Erlebnisbericht aus dem Basecamp

Manaslu: "Es lässt sich durchgehend wie ein Dackel an der Leine laufen"

Der Manaslu ist mit seinen 8.163 Metern der achthöchste Berg der Erde. Viele träumen von seiner Besteigung - und immer mehr Menschen wagen den Versuch. 404 Permits wurden für die Herbstsaison 2022 am Berg ausgegeben. Eine von ihnen: Marion Neumann. Die ambitionierte Hobby-Bergsteigerin stellte uns ihren persönlichen Erlebnisbericht aus dem Lager zur Verfügung, den wir hier mit euch teilen.

Marion Neumann berichtet über ihre Erlebnisse im Basecamp des achthöchsten Bergs der Erde.
© Marion Neumann

Neben Amateuren und zahlreichen (Höhen-)Touristen war auch der deutsche Höhenbergsteiger Ralf Dujmovits vor Ort, um den "True Summit", den wahren Gipfel des Manaslu, zu besteigen. Nach drei gescheiterten Gipfelversuchen und infolge mehrerer Lawinenunglücke brach der erfahrene Alpinist die Expedition ab. Mehr über Ralfs Einschätzung lest ihr hier.

Auch die ambitionierte Hobby-Bergsteigerin Marion Neumann hatte sich den Manaslu in der diesjährigen Herbst-Saison vorgenommen. Hier ihr ungeschminkter Erlebnis-Bericht.

Erlebnisbericht: Russisch Roulette am Manaslu und die Lawinen der Gedanken

Nach gut 100 km Fußmarsch durch trotzig nebeliges, verschneites und versoffenes Wetter und etlichen Höhenmetern kommen wir am 12.9.22 endlich im Basecamp auf 4800 m Höhe an. Wir thronen 200 Höhenmeter oberhalb und wundern uns, dass ein Basecamp solch städtische Züge und 5-Sterne-Hotel-Luxus haben kann. Weit über 1000 Zelte sind wie gelbe Farbklekse verteilt.

<p>Ankunft im Basecamp mit gigantischer Kulisse.</p>

Ankunft im Basecamp mit gigantischer Kulisse.

© Marion Neumann

Die Promidichte steht den Zürcher Filmfestspielen in nichts nach. Das gesammelte "Who is Who" der Elite- und Möchtegern Bergsteiger ist versammelt. Die dickeren Geldbeutel thronen bei Elite Exped, dort gibt es sogar Hussenstühle. Daneben thront ein ca. 10 m hohes Lounge-Zelt mit Liegesofas. Ob es nächstes Jahr einen Whirlpool gibt? Wir wundern uns.

"Der Duft des wagemutigen Abenteurers ist schon längst verflogen"

Unglaubliche 404 Permits wurden vergeben, über 7 km Fixseile verlegt, es lässt sich durchgehend wie ein Dackel an der Leine laufen – selbst an Stellen, die langweilig gerade und absolut absturzsicher sind. Der Duft des wagemutigen Abenteurers, der ins überwiegend ungesicherte Ungewisse steigt, ist schon längst verflogen. Heute reist man pauschal und vollkaskoversichert – was dann auch zur Folge hat, dass viele einfach nicht an diesen Berg gehören.

<p>Über 7 km Fixseile wurden am Manaslu heuer verlegt.</p>

Über 7 km Fixseile wurden am Manaslu heuer verlegt.

© Marion Neumann

Da gibt es Novizen, die erstmals an einem 8000er Steigeisen anprobieren, und sich deshalb eben mal Warteschlangen von 100 Menschen bilden können. Egoismus um jeden Preis. Frieren sich die anderen halt die Zehen ab, während man selbst wie ein Volltrottel am Seil entlang torkelt – in Zeitlupe natürlich. Für mehr reicht das Bewegungsrepertoire nicht, aber mit der Helmkamera sieht das dann hübsch dramatisch aus. Mich hat das immer zum Lachen gebracht, diese Kameras über diesen untalentierten Füßen.

"Drei Lawinen in einer Woche – in Camp 3 stand der nächste Tross in den Startschuhen"

Wir stellen zum Glück schnell fest, dass es am Berg sowas wie Rush Hour gibt. Im kalten Morgengrauen ist es wunderbar einsam, denn der geneigte Pauschaltourist steht nicht vor dem Morgengrauen auf. In dieser weiten epischen Landschaft zu stehen, ist mit Worten nicht zu beschreiben, es sei denn man beherrscht die Poesie. Wir sind so winzig und vergänglich, der Berg so groß und kraftvoll. Wie eine Mücke gegen einen Elefanten. 3 Lawinen sind während einer Woche abgegangen, die NZZ titelte dann auch gleich "Russisch Roulette am Manaslu".

Auch sonst gibt es ganz, ganz viele dramatische Erlebnis- und Heldenberichte, wo aus vielen Mücken ganze Elefantenherden gemacht werden. Der böse Berg, der. Wir sind rechtzeitig zurückgekehrt in sichere Gefilde, das Wetter war uns zu heikel. Zu windig, zu viel Schnee, zu riskante Spuranlage und zuviel Massentourismus. Wenn es in einer Nacht fast einen Meter Neuschnee gibt plus Wind, warum muss man dann am Tag danach ins Camp 4 hochstolpern? Einige ganz besonders Eilige haben dann leider die Quittung bekommen und teuer bezahlt. Doch kaum war die erste Lawine mit 12 Verletzten und 1 Toten abgegangen, mussten die Sherpas die Fixseile schon wieder ausbuddeln, in Camp 3 stand schon wieder der nächste Tross in den Startschuhen.

"Der Druck auf die Sherpas ist groß, die Ansprüche einiger Gäste absolut unhaltbar"

Der Druck auf die Sherpas ist groß, die Ansprüche einiger Gäste absolut unhaltbar. Trotzdem schreibt die NZZ, dass die nepalesischen Agenturen die Gäste gefährden; dass die Gäste die Sherpas mit irrsinnigen Vorstellungen und Null Ahnung von Berg in Lebensgefahr bringen, wird nicht erwähnt. Wir hatten in unserer Gruppe auch so ein Exemplar. Der musste nach 6 Nächten in Camp 3 mehr oder weniger runtergeprügelt werden. Er hat sich verweigert, abzusteigen. Am Abstiegstag gab es dann wieder eine Lawine, wieder Tod und Leid. 

<p>Bizarr-schöne Eislandschaften gibt es am Manaslu zu bestaunen – bei stabilem Wetter und sicheren Bedingungen.</p>

Bizarr-schöne Eislandschaften gibt es am Manaslu zu bestaunen – bei stabilem Wetter und sicheren Bedingungen.

© Marion Neumann

Und während der Heli durchgehend über die Tage Rettungseinsätze geflogen ist, ständig Leute von den höheren Camps ausgeflogen hat, lief unten der Tross ununterbrochen hoch zu den höheren Camps. Ein schizophrener Kreislauf. Hochrunterhochrunter ... Es wurden nicht nur Verletzte geborgen. Der Rettungshubschrauber hat zwischendurch auch Taxi gespielt für die Menschen, denen es am Rande der Komfortzone zu sehr geknirscht und gefröstelt hat, und die dann doch lieber in die Karibik wollten. Und die Versicherung zahlt ja.

Die Reise wird als Expedition ausgeschrieben, also als eine Reise in unbekannte Gefilde – innen wie außen. Wenn ich solch eine Reise buche, heißt es nicht auch, Konsequenzen für das Tun zu tragen, solange es keine Notlage gibt? Nein, wir leben an den hohen Bergen in Zeiten von maximalem Spaß, aber bitte auch maximale Vollkaskoversicherung.



Manaslu 2022: "Der Wetterbericht und das Wetter hatten wohl eine Beziehungskrise"

Aber kann man das wirklich in Dollar kaufen? Scheinbar ja. Die Manaslu-Expedition kostet ab 6000 Dollar, wenn man Hochlager selber baut und ohne Sherpa und Sauerstoff geht (Bergsteiger der alten Garde). Ein Gros der Veranstalter berechnet zwischen 10.000 - 25.000 Dollar, mit Sherpa und einer Normalportion Sauerstoff (das ist die Kategorie Hobbybergsteiger so wie ich). Und wenn man mit Nims gehen möchte, zahlt man halt 150.000 Dollar. Dafür darf man sich in seinem Promiglanz mitsonnen.

<p>Das Wetter am Manaslu machte diese Saison, was es will. Einige sonnige Tage waren wohl auch dabei.</p>

Das Wetter am Manaslu machte diese Saison, was es will. Einige sonnige Tage waren wohl auch dabei.

© Marion Neumann

Nur das Wetter, das schert sich nicht, das macht einfach was es will. Und der Wetterbericht und das Wetter hatten wohl eine Beziehungskrise. Da wusste der eine nicht, was der andere macht. Und doch, ich würde es wieder machen, die Qualen der Unsicherheit aushalten, die Angst um den Partner, das Höhenkopfweh, die harten Schlafmatten, der Wind, der zu stark um die Ohren pfeift, das tägliche Leiden.

Die Komfortzone ganz weit ausgedehnt, ganz viel Platz zu allen Seiten und diese Bilder, diese Sonnenaufgänge, diese Sonnenuntergänge, die Gemeinschaft unseres 10-köpfigen internationalen Bergler-Dreamteams (abzüglich dem einem Vollidioten). Aber ich würde mir einen Berg suchen, der einsamer ist, der technisch so anspruchsvoll ist bzw. so ungesichert, dass er den Bergsteigern und Abenteurern vorbehalten sein darf. Dann muss ich mich nur über mich selbst ärgern. :-)

Annm. d. Red. Dieser Text stammt aus der Feder von Marion Neumann. Bis auf orthografische Berichtigungen ist am Text nichts verändert.

Die wichtigsten Infos zu den höchsten Bergen der Erde findet ihr in unserer Fotogalerie 14 Achttausender.

Text von Marion Neumann

3 Kommentare

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joli

Natürlich wäre es toll einen Berg wie diesen zu besteigen. Allerdings muss man immer realistisch sein. Viele Stellen sich dies nicht schwer vor und denken, sie könnten es. Aber dem ist nicht so. Es fordert einiges an Erfahrung und Training um dies zu bewältigen. Es ist schade für die, die sich wirklich auf den Anstieg vorbereitet haben, da sie quasi durch die Anfänger, die denken sie könnten alles, gehindert werden.
Ich finde es beeindruckend wie ehrlich und gleichzeitig humorvoll der Bericht geschrieben wurde. Das zeigt einem wie es eigentlich hinter Allem aussieht.

Matz auf unserer Facebook-Seite

Ist es denn ein Wunder, dass es Menschen gibt, die denken, das wäre easy, da hochzusteigen? Die „berühmteren“ Sherpas haben alle einen professionellen Insta-Account mit Hunderttausenden, ja bis zu 10Mio Followern, egal ob sie Mingma, Nimsdai, Lakpa oder wie auch immer heißen. Und was wird dort gepostet? Bilder & Videos aus dem spannenden Basecamp, idyllische Sonnenuntergänge in C1, wahlweise auch C3, und zum Finale die romantischen letzten Schritte zum verschneiten Gipfel mit dem Rundblick über die Welt. Nix von Qual, nix von Training, nix von auf 6.500m in nen Eimer kacken, nix von der Gefahr des Todes, nix von Anstrengung oder Mindestanforderungen, die längst überfällig sind, aber nie durchsetzbar sind, weil es dann doch einfach nur ums Geld geht. Man dreht sich hier im Kreis. Die Jungs und ihre Agenturen wollen die Touristen. Und die Touristen wollen das Besondere Erlebnis in Zeiten, wo es vermeintlich sonst kaum noch Highlights im Leben gibt. Beide Seiten sind Schuld an den Dramen, die sich da abspielen.

Joachim

Toller Bericht, der unglaublich ehrlich rüberkommt aber auch einen herrlichen Humor hat. Ich würde wegen dieser Umstände auch nie einen solchen Berg besteigen wollen. Lieber dann einen Sechs- oder Siebentausender, den man ehrlich aus eigener Kraft und ohne diese Luxuszutaten begeht. Und vor allem ohne diese Massen. Das am Manaslu hat ja wirklich nichts mehr mit dem "echten" Bergsteigen zu tun, sondern ist im Prinzip Pauschaltourismus auf den höchsten Flecken der Erde.