Alix von Melle und ihr Partner Luis Stitzinger sind das zweite Mal nach 2010 am Makalu gescheitert. Grund, den Gipfelversuch auf etwa 8.000 Metern Höhe abzubrechen, war ein Lungenödem bei Alix von Melle. Wir haben dem Bergsteiger-Paar nach seiner Rückkehr ein paar Fragen gestellt. Lesen Sie, wie es Alix und Luis gerade geht und wie sie mit der lebensgefährlichen Situation am Makalu umgegangen sind.

Erfahrener Höhenbergsteiger: Luis Stitzinger.

alpin.de: Seit wann seid Ihr wieder zuhause? Seid Ihr schon wieder in einer Art "Alltags-Modus" oder noch physisch wie psychisch zu sehr geplättet von den Anstrengungen der Expedition? Wie regeneriert ihr nach so einer abenteuerlichen Tortur?

Wir sind am Wochenende nach Hause gekommen. Nachdem wir unsere Flüge in Kathmandu umgebucht hatten, wurde es dann nochmals hektisch und mit dem Kopf sind wir noch nicht so ganz angekommen. Der lange Höhenaufenthalt macht sich natürlich auch körperlich bemerkbar, mit 10% Körpergewichtsabnahme muss man da schon rechnen. Nach einer Expedition ist man dann schon ein, zwei Wochen lang erschöpft und es dauert einige Zeit, bis man wieder Lust auf sportliche Betätigung bekommt. Die Zeit muss man seinem Körper dann aber auch zugestehen. Wir fangen dann meist mit lockerem Radfahren und Laufen wieder an, bis der Impuls für intensivere Belastungen ganz natürlich von innen heraus kommt. Hier geht es zur Meldung über den Abbruch der Expedition auf alpin.de. alpin.de: Alix, in Eurer Pressemeldung heißt es, Dein Gesundheitszustand sei "stabil". Wie geht es Dir? Bist Du wieder ganz hergestellt?

Nachdem sich meine Atmung auch nach dem Abklingen des akuten Höhenlungenödems im Basislager (5700 m) nicht normalisierte und ich nach wie vor große Schmerzen im Brustkorbbereich hatte, traf ich die Entscheidung, mich zur Behandlung in einer Klinik ausfliegen zu lassen. Dies passierte zeitgleich mit der Evakuierung des gesamten Basislagers, das nach mehreren Tagen schlechten Wetters und 1,5 Meter Neuschnee fluchtartig von allen Bergsteigern per Helikopter verlassen wurde. Ich kann mich nur herzlich bei einigen der Bergsteiger (v.a. Lakpa Sherpa und Chris Warner) bedanken, die mir selbstlos ihren Flugplatz auf einer der früheren Maschinen angeboten hatten, damit ich zur Behandlung ausfliegen konnte. Obwohl sie damit riskierten, selbst an dem Tag nicht mehr fliegen zu können. Nach einer ersten Behandlung in Nepal habe ich mittlerweile einen Spezialisten in München aufgesucht und muss noch immer diverse Medikamente nehmen. Ich bin auch krank geschrieben und gebe meinem Körper jetzt viel Zeit und Ruhe, wieder ganz gesund zu werden.

Klicken Sie sich durch die Slideshow der Makalu-Expedition 2014 von Alix von Melle und Luis Stitzinger.

alpin.de: Wie gefährlich war die Situation denn? Konnte Alix noch kontrolliert absteigen?

Ein Lungenödem ist immer eine ernste, lebensbedrohliche Sache. Zum Glück hatten wir die Anzeichen rechtzeitig bemerkt und ohne zu Zaudern eine Entscheidung getroffen. Es ist nicht leicht, so nahe am Ziel, frei von übertriebenem Ehrgeiz, zu entscheiden aufzugeben. Gerade, wenn es schon das zweite Mal ist. Nur so schafften wir es aber, aus eigener Kraft wieder bis zum letzten Hochlager, Camp 4 auf 7600 m, abzusteigen. Das war aber dann auch schon das Äußerste. Danach machte sich die Schwächung durch das Ödem so richtig bei Alix bemerkbar und sie konnte trotz Medikamenteneinnahme nur noch mit hochgelagertem Oberkörper ruhen. Für den weiteren Abstieg musste Alix dann künstlichen Sauerstoff atmen, um das Basislager ohne fremde Hilfe erreichen zu können. Eine Rettungsaktion in diesen Höhenlagen ist immer ein Grenzgang, dessen Ausgang ungewiss ist. Mit letzter Kraft erreichte Alix gegen 22.00 Uhr das Basislager (5700 m) und ihr blieb dieses Schicksal erspart.

Gipfel verpasst, Leben gerettet: Alix von Melle.

alpin.de: Ihr habt Euch an der Besteigung ohne Zuhilfenahme künstlichen Sauerstoffs versucht. Würdet Ihr diese Entscheidung wieder so treffen?

Auf jeden Fall! Wir haben bisher alle unsere Achttausendergipfel (6 erfolgreiche Gipfelbesteigungen, Versuche an 3 weiteren Bergen) ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff bestiegen. Das gebietet sich schon aus sportlichen Gründen. Künstlicher Sauerstoff, persönlicher Climbing Sherpa, betreutes Wohnen - wie das meist bei großen kommerziellen Expeditionen abläuft, ist uns fremd und nicht unser Stil. Aber zum Glück ist das Expeditionsbergsteigen ein freier Sport und jeder kann für sich selbst entscheiden, wie er unterwegs sein will. Eine Besteigung ohne Sauerstoff mag einem Außenstehenden vielleicht riskant erscheinen, gerade wenn es dann zu Folgen wie einem Lungenödem kommt. Tatsächlich ist in der Regel aber eher Gegenteiliges der Fall. Zu oft haben wir schon erlebt, wie die Logistikkette bei Sauerstoffverwendern versagte und die Leute im entscheidenden Moment ohne das dann lebensnotwendige Gas dastanden. Oder Aspiranten ihre konditionellen Schwächen mit Sauerstoff kaschierten und dann die letzten Kräfte in einer Höhe verbraucht waren, in denen ihnen niemand mehr helfen konnte. Wenn man sich nur auf sich selbst und seine natürlichen Ressourcen verlässt, wird man nicht so schnell im Stich gelassen. Wenn man seinem Körper Gelegenheit gibt, sich an die Höhe anzupassen, lernt dieser auch mit dem Wenigen auszukommen, das es da noch gibt. Im Gegenzug sind sämtliche Alarmsignale, die der Organismus aussendet, ungetrübt und wer ein Ohr dafür hat, wird eine gefährliche Trennlinie nicht überschreiten.

alpin.de: Es war nun nach 2010 das zweite Mal, dass Ihr am Makalu wart und ohne Gipfelerfolg heimkehren musstet. Denkt Ihr Euch "Jetzt erst recht" oder kann Euch der Berg vorerst gestohlen bleiben? Oder gar die Bergsteigerei insgesamt?

Anscheinend ist der Makalu unser persönlicher Schicksalsberg, nicht der Nanga Parbat ("Schicksalsberg der Deutschen", dessen Besteigung bei uns ja sehr flott von der Hand ging). Nachdem wir gar nicht wissen, ob wir denn wirklich alle 14 Achttausender besteigen wollen, kann der nächste Besuch am Makalu ruhig noch etwas warten. Gestorben ist der Makalu für uns jedoch nicht - wir halten ihn nach wie vor für einen sehr schönen und interessanten Berg. Dass wir uns an ihm schwer tun, dafür kann der Berg ja nichts. Es gibt aber noch so viele Berge, die wir nicht kennen, die sind jetzt erst einmal vorher dran, glauben wir. Andererseits braucht man ja auch seine Herausforderungen. Und aller guten Dinge sind drei, sagt man doch?! Hier geht es zur Meldung über den Abbruch der Expedition auf alpin.de.

Der genaue Verlauf der Expedition kann im Expeditionstagebuch auf www.goclimbamountain.de zusammen mit vielen Bildern der Unternehmung nachgelesen werden.