Kletterklassiker mit Kultstatus

Bergportrait: Ellmauer Halt (2.344 m)

Die Ellmauer Halt, der höchste und zentral gelegene Kaiser-Zinken, ist niemals Spielplatz der Extremen gewesen. Zusammen mit der Gamshalt und der Kleinen Halt bildet sie den mächtigen Haltstock und dessen zerborstene Flanken und Wände überragen das liebliche Kaisertal um imposante 1300 Meter.

Wild und zackig ist er, der Koasa. Besonders spannend sind die Wege auf die Ellmauer Halt.
© Herbert Raffalt

Der Kaiser ist im Vergleich zu den hohen Berggruppen der Zentralalpen ein überschaubares, niedriges Gebirge über dem unteren Inntal, in dem allerdings immer wieder große Klettergeschichte geschrieben wurde. An den senkrechten bis überhängenden Wänden von Karlspitzen, Fleischbank, Totenkirchl oder Predigtstuhl haben sich stets die besten Kletterer ihrer Zeit gemessen.

Wege auf die Ellmauer Halt

Schaustück der Ellmauer Halt ist ihr türmereicher Ostgrat: Seit über 100 Jahren ist der Kopftörlgrat ein Kletterziel, das in keinem Tourenbuch fehlen darf. Die Klettersteiganlagen von Süden und Norden, der Gamsängersteig und der Kaiserschützensteig, sind da schon jüngeren bzw. sehr viel jüngeren Datums. Beide jedoch erfreuen sich in Ferratisten-Kreisen allerhöchster Beliebtheit.

<p>Sechs Türme, ein Gipfel: Wer diese Traumtour genießen darf, steht im siebten Klettererhimmel.</p>

Sechs Türme, ein Gipfel: Wer diese Traumtour genießen darf, steht im siebten Klettererhimmel.

© Herbert Raffalt

Die Ellmauer Halt: Erstbesteigung

Die Erstbesteigung erfolgte über die sanften Hänge oberhalb von Ellmau, Scheffau und Going. Nachdem die Ackerlspitze und der Treffauer längst erstiegen waren – beide hatte man für die höchsten Kaiser-Gipfel gehalten –, wandte sich Karl Hofmann 1869 der Ellmauer Halt zu. Gemeinsam mit dem Ellmauer Wildschütz Johann Schlechter, dem "Mallhansl", gelang am 29. Juni unter widrigsten Bedingungen die Erstbesteigung.

Die Ellmauer Halt wurde schnell ziemlich beliebt und, wie es scheint, zum Hausberg der Münchner. Heinrich Schwaiger vermerkt in der "Erschließung der Ostalpen": "Unter den 606 Personen, die bis zum 12. October 1890 die Haltspitze erstiegen haben, finden wir sieben Damen und 263 Münchner."

Über den Kopftörlgrat auf die Ellmauer Halt

Nochmals zehn Jahre später erschließt der Münchner Georg Leuchs am 25. Juni 1900 das Prunkstück der Ellmauer Halt im Husarenritt: Im Alleingang klettert er über die sechs Türme im Ostgrat der Halt – 1400 Klettermeter, ein gutes Viertel davon im III. Schwierigkeitsgrad. Der Kopftörlgrat war erstbegangen. Er zählt noch heute zum Besten, was die Alpen in diesem Schwierigkeitsgrad auf Messers Schneide zu bieten haben.

<p>Eine Traumtour für erfahrene Alpinisten: Der Kopftörlgrat.</p>

Eine Traumtour für erfahrene Alpinisten: Der Kopftörlgrat.

© Herbert Raffalt

Trotz des teilweise enormen Andrangs dürfen Bewerber eines nicht vergessen: Der Kopftörlgrat verlangt eine solide alpine Erfahrung. Wer an diesem langen Grat schon am Limit klettert, kommt schnell in Schwierigkeiten. Aber selbst wenn die Schlüsselstellen durch Generationen von Kletterern einigermaßen poliert daherkommen, man wird weit gehen müssen, um eine solche Anhäufung abwechslungsreicher und schöner leichter Kletterstellen in einer Route vereint zu finden.

<p>Der Kopftörlgrat auf einen Blick: Übersichtskarte.</p>

Der Kopftörlgrat auf einen Blick: Übersichtskarte.

© alpin.de
  • Schwierigkeit: Alpine Kletterei, die einigen Orientierungssinn verlangt. IV– und III+ (je eine Stelle), 1400 Klettermeter, davon 350 m III, Rest I und II, im ersten Gratdrittel viel Gehgelände. Alle Standhaken wurden gebohrt, dazu noch einige Zwischenhaken. Oft stark unterschätzt, bei Gewitter sehr dem Blitzschlag ausgesetzt!

  • Höhenunterschied/Länge: 1510 Hm, 2,5 Std. Zustieg, 4 – 6 Std. Kletterei, 2,5 Std. Abstieg.

  • Material: Kletterausrüstung, zur zusätzlichen Absicherung Bandschlingen sowie mittlere und kleine Klemmkeile.

  • Talort: Ellmau, 820 m.

  • Ausgangspunkt: Parkplatz an der Wochenbrunner Alm, 1085 m.

  • Hütte: Gruttenhütte, 1620 m, DAV Turner-Alpenkränzchen, bewirtschaftet ab ca. Pfingsten bis Mitte Oktober, sonst Winterraum mit AV-Schloss, gruttenhuette.at

  • Route: Vom Parkplatz an der Wochenbrunner Alm auf dem Schotterweg durch den Wald auf das Plateau der Gruttenhütte. Dort weiter nach Norden ins Kopftörl, 2058 m. Hier befindet sich der Einstieg: Durch eine Rinne geht es nach links empor an den Beginn der langen Schrofenquerung an der Südseite des ersten Gratturms. Erst der zweite und der dritte Gratturm werden erklettert, der vierte (Leuchsturm) wird südlich, der fünfte (Kapuzenturm) nördlich umgangen. Die bestens abgesicherte Schlüsselstelle (10-Meter-Wandl) wartet am sechsten Turm. Zu guter Letzt durch einen engen Kamin-Durchschlupf zum Gipfel.

  • Abstieg: Über den Gamsängersteig zur Gruttenhütte und zur Wochenbrunner Alm, 2,5 – 3 Std.

  • Tipp: Der Kopftörlgrat ist bei kurzer Anreise gut als Tagestour machbar, sonst empfiehlt sich eine Übernachtung auf der Gruttenhütte, das erspart morgens den Zustieg. Am Wochenende an den Schlüsselstellen oft Stau – Genießer kommen daher unter der Woche.

  • Weitere Routen: Gamsängersteig von der Gruttenhütte, 2,5 – 3 Std., Kaiserschützensteig vom Hans-Berger-Haus, 5 – 6 Std. Für beide Routen ist Klettersteigausrüstung empfehlenswert, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind notwendig.

<p>Austria Alpin – Große Gipfel Österreichs</p>

Austria Alpin – Große Gipfel Österreichs

© Tyrolia Verlag

Mit freundlicher Genehmigung aus:

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