Tourenbuch

Hochtour: Mont Brûlé

Ein Hüttenzustieg ist mir noch nie so lang vorgekommen. Von Arolla, im Talschluss des Val d’Hérens gelegen, gehe ich über den Normalweg in Richtung Cabane de Bertol. Unterwegs sehe ich nichts als Wasser, Gletscher, Fels und Séracs. Wasserleitungen, die von Zermatt herüberführen und hier gespeist werden.

Hochtour: Mont Brûlé
Pause am Westgrat.
Pause am Westgrat.

Gipfel für Genießer

Ganz in Gedanken versunken, habe ich den Abzweig verpasst, der direkt zum Arolla-Gletscher führt. Nun denn, jetzt mache ich eben einen Umweg über den Plans de Bertol. Ein schöner Platz, nicht nur um Schafe zu weiden, sondern auch für mich und meine letzte Rast, bevor ich zum Arolla- Gletscher ab- und Richtung Col Collon wieder aufsteige. Der Weg wird nun beschwerlicher, ist aber bestens ausgeschildert. Über die Gletschermoräne erreiche ich endlich das Réfuge des Bouquetins. Von hier genieße ich den überwältigenden Blick auf den Mont Brûlé. Hinter mir liegt der Grat der Bouquetins - wenig bekannt, doch wegen seiner Länge allemal eine alpine Herausforderung. Die Hütte ist zwar nicht bewartet, aber bestens ausgestattet: Ofen, Töpfe und Pfannen, Decken … alles da. Kein Zweifel, wir sind in der Schweiz! In der Hütte ist alles rund und um den Herd in der Mitte angeordnet. Sehr gemütlich!

Der Gletscher ist von Spalten durchzogen

Man sollte diese Bergtour möglichst außerhalb der Saison unternehmen. Dann ist die kleine Hütte mit ihren nur 18 Schlafplätzen ein einsames Refugium. Welch ein Luxus, das Frühstück ohne die Bergsteigern eigene Morgenhektik genießen zu können. Bei Sonnenaufgang mache ich mich auf den Weg über den Gletscher. Auch hier ist der Anstieg noch mit Steinmännchen markiert. Aber der Gletscher ist von Spalten durchzogen, ein bisschen Vorsicht ist schon angebracht. Wie alt mag das Eis unter meinen Füßen wohl sein?

Mit Tierherden über den Col Collon

Einer kleinen Eiszeit ging eine Periode voraus, die als Mittelalterliche Warmzeit oder Mittelalterliches Klimaoptimum be- 38 7/09 zeichnet wird. Regional und zeitlich unterschiedlich gewichtet, aber inzwischen weltweit nachgewiesen, lagen die Temperaturen im Zeitraum zwischen etwa 850 und 1250 n. Chr. um rund ein bis zwei Grad höher als während der Kleinen Eiszeit. Zu Zeiten des Mittelalterlichen Klimaoptimums zog sich zum Beispiel im nördlichen Atlantik das Packeis zurück und die Landgletscher verschwanden teilweise. Zahlreiche Schriftstücke belegen, dass die Überschreitung des Mont Brûlé über den Col Collon, über den heute der Normalweg führt, sogar mit Tierherden gemeistert wurde. Und all das trockenen Fußes - heute undenkbar.

Das Matterhorn leuchtet in all seiner Pracht

Eine Stunde nach meinem Aufbruch von der Hütte stehe ich am Col Collon. Von hier ist der Weg einfach: Klar und deutlich liegt der Grat vor mir, mal felsig, mal eisig. Der Grat ist eindeutig in seiner Linie und nicht besonders schwer. Die Aussicht allerdings ist atemberaubend: Das Matterhorn leuchtet in all seiner Pracht und auch die etwas niedrigere Dent d’Hérens lässt Bergsteigerherzen höherschlagen. Im Süden kann ich das Aosta-Tal mit all seinen Seitentälern erkennen.

Mont Brûlé - ein unpassender Name?

Mont Brûlé? Am Gipfel angelangt, denke ich über den Ursprung der Bezeichnung nach. Brûlé scheint sich vom französischen Verb brûler herzuleiten – brennen. Rundum allerdings dominieren Gletscher, also Wasser. Wenn man den Berg von all seinen Seiten betrachtet, mutet diese Etymologie wirklich sonderbar an: Die Nord-, West- und sogar die Südseite des Berges sind reichlich vergletschert, einzig die Ostseite ist felsig. Wie kann ein weißer Berg einen augenscheinlich derart unpassenden Namen erhalten?

Ausgedörrter Berg oder sumpfige Almwiesen

Es lässt mich einfach nicht mehr los, auch beim Abstieg grüble ich über den „brennenden Berg“ weiter. Mir fällt ein, dass die alten Topos des Schweizerischen Alpenclubs oftmals auch Aufschluss über die Flurnamen geben. Das muss ich mir genauer ansehen. Die Quellen des SAC besagen, dass der Name Mont Brûlé rein gar nichts mit brûler zu tun hat.

Die letzten Meter zum Mont Brûlé.
Die letzten Meter zum Mont Brûlé.

Die Schweizer Aufzeichnungen behaupten, dass sich Brûlé vom Ortsnamen Breuil im benachbarten Valtournanche ableitet, das wiederum bedeutet „sumpfige Almwiesen“. Widersprüchlicher können zwei Aussagen wohl kaum sein. Rätsel über Rätsel. Ich jedenfalls konnte dieses sprachliche Problem nicht lösen, ich weiß nur, dass ein Besuch des Mont Brûlé lohnt, am besten außerhalb der Hochsaison.

Text: Vincent Theler Fotos: Patrice Schreyer Übersetzung: Petra Darchinger