Das ist wirklich das letzte Mal, dass ich mich hier heraufquäle, schwöre ich mir! Mein Kopf scheint zu zerspringen, mir ist schlecht und schwindelig. Was mache ich eigentlich hier, ich fühle mich elend und mir ist kalt? All das für einen Berg, eigentlich nur einen großen Hügel, der unter Alpinisten auch noch als „leicht“ eingestuft wird? Sechsmal war ich schon hier oben und jedes Mal bin ich schlecht akklimatisiert. So blöd muss man erstmal sein.

Weit reicht der Blick vom höchsten Gipfel der Alpen.

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Egal mit welchen Bergsteigern man spricht, es ist immer einer dabei, der dir versichert, dass der Mont Blanc nicht schwierig ist und für jeden halbwegs trainierten und motivierten Alpinisten leicht zu bewältigen ist. Schon richtig, die Normalwege auf den Mont Blanc, den höchsten Gipfel der Alpen, sind technisch nicht wirklich schwierig, trotzdem sollte man sie nicht unterschätzen, da auch die große Höhe erstmal bewältigt werden muss.

Ich spreche hier aus Erfahrung … Aus Schaden wird man bekanntlich klug und ich werde versuchen, nicht die gleichen Fehler wie beim letzten Mal zu machen – eine meiner größten Niederlagen! Der Wetterbericht war fantastisch gewesen und wir waren ohne Eingehtouren aus dem Flachland (0 Meter) aufgebrochen. Nach fünf Stunden anstrengender Autofahrt waren wir gegen Mittag endlich in Chamonix (1000 Meter) angekommen und sofort in die Seilbahn auf die Aiguille du Midi gesprungen, die uns schlag-artig auf 3850 Meter katapultiert hatte.

Im Morgengrauen ein wahrer Augenöffner: der Bosses-Grat zum Gipfel.

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Der Himmel war stahlblau, der Abstieg zum Refuge des Cosmiques eine reine Formsache. Wir hatten reserviert und bekamen sofort unseren Platz in dieser modernen, aber relativ teuren Hütte zugewiesen. Das Abendessen, die Stimmung – alles war gut… Aber um drei Uhr morgens, unterwegs auf den ersten Hängen des Mont Blanc du Tacul, hielt ich die Kopfschmerzen kaum aus, ich war schlecht oder vielmehr gar nicht akklimatisiert. Ich bezahlte für meinen Hochmut: In der Annahme, den Gipfel schon zu kennen, hatte ich die Höhe absolut unterschätzt. Es nutzt eben nichts, nur in Saft und Kraft zu stehen, wenn man wie ich auf Meereshöhe wohnt. Logische Schlussfolgerung: Wir kehrten um!

Nächster Versuch: Der Sommer neigt sich dem Ende zu, ein erster Schneefall hat das Mont-Blanc-Massiv angezuckert. Dies-mal haben wir uns gut vorbereitet: Tägliches Joggen und zahlreiche Bergtouren in größere Höhen sollten reichen, um den Mont Blanc kopfschmerzfrei zu besteigen. Darüber hinaus haben wir unsere Akklimatisierung vor Ort sehr viel besser durchdacht.

Atemberaubende Anblicke beim Anstieg

Um erfolgreich und stressfrei am Gipfel des Mont Blanc zu stehen, braucht man einfach Zeit, und die nehmen wir uns. Unsere erste Nacht verbringen wir in einer netten Pension im Bionnassay-Tal auf 1400 Meter Höhe, dort beginnt der Normalweg auf die Goûter-Hütte. Der Abend ist ruhig, die meisten Touristen sind jetzt, Ende September, schon längst weg.

Nach einem reichhaltigen Frühstück wandern wir ohne Eile hinauf zum Nid d’Aigle. Man kann bis hierher freilich auch die Zahnradbahn benutzen, aber wir haben uns für den „cleanen“ Anstieg zu Fuß aus dem Talgrund entschieden. Die 1700 Meter Höhenunterschied zum Refuge de la Tête Rousse auf 3167 Meter Höhe bewältigen wir ganz gemütlich mit vielen Pausen. So kommen wir am Nachmittag entspannt an. In dieser Höhe schläft es sich in der Regel noch recht gut.

Wir genießen den traumhaften Abend und beobachten dabei die anderen Bergsteiger, die direkt zum 700 Meter höher gelegenen Refuge du Goûter weiterhasten. Eilige Menschen mögen nun behaupten, dass eine Nacht auf der Tête Rousse einen weiteren Tag am Berg bedeutet. Uns ist das egal! Wir essen gemütlich zu Abend, die Hütte ist nicht überfüllt und wir stehen am nächsten Morgen zu einer christlichen Zeit auf.

Zieleinlauf: Glücklich, wer frühmorgens als erster den Gipfel erreicht.

Erst um acht verlassen wir die Hütte und machen uns fast alleine auf den Weg durch das linke Couloir von der Aiguille du Goûter herab. Hier gibt es oft Unfälle, da viele Alpinisten, die den Zug auf das Nid d’Aigle benutzt haben, hier erst am Nachmittag ankommen und die Steinschlaggefahr dann erheblich ansteigt. Diese Sorge haben wir so früh am Morgen nicht, alles ist festgefroren, die Steine bleiben, wo sie sind.

Der Anstieg über den Goûter-Grat liegt zwar nur im II. Schwierigkeitsgrad, ist aber trotzdem sehr beeindruckend, vor allem für Hochtouren-Neulinge. Wir brauchen nur drei Stunden bis zum Refuge du Goûter. Die Hütte liegt auf 3817 Meter und ist um diese Uhrzeit natürlich menschenleer. Wir frühstücken gemütlich auf der Terrasse und halten dann in den völlig leeren Lagern Siesta. Nach und nach kommen die Seilschaften vom Mont Blanc zurück, die meisten machen so gut wie keine Pause und steigen sofort weiter ab.

Sonnenaufgang auf dem Bosses-Grat.

Gegen fünf Uhr nachmittags kommen dann die nächsten Bergsteiger von unten aus dem Tal, meist heftig schnaufend, denn der Höhenunterschied ist ja doch etwas krass. Sie können gerade noch ihren Rucksack ab-stellen und schon beginnt das Abendessen. Wir haben den ganzen Nachmittag verschlafen und das Essen kommt gerade recht, um die Langeweile zu zerstreuen. Wir beenden den Abend Material sortierend auf der Terrasse, direkt gegenüber der Aiguille de Bionnassay, die in den letzten Sonnenstrahlen aufleuchtet. Immer noch kommen Bergsteiger, wir liegen schon längst in der Falle und versuchen das Stimmengewirr in allen denkbaren Sprachen auszublenden.

Seit einigen Jahren wird auf der Goûter-Hütte um drei Uhr morgens geweckt, was natürlich zu spät ist, um den Sonnenaufgang am Mont Blanc zu erleben. Wir wollen uns nicht um dieses Vergnügen bringen und stehen zwei Stunden früher auf. Dank der drei Nächte in immer größeren Höhen haben wir ausgezeichnet geschlafen und fühlen uns entsprechend gut, als wir die ersten Hänge zum Dôme du Goûter ersteigen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu schnell gehen, das rächt sich meistens. Also: atmen, Schritt, atmen, Schritt – wie im Himalaya.

Jeder will den Mont Blanc in seinem Tourenbuch.

Auf diesen eher flachen Hängen sind die Teleskopstöcke weitaus hilf- reicher als der Pickel. Im Morgengrauen erreichen wir bereits den Dôme du Goûter. Wie so oft versperrt ein vereister Hang den Zugang zum Refuge Vallot, einem Biwak, das leider häufig mit einer Mülltonne verwechselt wird. Eine gute Gelegenheit, die Frontzacken der Steigeisen einzusetzen. Gegenüber erhebt sich der Gipfel zum Greifen nah, wäre da nicht noch dieser endlose Grat dazwischen.

Je höher wir kommen, desto beißender wird der Wind, der Himmel färbt sich malvenblau. Wir kommen unserem Ziel immer näher, die Aiguille de Trélatête scheint winzig. Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir den Gipfel. Ein magischer Augenblick! Wir sind heute die ersten, die Welt gehört uns. Diesmal ist es perfekt gelungen, unnötiges Leiden zu vermeiden. Bald werden die Mont-Blanc-Anwärter „unseren“ Gipfel stürmen, aber sie können uns die Erinnerung nicht wegnehmen: ein paar Freunde, ganz allein auf dem Dach der Alpen.

Text und Fotos: Eric Delaperriere

Übersetzung: Petra Darchinger

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