Strecken mit minimaler bzw. fragwürdiger Absicherung geklettert werden.

Klickt Euch durch die Bilder der Erstbegehung "Direkte Nordwand":

Routeninfos „Direkte Nordwand“, Zugspitze Nordwand

1150 m, M6, 5+, A3 (plus ca. 275 hm leichtes Gelände im unteren Teil der Wand)

Charakter

Lange, schwierige und kühne Winterkletterroute, die Elemente des Winterbergsteigens, des modernen Mixedkletterns und des Bigwallkletterns kombiniert.

Linienführung

Trotz des Gedankens einer Direttissima ist die Routenführung stehts intuitiv und nützt die Schwachstellen der jeweiligen Wandbereiche. Im Bereich des „Seilbahnquergangs“ und der darüberliegenden Wandstufe verläuft die Route zusammen mit einer Linie, die im Dezember 2004 von Jörg Pflugmacher und Peter Anzenberger begangen wurde. Diese wiederum entspricht wahrscheinlich grob der Linie von H. Gazert und F. Völcker aus dem Jahr 1895 (gem. AV-Führer Wetterstein).

Schwierigkeiten, Absicherung und Ernsthaftigkeit

Die Schwierigkeiten sind stark verhältnisabhängig und nur grob anzugeben. Die moderaten Schwierigkeitsgrade dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich mitunter um äußerst anspruchsvolles Klettergelände handelt, beispielsweise um glatte, schneebedeckte Felsplatten. Die beiden A3-Längen sind entsprechend der New-Wave-Skala eingestuft.

Bei der Erstbegehung wurden einzelne Standplätze mit Bohrhaken ausgerüstet (M8 Expressanker, Niro, insg. 16 Stück). In der gesamten Route wurden darüber hinaus ca. 25 Normalhaken sowie fünf Fixkeile belassen. Während die Stände entweder gut eingerichtet sind oder sich gut einrichten lassen, muss dazwischen über weite Strecken mit minimaler bzw. fragwürdiger Absicherung geklettert werden.

Saison, Bedingungen

Die Route ist als Winterkletterroute zu verstehen. Entscheidend sind eine gut gesetzte, stabile Schneedecke und Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes ab dem Bayerischen Schneekar. Die besten Bedingungen gibt es vermutlich Ende des Winters oder zu Beginn des Frühjahrs.

Taktik

Für eine Begehung sind drei Tage einzuplanen. Am ersten Tag sollte man die ersten vier Seillängen klettern und fixieren (vom vierten zum ersten Stand sind es auf direktem Wege nur 50 m). Biwak dann in der kleinen Höhle 20 m links oberhalb des Einstiegs. Am zweiten Tag Aufstieg an den fixierten Seilen und Wanddurchstieg bis zum Gipfel. Dort zweites Biwak. Am dritten Tag Abstieg.

Zustieg

Von der Haltestelle „Eibsee“ der Zugspitzbahn (1000 m) zur Haltestelle Riffelriß (1638 m). Auf dem Weg Richtung Riffelscharte bis zu einer offensichtlichen Schneise in den Latschen auf ca. 1800 m. Dort nach rechts ins Geröll-/Schneefeld queren (bei entsprechender Schneesituation ersteigt man dieses Geröll-/Schneefeld besser direkt von der Skipiste aus und vermeidet damit den Weg durchs Latschenfeld). 

Unterhalb des Stollenlochs (markantes Vordach, Biwakmöglichkeit) in Richtung der offensichtlichen, felsigen Schlucht queren. Auf der rechten (bzw. orographisch linken) Seite der Schlucht nützt man eine Schwachstelle des Felssockels (ca. 1825 m) um diesen zu erklettern (Schnee/Gras und kurze felsige Aufschwünge). Weiter hinauf zum Bayerischen Schneekar und dort zu dessen linken oberen Ende (Biwakmöglichkeit in kleiner Höhle).

Einstieg

Der Einstieg befindet sich bei markanter Rampe, 20 m unterhalb der beschriebenen Höhle. Einstiegshöhe ca. 2100 m.

Routenbeschreibung

  • Erste Stufe

  • 1. SL: 48 m, ca. 70°, M4. Die Rampe hinauf, je nach Bedingungen plattiger Fels (dann schwerer!) oder Schneeauflage. Stand am Ende der Rampe an 2 NH und 1 BH.

  • 2. SL: 38 m, M5+. Über Schneefeld nach rechts zu Rinne, dort hinauf zu Stand an 2 NH und 1 BH.

  • 3. SL: 25 m, A3. Rissquerung nach links in überhängender Wand. Stand an 2 BH.

  • 4. SL: 25 m, A3, M4. Linkshaltend hoch zu Dach und dem Riss weiter nach links folgen.  schließlich durch vereisten Kamin zum Stand auf Pfeiler an 2 BH.

  • 5. SL: 50 m, zu Beginn 60°. Rinne und Schneefeld hinauf, Stand links an einzelnem BH.

  • 6. SL: 35 m, 40°. Schneefeld rechtshaltend hinauf zu Stand von Himmel und Hölle aus 2 NH und 1 Stichtbohrhaken (oder linkshaltend ohne Sicherung).

  • Seilbahnquergang und zweite Stufe

  • 7. SL: 80 m, 40°. Querung nach links („Seilbahnquergang“), 1 Stichtbohrhaken nach 60m. Gleich danach 15 m ins Couloir hinauf zu Stand auf der rechten Seite an 2 NH.

  • 8. SL: 60 m, ca. WI3, bei schlechter Vereisung schwerer. Die Rinne hinauf, Stand kurz vor Ende der Rinne auf der rechten Seite (nicht eingerichtet, Cams und NH).

  • 9. SL: 50 m, M3, 40°. Kurzer Felsaufschwung, dann Schneefeld hinauf zu Stand an brüchigem Fels (nicht eingerichtet, Beaks und Microcam).

  • Mittelteil

  • 10. SL: 45m, 40°. Schneefeld nach rechts ansteigen zu Felskopf mit 1 NH.

  • 11. SL: 75 m, M3-4. Zunächst rechts haltend zu Rinne, diese empor, bis ein kleiner Pfeiler das Ende der Rinne markiert. Dort Stand an gr. Cams/Hexentrics.

  • 12. SL: 55 m, M2, 40°. Nach links zu großem Schneefeld, welches ins „Skicouloir“ führt. Dort gleich wieder rechtshaltend zu Felsblock mit perfektem Cam-Riss (#2 und #3).

  • 13. SL: 140 m, 45°.  Zunächst linkshaltend, dann rechts ansteigend unter die steile Felswand. Am Stand 1 NH belassen.

  • Dritte Stufe und großes Schneefeld

  • 14. SL: 40 m, 4+, 70°. Linkshaltend über Schneeband, brüchigen Fels und zuletzt angeklebten Schnee zu Stand aus 2 BH.

  • 15. SL: 35 m, 5+ A0, 60°. Vom Stand gut 20 m den Riss hinauf zu NH, dann horizontal nach links. Am Stand 2 NH belassen.

  • 16. SL: 50 m, M6, 4. Links des Standes gerade hoch (M6) und weiter in felsiger Rinne. Am Ende der Rinne nach links zu Stand an 2 BH kurz vor dem großen Schneefeld.

  • 17. SL: 100 m, 45°. Das große Schneefeld hoch in Richtung Couloir („Latrinenrinne“). Rechts vom Couloir Stand im Fels bei rötlichem Ausbruch (nicht eingerichtet).

  • Headwall

  • 18. SL: 50 m, M4, 45°. Linkshaltend empor unter steile Wand. Stand nicht eingerichtet.

  • 19. SL: 40 m, ca. 5+. Wenige Meter im Schnee nach rechts zu markanter Rissspur, diese hinauf zu Stand an 2 BH.

  • 20. SL: 50 m, M4, 45°. Vom Stand nach links hinab, Seilzugquergang in glatte Platte bis die Schneeauflage kletterbar wird. Heikel empor zu Felsbogen (Sicherungsmöglichkeiten). Linksquerung zu Schneefeld und weiter linkshaltend unter die steile Wand.  Stand an 1 BH, FK und Cam #3.

  • 21. SL: 30 m, 5+, M6 A0. Ein paar Meter nach rechts ansteigen, schwieriger und heikler Aufrichter (ca. 5+), bis es gerade hinauf geht (M6 und A0). Am Ende durchs Couloir bis unter kleine Wandstufe. Stand an 2 BH.

  • 22. SL: 30 m, 4, M4. Im Couloir hinauf, dann links hoch zur Leiter, welche zum Gipfel führt. Stand an der Leiter.

Abstieg

Fußabstieg über Wiener-Neustädter-Hütte, alternativ Seilbahn.

Material

  • 60-m-Seile

  • Steigeisen und Eisgeräte zum Mixedklettern

  • Evtl. kurze Eisschrauben (nur bei außergewöhnlich guter Eisbildung)

  • Cams #0.1-3, #0.3-1 doppelt (unter anderem Aliens und Totems)

  • Tricams Gr. 0.5, 1 und 1.5

  • Hexentrics Gr. 7, 8 und 9

  • Klemmkeile Rock Gr. 3-9

  • 5 Beaks: 1 kleiner, 2 mittlere, 2 große

  • Ca. 10 Schlaghaken, mind. 2 Knifeblades, 3 Fiechtlhaken, 4 Profilhaken

  • Bigwallhammer und Funkness Device

  • 2 Hooks (Cliff BD Grappling Hook)

  • Bohrkit für Notfälle

  • 10-12 Exen, div. Schlingen, Reepschnüre und Schnapper

  • 2 Bandleitern + weiteres Equipment fürs Technische Klettern

  • 2 Handsteigklemmen

  • Haulbag und Zubehör zum Haulen

  • Biwakmaterial, Kocher, Verpflegung für 3 Tage


Text von Fritz Miller

7 Kommentare

Kommentar schreiben
John Middendorf

Cool report. Interested in your current use of Fiechtlhaken. I assume you mean horizontal pitons (in US, we call them “Lost Arrows”). Fiechtl’s original pitons were flat knife blades. I am researching when the first horizontals were crafted, see bigwalls.substack.com

(Also fun to see two terms I brought to climber lexicon: Beaks and Funkness Device!)

Cheers
John middendorf
Bigwalls.net

Gilli

Respekt. Tolle Tour!

Langerheinz

Für solche Leistungen brauchst Du Grundlagen. Und die eine ist, lerne dort zu Klettern wo der Bohrhaken zur Sicherung nicht die 1. Wahl ist. So wie wir Alten dies auf der Schwäbischen Alb teilweise noch praktizieren. Die Leistung der Beiden schätze ich echt hoch ein - Chapeau. Berg frei

Michel

Sehr gut tolle Leistung
Wünsche weiterhin viel Erfolg.

Kettcar

Klasse, Gratulation

etna

Sensationell.
Das es so was noch gibt bei all den Bergsportlern denen Geschwindigkeitsrekorde wichtiger sind als das große Abenteuer. Gratulation!

Gregor

Nicht schlecht. da kann man nur den Hut vor ziehen.