Kolumne "Ehrlich gesagt" | Ausgabe 21 zum Thema #aussehenistalles

Erika Dürr: "Oberflächlichkeit hält auch im Bergsport Einzug"

Erika Dürr ist Autorin, Bloggerin, Podcasterin ... und unsere ALPIN-Kolumnistin! Im Wechselspiel mit unserem zweiten Kolumnisten, David Göttler, dem Bergführer und einem der erfolgreichsten Höhenbergsteiger Deutschlands, bespricht sie aktuelle Themen des Bergsports. In der 21. Ausgabe von "Ehrlich gesagt ..." beschäftigen sich die beiden mit dem Thema Oberflächlichkeit im Bergsport.

Erika Dürr: "Oberflächlichkeit hält auch im Bergsport Einzug."
© ALPIN - Leben für die Berge

Erikas Meinung über Oberflächlichkeit im Bergsport

Ehrlich gesagt …?blicke ich ab und zu traurig auf die Menschen, die in die ­Berge gehen. Natürlich sind darunter auch noch echte Alpinisten: Jene, die mit Demut, Erfahrung und Können unterwegs sind, sich flink und sicher zu bewegen wissen, bedacht ihre Touren planen und intuitiv die Natur lesen können. 

Für sie steht der Tanz zwischen Können und Anforderung im Vordergrund. Das Erlebnis wird für sie oft erst reizvoll, wenn ein gewisses Maß an Überwindung und Schinderei dabei ist. Auch diese „echten“ Bergmenschen sind nicht gefeit vor Fehlern – jedes Jahr fehlt ein paar von ihnen jenes Quäntchen Glück, das trotz aller Erfahrung nötig ist.

<p>Erika Dürr (p)lauscht gerne zu Berg­sport-Themen. Und hat als Podcasterin und Bloggerin ihre eigene Meinung zum Thema Oberflächlichkeit im Bergsport. </p>

Erika Dürr (p)lauscht gerne zu Berg­sport-Themen. Und hat als Podcasterin und Bloggerin ihre eigene Meinung zum Thema Oberflächlichkeit im Bergsport. 

© Erika Dürr

Ihnen gegenüber steht die zunehmende Menge derer, die nur vordergründig auf der feinen Linie zwischen Können und Anforderung tanzen. Entweder, weil sie gar keine Ahnung davon haben, wo ihr Können liegt, oder aber grobe Fehler bei der Einschätzung von Tour oder aktuellen Bedingungen machen. Da hilft dann auch die neueste Ausrüstung nichts! 

So viel diese Bergbegeisterten auf der einen Seite an Angst zu haben scheinen (sieht man an seltenen Wiederholungen sehr klassischer Routen), haben sie wohl auf der anderen Seite komplett verloren: Geduld sowie Demut vor Natur, Risiko und Sterblichkeit. Kürzlich hatte ich mit einer Marketingexpertin gesprochen, die genau diesen Spagat meistern muss: 

Einerseits ihre Vorstellung von „echtem“ Alpinismus und andererseits eine Szene, die immer oberflächlicher wird und immer mehr den Fokus legt auf Optik und Auftreten. „Shop the look“ – was man von der Modebranche kennen mag, hält auch im Bergsport Einzug: Es geht nicht mehr groß um die Funktion. Stattdessen kauft man das Aussehen und geht idealerweise jährlich mit dem Trend!

<p>"Ich würde mir wünschen, die Berg­szene käme wieder ein wenig weg vom Oberflächlichen und hin zu echtem Können, zu Demut und Geduld.", wünscht sich Erika Dürr. </p>

"Ich würde mir wünschen, die Berg­szene käme wieder ein wenig weg vom Oberflächlichen und hin zu echtem Können, zu Demut und Geduld.", wünscht sich Erika Dürr. 

© Adobe Firefly

Der krasse Gegensatz dazu ist Manni Sturm, mit dem ich kürzlich in meinem Podcast sprach. Er war 1962 Mitglied der Expedition zum Nanga Parbat – im Baumwollhemd, riesigen Überhosen und schweren Lederschuhen. Die Optik war ihm freilich egal: Es ging um den Berg, das Können und vor allem um die Kameradschaft. Um Hingabe. Diese Werte haben sich verschoben, genauso wie in der gesamten Gesellschaft – leider!

Ich würde mir wünschen, die Berg­szene käme wieder ein wenig weg vom Oberflächlichen, weg vom hochfrequenten Konsumieren, weg von multimedialer Live-Dokumentation und würde sich wieder mehr hinwenden zu echtem Können, zu Demut und Geduld im Fortschritt. Ein unrealistischer Traum, David?

Davids Meinung zum Thema Oberflächlichkeit im Bergsport

Ehrlich gesagt ... ist dein Traum meines Erachtens leider nicht nur unrealistisch, sondern auch verklärend. Warum? Weil er das Gefühl transportiert, früher sei alles besser gewesen. In Bilder, Büchern und Erzählungen von Bergsteigerinnen gleich welcher Generation taucht dieses Motiv immer wieder auf. 

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Text von Erika Dürr und David Göttler

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