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156 Jahre DAV: Eine Erfolgsgeschichte
Mit rund 1,57 Millionen Mitgliedern ist der Deutsche Alpenverein nicht nur der fünftgrößte nationale Sportfachverband Deutschlands, sondern auch der größte nationale Bergsportverein der Welt. In 356 selbständige Sektionen gegliedert, unterhält der DAV im gesamten Alpenraum 321 Hütten mit rund 20.000 Schlafplätzen sowie ein Wegenetz von ca. 30.000 Kilometern.
Begonnen hat alles im Münchner Gasthaus "Zur blauen Traube". Als hier am 09. Mai 1869 von 36 Männern aus Österreich und Deutschland der Deutsche Alpenverein als "bildungsbürgerlicher Bergsteigerverein" ins Leben gerufen wurde, war dies vor allem auch eine Reaktion auf den sieben Jahre zuvor gegründeten Österreichischen Alpenverein.
(Foto: "Am Gipfel des Zwiesels")
Die stark akademisch-naturwissenschaftliche Ausrichtung des österreichischen Pendants teilten die Gründerväter des Deutschen Alpenvereins – unter ihnen Persönlichkeiten wie Franz Senn und Johann Stüdl – nur bis zu einem gewissen Grad. Für sie stand von Anfang an die touristische Erschließung des "wilden" Alpenraums im Vordergrund der Vereinstätigkeit.
(Foto: "Auf dem Gipfel des Montblanc")
Mit dem geplanten Ausbau des Hütten- und Wegenetzes erhoffte man sich, die Berge für breitere Bevölkerungsschichten attraktiv zu machen. Zwar ermöglichte seit 1867 etwa die Brennerbahn ein bequemes Reisen nach Tirol, und Orte wie Ramsau, Berchtesgaden oder Gastein erfreuten sich schon damals relativ großer Beliebtheit. Doch das Hochgebirge war immer noch eine reine "Spielwiese" für Forscher, Wissenschaftler und Abenteurer ... oder "Arbeitsplatz" für Jäger, Holzknechte und Almbauern.
(Foto: "In der Amberger Hütte.")
Auf eigene Faust im Gebirge unterwegs zu sein, vergletschertes Gelände und schwierige Felspassagen zu begehen, war für einen Großteil der bergbegeisterten Touristinnen und Touristen noch undenkbar. Der Alpenverein ermöglichte seinen Mitgliedern diese "Bergfahrten" auch durch eine Professionalisierung und Neuorganisation des Bergführerwesens.
(Foto: "Gletscherpartie")
Keine zehn Monate nach seiner Gründung konnte der Deutsche Alpenverein sein tausendstes Mitglied begrüßen. Die Grundidee, dass der Verein möglichst allen Bevölkerungsschichten offen stehen sollte, blieb zunächst Wunschdenken. Die Kosten für eine Alpenreise sowie der Umstand, dass einem Großteil der Bevölkerung bis zum Ersten Weltkrieg kein regulärer Urlaub zustand, schränkte den Mitgliederkreis jedoch auf eine kleine, wohlhabende Schicht ein. Dies änderte sich erst in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen.
(Foto: "Aufstellung zur Abfahrt.")
Ähnlich rasant wie der Mitgliederzuwachs gestaltete sich der Auf- und Ausbau des Hüttennetzes im deutsch-österreichischen Alpenraum. Besaß der Alpenverein 1873 gerade einmal acht Hütten, so waren es 1914 schon 319.
(Foto: "Speisessaal der Berliner Hütte.")
Nach der Jahrhundertwende öffnete sich der Alpenverein auch (langsam) für Frauen. 1909 wurde die "Ehefrauen-Mitgliedschaft" eingeführt und die Töchter männlicher Sektionsmitglieder erhielten auf Hütten fortan Vergünstigungen. Gelenkt und geleitet wurde der Verein aber weiterhin ausschließlich von Männern. Die Zeiten gehören längst der Vergangenheit an, inzwischen stellen Frauen fast 50 Prozent der Mitglieder.
(Foto: "Reisegesellschaft in Sankt Anton")
Nach dem Ersten Weltkrieg, der in vielen Bereichen für eine Neuorientierung der Gesellschaft sorgte, kam es zu einer Richtungsänderung im Verein. 1919 beschloss er, dass Ausübung, Ausbildung und Förderung des Bergsteigens zukünftig Kernaufgabe des Alpenvereins sein solle. 1927 schließlich nahmen die Delegierten der Sektionen auf der Hauptversammlung die Zielsetzung "das Bergsteigen zu fördern" in die Satzung auf.
(Foto: "Ortler und Edelweißhütte beim Aufstieg von Gomagoi")
Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich in manchen Sektionen Jugendgruppen gebildet. Die Einführung eines eigenen Abzeichens und einer Ausweiskarte "für Teilnehmer der Jugendgruppen des Alpenvereins", wie auf der 45. Hauptversammlung 1919 in Nürnberg beschlossen, markierte den Beginn der systematischen Jugendarbeit im Deutschen Alpenverein.
(Foto: "Picknick am Plankensteinsattel")
Von 1873 bis 1938 war der Deutsche Alpenverein mit dem Österreichischen Alpenverein im "Deutschen und Österreichischen Alpenverein" (DuÖAV, auch DuOeAV) zusammengeschlossen. Nach dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 wurde der DuÖAV als "Deutscher Alpen Verein" unter Führung von Arthur Seyss-Inquart in den "Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen" (NSRL) eingegliedert.
(Foto: "Hüttenzauber im Barmer Heim")
Erste Anzeichen für Antisemitismus waren bereits ab 1890 erkennbar, als einzelne Sektionen die Aufnahme von jüdischen Personen verweigerten. Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich diese Entwicklung und zahlreiche Sektionen führten sogenannte Arierparagrafen ein, die den Ausschluss von jüdischen Mitgliedern legitimierten. Im Jahr 1924 schloss der Alpenverein die jüdische Sektion Donauland, die sich hauptsächlich aus den ausgeschlossenen Mitgliedern gebildet hatte, aus dem Verein aus. Der Alpenverein hatte sich damit als erster großer Sport- und Tourismusverband in Deutschland, weit vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, völkisch und antisemitisch positioniert. Seine Geschichte versteht der Deutsche Alpenverein heute als Verpflichtung, sich umso mehr für Vielfalt, Toleranz und gegenseitige Achtung einzusetzen.
(Foto: "Vor der Vorderkaiserfeldennhütte")
Nach Kriegsende wird der "Deutsche Alpen Verein" von den Alliierten als nationalsozialitische Organisation eingestuft und aufgelöst. Daraufhin gründete sich der Österreichische Alpenverein (OeAV) 1945 neu, erst sieben Jahre später vollzog der Deutsche Alpenverein denselben Schritt.
(Foto: "Rast auf der Hammerspitze gegen Schafalpenkopf")
Seit Ende der 1960er-Jahre öffnete sich der Verband verstärkt weiteren Zielgruppen. In den Sektionen gründeten sich Kinder- und später Familiengruppen. Heute gibt es eigene Programme für Seniorinnen und Senioren, Angebote für Menschen mit Behinderung und andere Gruppen mit speziellen Bedürfnissen.
Seit der Gründung des Alpenvereins befasste er sich mit der Bewahrung des Gebirges. In den Anfangsjahren standen der Raubbau an Alpenpflanzen und Erosionsschäden durch eine ungenügende Aufforstung von Bergwäldern im Fokus. Der Bau von Bergbahnen in den 1920er-Jahren rückte den Schutz des Gebirges durch wirt-schaftlich motivierte Erschließungsprojekte ins Zentrum der Bemühungen des Alpenvereins. Erstmals verfasste er Resolutionen an die zuständigen Regierungen und die Öffentlichkeit. 1927 nahmen die Delegierten der Alpenvereinssektionen die "Erhaltung der Ursprünglichkeit und Schönheit des Hochgebirges" als Ziel in die Satzung des Verbandes auf. Die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber Ökologie- und Naturschutzthemen sorgte in den 1970er-Jahren nochmals für einen deutlichen Schub. Seit 1984 ist der Deutsche Alpenverein in Bayern und seit 2005 auf Bundesebene ein anerkannter Naturschutzverband.
Mit dem "Grundsatzprogramm zum Schutz der Alpenwelt" von 1977 ging der DAV neue Wege. Naturschutz, umweltverträglicher Bergsport und soziale Aspekte rückten verstärkt in den Blickpunkt. Der Verein kämpfte nun mit Protesten, Resolutionen und fachlichen Gutachten gegen Wasserkraft- und Seilbahnprojekte. Zudem setzte er sich für raumplanerische Maßnahmen, die Einrichtung von geschützten Gebieten und Lenkungsmaßnahmen ein. Einer weiteren Erschließung des Alpenraums durch den Bau neuer Schutzhütten wurde eine klare Absage erteilt.
(Foto: "Vor der Rosettahütte")
Auch in sportlicher Hinsicht öffnete sich der DAV neuen Strömungen. Glänzte der Verein beim 1. internationalem Sportklettertreffen im Altmühltal 1981 noch mit Abwesenheit, wurden die Vorbehalte gegen die neue Spielart des Bergsports (Der Berg verkomme zum Turngerät!) bald aufgegeben - auch um ein weiteres Abwandern der Jugend zu verhindern. Der Verband schuf neue Strukturen für das leistungsorientierte Sportklettern wie beispielsweise Trainingsprogramme. In vielen Sektionen wurden Sportklettergruppen gegründet, die ersten künstlichen Kletteranlagen gebaut und Kletterwettkämpfe organisiert. 1995 trat der Deutsche Alpenverein dem Deutschen Sportbund bei. Heute ist der Alpenverein bei internationalen Kletter- und Boulderwettkämpfen längst mit einem eigenen Kader vertreten.
2020 wurden erstmals Kletterwettkämpfe bei Olympischen Sommerspielen ausgetragen. Nicht nur für Olaf Tabor eine tolle Sache. "Wir haben hohes Potenzial so etwas wie Beachvolleyball zu werden", war sich der DAV-Hauptgeschäftsführer sicher. Doch diese Auffassung teilen nicht alle im Verein. "Sportkletterer können sich jederzeit organisieren und trotzdem im DAV bleiben und olympisch klettern. Aber der DAV ist nun mal als Bergsteigerverein gegründet worden und hat deshalb bei Olympia nichts verloren", so etwa der Standpunkt von Ehrenmitglied Rudi Berger (85). Und auch jüngere Mitglieder sehen die wachsende Fokussierung auf den Leistungssport und dessen finanzielle Unterstützung durch Mitgliedergelder kritisch.
Doch nicht nur der Leistungssport wird kontrovers diskutiert, auch die Themenfelder Skitourengehen und E-Mountainbiking bergen für den DAV Konfliktpotenzial. Beide Sportarten erleben seit Jahren einen ungeheueren Boom und locken immer mehr Menschen in die Bergwelt, deren Schutz sich der Alpenverein zur Aufgabe gemacht hat. Die Frage, wie mit dem Spannungsfeld umzugehen ist, wird den DAV in den nächsten Jahren noch weiter beschäftigen.
Die wachsende Begeisterung für den Bergsport hat auch noch eine weitere Schattenseite: Die An- und Abreise erfolgt größtenteils immer noch mit dem eigenen PKW statt umweltfreundlich mit Bus oder Bahn. Ein Problem, mit dem sich der DAV stärker als bisher auseinandersetzen muss, um praktikable Lösungen anbieten zu können.
Zum 150-Jährigen ließ sich der Alpenverein ein besonderes Fotomotiv einfallen.
Der Deutsche Alpenverein möchte klimaneutral werden! Mit 87 Prozent der abgegebenen Stimmen der rund 360 Deligierten aus 220 Sektionen hat sich der Alpenverein entschieden, bis zum Jahr 2030 Klimaneutralität zu erreichen.
Dieses Ziel gilt für den Bundesverband sowie für die 357 Sektionen. Dabei wird das Prinzip "Vermeiden vor Reduzieren vor Kompensieren" verfolgt. Das konkrete Konzept zur Umsetzung dieser weitreichenden Entscheidung hat eine Projektgruppe aus 53 Ehren- und Hauptamtlichen innerhalb von zwei Jahren erarbeitet.
Andrea Händel ist die neue Hauptgeschäftsführerin des DAV. Die gebürtige Nürnbergerin und aktive Bergsportlerin ist seit über 20 Jahren für den DAV tätig. Andrea Händel trat die Nachfolge von Dr. Olaf Tabor an, der den Verband nach gut zehn Jahren im März 2023 verließ.






















