Seit einer Dekade berichtet ALPIN-Kolumnist Tom Dauer "von draußen". Für uns hat der Autor, Filmemacher und Alpinist im Fotoarchiv gewühlt.

"Heute weiß ich, dass die 120 Texte, die ich bisher für ALPIN geschrieben habe, 120 Liebesbriefe waren - gewidmet einer Welt, die mich seit meiner Jugend immer wieder verführt und berührt hat", schreibt Tom Dauer in der aktuellen Oktober-Ausgabe von ALPIN.

Für alpin.de lässt er die vergangenen zehn Jahre Revue passieren - in zehn ausgewählten Bildern:

Und als besonderes "Schmankerl" hier noch einmal Tom Dauers allererste Kolumne für ALPIN zum Nachlesen. Erschienen im Oktoberheft 2006 unter dem Titel "eigentlich". 

Keine Ahnung, wie oft ich den Satz schon gehört habe. Kürzlich erst fiel er auf einem Symposium mit dem Titel "Klettern! Wohin geht die Reise?", das der Trägerverein der Münchner Sektionen für die DAV-Kletterhalle Thalkirchen organisiert hatte. 

"Am liebsten", sagte einer der Diskutanten, "klettere ich im brüchigem Karwendelfels. Weil ich älter bin und weil ich Familie habe und weniger Zeit als früher , gehe ich ab und zu nach drinnen." Und dann kam der Satz: "Eigentlich klettere ich aber nicht in der Halle."

Mit Verlaub, das ist Banane. Oder kann jemand in der Halle sein und "eigentlich" woanders? Ich will ja nicht wortklauberisch wirken. Aber es ist so: Wer "eigentlich" sagt, erzählt dies und meint jenes, spricht hü und denkt hott. 

Ui, wie tief könnte man graben im Psychologisch-Spekulativen, wie unerbittlich könnte man nagen an alpinistischen Grundfesten, wollte man das Phänomen des Eigentlich-bin-ich-ein-Alpinist zu ergründen versuchen. Will ich aber nicht, denn ich habe keine Lust im Bedeutungsmatsch des Eigentlichen herumzustochern.

Ein Stück aus dem ALPIN-Archiv: Die erste Kolumne von Tom Dauer aus dem  Jahr 2006.

| © www.alpin.de

Es müffelt darin zu stark nach Heldenquark und Traditionalismuskäse. Das liegt daran, dass die Eigentlichen gerne etwas Besseres wären, anders als die anderen. Weshalb es ihnen auch nicht recht wäre, wenn all die Hallenkletterer mit einem Mal an den Felsen gingen. Die nämlich wollen sie für sich behalten.

Man könnte das ignorieren, hätte das Symposium nicht deutlich gemacht, dass die Eigentlichen mit dem DAV einen Verband haben, der ihre Dialektikt im großen Stil vertritt. Der DAV nämlich ist Deutschlands größter Hallenbetreiber und als "führender Alpinismusverband" für die Aus- und Weiterbildung der Kletterer verantwortlich.

Eigentlich willer das aber gar nicht sein. Denn wie unser Eigentlich-bin-ich-kein-Hallenkletterer-eigentlich-bin-ich-ein-Alpinist fürchtet auch der DAV die Menschen, die aus den Kletterhallen in die Natur strömen und den Klettersport ob ihrer Masse in Misskredit bringen könnten.

Der DAV kämpft damit gegen ein selbst geschaffenes Problem: Unberührte Felsen haben und zugleich viele Menschen zum Kletterer machen zu wollen, ist ein Widerspruch. Und so geht der DAV dem illusorischen Charakter des Eigentlichen in die Falle.

Es wäre besser, Kletterer und DAV würden sich entscheiden. Für das Klettern, ob in der Halle oder draußen, in der Gruppe oder alleine, mit oder ohne Bohrhaken, Plaisir oder Abenteuer. Gegen den Neid, gegen die Eitelkeit, gegen das Dogma. 

Wir der athenische Staatsmann Perikles vor 2500 Jahren sagte: "zum Glück brauchst du Freiheit. Zur Freiheit brauchst du Mut." Und den gibt es nur ganz, nicht eigentlich.

Auf die nächsten zehn Jahre, Tom!

PS: Wer mehr von Tom lesen will, dem sei seine Facebook-Seite empfohlen. Hier berichtet der 47-Jährige über seine aktuellen Projekte.