3000er Sammeln im Verwall

Darmstädter Hütte Tiroler Beständigkeit

Hütten wechseln die Wirte, Wirte wechseln die Hütten. Echte Hüttenwirtsdynastien werden immer seltener. Eine davon ist im Verwall zu finden, zwischen den rauen Gipfeln im hintersten Moostal.

Die Darmstädter Hütte im Verwall lockt mit feinem Fels für jeden Geschmack, links die Küchlspitze, rechts die Kuchenspitze.
© Timm Humpfer

Der Weg in die Bergheimat der Familie Weiskopf ist lang und startet im legendären St. Anton, einer Wiege des alpinen Skifahrens. Mit Hilfe der Rendlbahn kann der Zustieg immerhin fast halbiert werden. Glücklicherweise ist die Seilbahn der erste und gleichzeitig letzte Kontakt mit den Begleiterscheinungen des winterlichen Skizirkus. Der Aufstieg streift zwar noch den Kartellspeicher, doch dieser fügt sich mit seiner türkisfarben schimmernden Wasseroberfläche bestens in die umliegende Bergkulisse ein und sorgt für einen erfrischenden Kontrast. 

Hinter dem Stausee beginnt der malerische Endspurt, stets dem plätschernden Bach aufwärts folgend und dabei die eindrucksvollen Gipfel von Küchlspitze, Kuchenspitze und Scheibler fest im Blick. Oben angekommen, wartet ein außergewöhnlicher optischer Widerspruch: Die graue Steinfassade der Darmstädter Hütte scheint förmlich mit den hoch aufragenden Gipfeln dahinter zu verschmelzen, gleichzeitig zaubern die rot-weißen Fensterläden und die bunten Blumen auf der Wiese die nötigen Farbtupfer in das pittoreske Bild.

<p>Beste Aussichten auf die Saumspitze</p>

Beste Aussichten auf die Saumspitze

© Timm Humpfer

"Hier ist meine Heimat, es ist mein magischer Platz.", Andreas Weiskopf, Hüttenwirt

Es ist verständlich, dass Familie Weiskopf aus Pians sich hier seit 70 Jahren pudelwohl fühlt. Großmutter Ida zog einst mit zehn tatkräftigen Söhnen hinauf, später übernahm Sprössling Albert das Ruder und seit 2009 ist dessen Sohn Andi das Gesicht und die Seele der Hütte. Lange suchen muss man ihn wahrlich nicht, denn die urige Stube und die Terrasse sind seine Bühne. Er ist ein Hüttenwirt der alten Schule, humorvoller Unterhalter und geduldiger Ratgeber zugleich. „Immer dem Käse­aroma nach.“ Was im ersten Moment klingt wie die Einladung zum gemütlichen Raclette-Abend, ist in Wirklichkeit seine Antwort auf die Frage nach dem Trockenraum. Wenig später aber, als eine Gruppe sich nach den Bedingungen auf dem anspruchsvollen Hoppe-Seyler-Weg erkundigt, nimmt er seine andere Rolle ein: „Den geht man nicht bei diesem Wetter.“ 

Auf erneute Nachfrage der Bergsteiger, die nicht so schnell aufgeben wollen, wird er noch deutlicher: „Bei den aktuellen Bedingungen geht man da nicht lang. Punkt!“ Dabei wird er aber nicht barsch, sondern bringt seine Gäste mit der nötigen Entschlossenheit und einem Lächeln auf den richtigen Weg – im wahrsten Sinne. „Das Publikum auf der Hütte hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr verändert“, erklärt er. „Neben den Bergsteigern und Kletterern, kommen auch immer mehr unerfahrenere Bergwanderer. Das ist einerseits natürlich schön, da wir unsere Begeisterung und Liebe für die Berge so an mehr Menschen weitergeben können. Andererseits muss man sich jedoch mehr um sie kümmern, sie mal zur Seite nehmen und dafür sorgen, dass sie sich nicht überschätzen.“ Bei allem Humor nimmt Andi diese Aufgabe sehr ernst.

<p>Stoamanderl am See in Hüttennähe</p>

Stoamanderl am See in Hüttennähe

© Timm Humpfer

Traumhafte Verwallrunde

Dass diese Einstellung richtig und wichtig ist, zeigt die Tatsache, dass es um die Darmstädter Hütte herum keine wirklich leichten Touren und Gipfelziele gibt. Selbst der beliebte Übergang ins paradiesische Fasultal und zur Konstanzer Hütte – Teil der immer populärer werdenden Verwallrunde – führt über eine längere versicherte Passage. Berge wie die Saumspitze und die Faselfadspitze werden auf schmalen, teils ausgesetzten Pfaden erklommen und setzen im Gipfelbereich leichte Kraxelei voraus. Der markante Hausberg der Hütte, die Kuchenspitze, ist ausschließlich versierten und erfahrenen Kletterern vorbehalten. Wenig überraschend handelt es sich hierbei um die Lieblingstour von Hüttenwirt Andi, der den einsamen Gipfel mit seinen steilen Felswänden und dem scharfen Grat bereits unzählige Male bestiegen hat. „Ein wunderschöner Berg, der den anspruchsvollen Touren in den Westalpen in nichts nachsteht“, schwärmt er bei einem Blick hinter seine Hütte.

Überhaupt, trotz seines geselligen Charakters und dem Spaß am Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen, sind es die einsamen Momente, aus denen er seine Energie für die langen Arbeitstage im Hüttenalltag zieht. Am späten Vormittag, wenn die Wanderer zu ihren Touren aufgebrochen sind, die Teilnehmer der zahlreichen Kletterkurse sich in einem der sieben Klettergärten austoben und die E-Bikes noch Staub auf dem Fahrweg zur Hütte aufwirbeln, dann genießt Andi mit einem frisch aufgeschäumten Cappuccino die Ruhe auf der Terrasse. Er ist gewissermaßen hier oben aufgewachsen und es drängt sich die Frage auf, ob er sich nach 46 Jahren nicht irgendwann sattsieht an der Umgebung. „Hier ist meine Heimat, es ist mein magischer Platz“, entkräftet er diese Befürchtung. Ein Blick in sein zufriedenes Gesicht, das allzeit von einem schelmischen Lächeln geziert zu sein scheint, lässt nicht den geringsten Zweifel daran zu.

<p>Paradiesisches Wanderland: Hüttenzustieg vorbei am Kartellspeicher im Moostal.</p>

Paradiesisches Wanderland: Hüttenzustieg vorbei am Kartellspeicher im Moostal.

© Timm Humpfer

Därmstädter Hütte: Ein magischer Ort!

Könnte es auch an der Magie des Ortes liegen, dass Andi sämtliche Gäste beim Vornamen kennt und anspricht? „Das habe ich mir bei meinem Vater abgeschaut“, klärt er auf, und ergänzt: „Irgendwann kam dann der ,sportliche‘ Ehrgeiz dazu und ich habe das Ganze perfektioniert.“ Auf jeden Fall ist dieser familiäre Umgang ebenso auffällig wie das rhythmische Knarzen der alten Holztreppe, die unter jedem hinaufgehenden Gast unglaubliche Qualen zu leiden scheint. Es ist nicht gänzlich auszuschließen, dass hierfür die exquisiten Knödelvariationen verantwortlich sind. 

Einen beachtlichen Teil davon bereitet Andis Mutter Elfriede unten im Tal nach dem alten Familienrezept vor, bevor Logistik-Chefin Irene, seine Frau, dafür sorgt, dass sie die Darmstädter Hütte wohlbehalten erreichen. Und dann gibt es da noch die beiden „arbeitsintensiven“ Frauen, wie er seine Töchter liebevoll und scherzhaft nennt. Auf die Frage, ob Ida (10) oder Heidi (8) möglicherweise eines Tages die Hütte übernehmen könnten, antwortet Andi in Kaiser-Manier mit einem „Schau ma mal“. Es flackert also zumindest die Hoffnung, dass diese Hüttenwirtsdynastie noch lange nicht erlischt. ?

HÜTTENCHECK DARMSTÄDTER HÜTTE, 2384 m

  • KONTAKT Andreas Weiskopf, Tel. 43 699 15446314 (Hütte), alpenverein-darmstadt.de

  • GEÖFFNET Ende Juni bis Mitte September.

  • ZUSTIEG Vom Parkplatz an der Talstation der Rendlbahn über die Brücke und steil ­hinauf ins Moostal. Zunächst noch durch das Skigebiet, anschließend durch die Almlandschaft und vorbei an einer Jausensta­tion mit eigener Käserei weiter aufwärts. Ab dem türkisfarbenen Kartellspeicher führt ein schöner Fußweg geradewegs auf die beeindruckende Bergkulisse im Talschluss zu, in deren Mitte sich die Darmstädter Hütte befindet. Gehzeit 4:30 Std. (bei Nutzung der Rendlbahn 2:30 Std.).

  • SCHLAFEN 19 Schlafplätze in Zimmern, 50 Lagerplätze, Winterraum mit 8 Plätzen (im Sommer als Lager genutzt).

  • ESSEN Typische Hüttengerichte, mit viel Liebe zubereitet. Vor allem die Knödel­variationen sind ein Gedicht.

  • KOMFORT Aussichtsreiche Terrasse, urige Stube und erfrischende Dusche.

  • ÖKO-CHECK Versorgung Fahrstraße bis zur Hütte; Energie Wasserkraft-Turbine; Heizung Überschussstrom; Wasser Quelle – Speichersee – UV-Filteranlage; Abwasser 3-Kammer-System (Abtransport der Feststoffe ins Tal).

  • ALPIN-FAZIT Ein Ort zum Wohlfühlen! Wirt Andi lebt mit Leib und Seele für „seine“ Darmstädter Hütte, so wie es seine Familie bereits seit 70 Jahren tut!

<p>Träumen erlaubt! Der elegante Patteriol beim Abstieg ins Fasultal.</p>

Träumen erlaubt! Der elegante Patteriol beim Abstieg ins Fasultal.

© Timm Humpfer

Darmstädter Hütte, 2384 m – von St. Anton

Text von Timm Humpfer

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