Anspruchsvolle Tour offenbar über Social Media ausgesucht

Tourenplanung mit TikTok? Junge Männer am Weg zum Schrecksee gerettet

Binnen eines Wochenendes musste die Bergwacht Hinterstein zwei Mal je zwei junge Männer aus winterlichen Verhältnissen in den Allgäuer Alpen retten. In einem Fall hatten sich zwei junge Wanderer eine anspruchsvolle Tour offenbar über Social Media ausgesucht und waren völlig unzureichend ausgerüstet unterwegs.

Tourenplanung mit TikTok? Junge Männer am Weg zum Schrecksee gerettet
© Bergwacht Hinterstein

Erster Einsatz am Samstag: Falsch ausgerüstete und unerfahrene junge Männer blockiert

Am Samstagabend wurden die Einsatzkräfte der Bergwacht Hinterstein zu einem Einsatz auf rund 2000 Metern Höhe alarmiert. Zwei junge Erwachsene waren am Jubiläumsweg in Richtung Schrecksee in steilem, schneebedecktem Gelände blockiert und trauten sich weder auf- noch absteigen. Laut Bergwacht waren beide "völlig falsch ausgerüstet und unerfahren". Als Grundlage ihrer Tourenplanung gaben sie "TikTok" an.

Da es bereits dämmerte, forderte der Einsatzleiter den nachtflugtauglichen Rettungshubschrauber "RK2" aus Reutte an. Gemeinsam mit einem Bergretter wurden die beiden jungen Männer per Winde aufgenommen und zur Rettungswache geflogen. Verletzt wurde niemand.

Zweiter Einsatz am Sonntag: Jugendliche am Hochvogel blockiert

Am Sonntag, meldeten sich zwei 16-jährige Bergsteiger aus der Scharte oberhalb des "Kalten Winkels" in etwa 2300 Metern Höhe. Die beiden waren auf dem Weg zum Hochvogel, entschieden jedoch aufgrund zunehmend winterlicher Verhältnisse zur Umkehr. Den Rückweg über eine steile Schneeflanke trauten sie sich jedoch nicht mehr zu.

Der Rettungshubschrauber "Christoph 17" nahm zwei Bergretter an Bord und konnte trotz tief hängender Wolken eine Landung unterhalb der Einsatzstelle ermöglichen. Die Retter stiegen zu den Jugendlichen auf, sicherten sie und begleiteten sie zurück zu einer Stelle, an der eine Bergung per Winde möglich war. Beide wurden nach Hinterstein geflogen. Sie waren gut ausgerüstet und verfügten über alpine Erfahrung.

Warnung der Bergwacht Hinterstein

In einem Social Media Post zu den Rettungsaktionen warnt die Bergwacht Hinterstein: "Derzeit herrschen ab ca. 1.600 m Höhe tief winterliche Bedingungen. Solch anspruchsvolle Touren sollten in dieser Jahreszeit nur von erfahrenen Alpinisten unternommen werden! Wir empfehlen dringend, sich aus seriösen Quellen über die Verhältnisse zu informieren, um solche, risikoreichen und kostspieligen Einsätze zu vermeiden. Übrigens müssen die Kosten von den Geretteten selbst übernommen werden, sofern sie keine spezielle Versicherung dafür haben."

<p>Bild des Hochvogel in den Allgäuer Alpen. SYMBOLBILD das keine aktuellen Verhältnisse zeigt.</p>

Bild des Hochvogel in den Allgäuer Alpen. SYMBOLBILD das keine aktuellen Verhältnisse zeigt.

© picture alliance / imageBROKER / Robert Seitz

Deutlich anspruchsvollere Tourenplanung im Herbst/Frühwinter

Die Rettungsaktionen in den Allgäuer Alpen zeigen zum wiederholten Mal, wie schnell spätherbstliche Bergtouren in winterliche Lagen und schlimmstenfalls zu Notsituationen führen können. "Auch wenn im Tal noch Herbst ist, herrschen in höheren Lagen oft schon winterliche Bedingungen", sagt Olaf Perwitzschky, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und ALPIN-Experte. Er gibt folgende Tipps:

  • Ausrüstung: Erste-Hilfe-Set, Stirnlampe (!), warme Kleidung, Mütze, Handschuhe, Rettungsdecke, Biwaksack, Riegel und (warmes) Getränk gehören wie ein vollgeladenes Handy und gegebenenfalls eine zusätzliche Powerbank in jeden Rucksack!

  • Aktuelle Wetter- und Lawinenberichte prüfen. Schneefallgrenzen und Temperaturen berücksichtigen. Ab welcher Höhe liegt Schnee? Wie viel?

  • Exposition der Tour checken: Ist sie nordseitig oder südseitig? Das kann erhebliche Unterschiede bezüglich der Schneemenge auf der geplanten Route machen!

  • Für den Fall, dass man auf Schnee trifft: Am besten Grödel (oder Spikes) sowie Gamaschen dabeihaben. Auch Stöcke (mit Schneeteller) sind hilfreich.

  • Wenn man sich nicht mehr sicher ist: Frühzeitig umkehren und in der eigenen Spur absteigen.

  • Tour realistisch planen: Dauer, Höhenmeter und Schwierigkeit an Verhältnisse und eigene Kondition anpassen. Gegenüber dem Sommer stark verringerte Stundenzahl an Tageslicht bedenken.

  • Checken, ob eventuell auf der Route liegende Hütten geöffnet haben. Ist dies nicht der Fall, entsprechend Proviant und fehlende "Aufwärm- und Ruhemöglichkeit" bedenken.

  • Route mitteilen: Angehörige oder Freunde informieren, wohin man geht und wann man zurück sein will. Bei Überschreitung des Rückkehrzeitpunktes Rettungskette vereinbaren.

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Text von Holger Rupprecht

4 Kommentare

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Pat

In den Hintersteiner Alpen kann definitiv nicht die Rede davon sein, dass die dortigen Gemeinden/Tourismusverbände usw. unerfahrene Gäste zu riskanten Wintertouren animieren würden. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin dort selbst im Winter häufiger für Winterbesteigungen wo teils noch nicht mal eine Spur liegt (ich weiß aber im Gegensatz was ich mache), vor Ort wird einem eher immer sehr hartnäckig von allem abgeraten. Empfohlen wird dann immer das nahe gelegene Imberger Horn (eine präparierte Strecke für Touristen). Im Sommer wird der Schrecksee allerdings natürlich schon ziemlich beworben (aber ehrlich gesagt, dort ist es überfüllt und die Betonpiste da hoch ist schrecklich).

Bruno

Axxl, laut dem Text waren das nicht "Touristiker", die Unwissende anlockten, sondern irgendwelche zu hierbei unbrauchbaren sog. soziale Medien. Wie dem so sei, es ist aber Voraussetzung von jedem Einzelnen, sich der Schwierigkeiten einer Tour immer klarzumachen. Und was das Plakatieren anbelangt, so ist dieser Vorschlag vollkommen abwegig - da müßten an jedem Zustieg auf einen Berg Tafeln angebracht werden "Vorsicht, Weg kann Spuren von Schnee, Schlamm und rutschigem Gestein enthalten" verbunden mit der Anmerkung "Absturzgefahr". Was die Familienbewerbung anbelangt, so gibt es nun einmal solche und solche Familien. Mich hat im Sommer ein 10-jähriger sicheren Schritts auf den Habicht oder letztens ein 12-jähriges Mädel auf einer D-Ferrata überholt. Es wäre also angebracht, ein Schild aufzustellen, daß die TicToc- und FB-Jugend warnt. Bruno

Axxl

Ich verstehe, dass man sich schnell in eine unglückliche Lage bringen kann wenn man unerfahren aber motiviert in die unbekannte Natur aufbricht.

Ausführlichere Warn- und Hinweisschilder wären ein Anfang.

Auch die Touristiker vor Ort sollten langsam begreifen dass sie Unwissende aktiv anlocken und in Lebensgefahr bringen mit irreführenden Bildern.

Die winterlichen Gefahren auf dem Weg zum Schrecksee sind bekannt. Aber werden nicht plakatiert.

Das Nebelhorn z.B. ist abweisend und gefährlich und wird für Familien beworben.

Hugo

Absolut irre