Kolumne "Ehrlich gesagt" | Ausgabe 10 zum Thema #mehrtransparenz

David Göttler: "Nur mit Transparenz und Ehrlichkeit verschaffen wir uns Respekt"

David Göttler ist Bergführer, einer der erfolgreichsten Höhenbergsteiger Deutschlands ... und ALPIN-Kolumnist! Im Wechselspiel mit unserer zweiten Autorin, der Bloggerin und Podcasterin Erika Dürr, bespricht er aktuelle Themen des Bergsports. In der zehnten Ausgabe von "Ehrlich gesagt ..." beschäftigen sich die beiden mit dem Thema Transparenz im Bergsport.

David Göttler: "Nur mit Transparenz und Ehrlichkeit verschaffen wir uns Respekt."
© ALPIN - Leben für die Berge

David Göttler über Transparenz und Ehrlichkeit am Berg

Ehlrich gesagt... kenne ich vermutlich eure Reaktion zu dieser Schlagzeile: „22-jähriger YouTube-Superstar besteigt den ­Mount Everest mit Flaschen-Sauerstoff, Bergführer und Sherpas. Die dazugehörige Doku bricht alle Rekorde!“ Na? Wie sieht eure Reaktion aus? Kopfschütteln?

<p>Profi-Bergsteiger und Bergführer Daavid Göttler - unser ALPIN-Kolumnist.</p>

Profi-Bergsteiger und Bergführer Daavid Göttler - unser ALPIN-Kolumnist.

© The North Face

Diese Geschichte ist allerdings weitaus vielschichtiger. Begonnen hat sie in Frankreich. Inoxtag, so der Name des YouTubers, stammt aus der Online-­Gaming-Szene. Eine Welt, die mir so fremd ist wie dem Yeti die Karibik. Inoxtag hat dort mehrere Millionen Follower aktiviert. Meist sehr junge und computeraffine Menschen, die sich sicher erstmal nicht für Berge interessieren.

Obwohl seine Doku über die Everest-Aktion im Stil nicht meinen Geschmack trifft, kann ich den Inhalt nur gutheißen! Weil er mit seiner Besteigung einiges in Frankreich bewirkt hat und ein gutes Beispiel ist. Mit seiner ­ehrlichen, wenn auch manchmal lauten Art gelang es ihm, Jugendliche von den Bildschirmen und Handys wegzuholen.

Freunde erzählten mir, dass ihre Kids plötzlich Bergsteigen wollen, weil Inoxtag das ja auch mache. Ehemals sportfaule Teenager wollen plötzlich in die Kletterhalle gehen oder draußen wandern. Haben wir uns nicht immer gewünscht, andere – vor allem Kinder – für die Natur zu begeistern?

<p>Egal, ob beim Höhenbergsteigen oder beim Klettern: der Stil macht einen gewaltigen Unterschied und sollte daher offen kommuniziert werden.</p>

Egal, ob beim Höhenbergsteigen oder beim Klettern: der Stil macht einen gewaltigen Unterschied und sollte daher offen kommuniziert werden.

© Adobe Firefly

Aber fast noch wichtiger: Inoxtag erzählte es nicht nur so, dass ihn die Jugendlichen verstanden, sondern auch so gnadenlos ehrlich, wie ich mir das bei manch anderen wünschen würde, die sich vermarkten. Inoxtag zeigt in seinem Film den Respekt vor den Bergen, versteckt seine Sauerstoffmaske nicht, bedankt sich am Gipfel bei den Sherpas und ordnet seine Leistung ganz klar ein:

„Vielen Dank an euch alle! Ohne die Sherpas wären wir nicht hier, hätten es nie geschafft! Am Ende habe ich es mit Sauerstoff gemacht, aber es gibt diejenigen, die es ohne Sauerstoff machen. Wir sollten alle Projekte machen, wir ­müssen aufhören hinter den Bildschirmen zu sein, zu scrollen und indirekt zu leben. Geh raus!“

<p>Gute Vorbilder können einen sehr positiven Einfluss haben - <br>vor allem auf Kinder und Jugendliche.</p>

Gute Vorbilder können einen sehr positiven Einfluss haben -
vor allem auf Kinder und Jugendliche.

© Adobe Firefly

Dabei trägt er eine Sauerstoffmaske, schluchzt und ist glücklich. Zu oft sehe ich wie am Gipfel die Maske versteckt und die Leistung der Sherpas nicht erwähnt wird. Bei Inoxtag war es von Anfang an klar. Stil, Hilfsmittel und das Drumherum kann und darf sich jeder beim Bergsteigen aussuchen, wie er will. Denn es gibt kein Regelbuch. Doch nur wenn wir alle diese Transparenz und Ehrlichkeit zelebrieren, verschaffen wir uns dauerhaft den Respekt inner- und außerhalb der Bergsteiger-Gemeinschaft. Darum gratuliere ich Inoxtag zu seiner Leistung aus vollem Herzen und danke für die Begeisterung der Jugendlichen für die Natur! Und, was denkst Du zum Thema Transparenz und Ehrlichkeit, Erika?

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1 Kommentar

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LangerHeinz

Nur weil Vieles scheinbar gut dargestellt - muss Mann diese Aktion trotzdem nicht für unterstützenswert halten. Dadurch wird der Wunsch auf weltweites Erobern noch zunehmen - egal mit welchen Mitteln - der Massentourismus und das Einfallen von Menschenmassen weiter deutlich zunehmen. Ja die Bergsportindustrie lebt davon und damit direkt oder indirekt auch David Göttler und Erika Dürr. Wollt Ihr jetzt diesen Hype noch unterstützen? So funktioniert heute Marketing und irgendwann sagen sich Viel zu Viele - in einigen Dingen haben ja Demokratie-Feinde recht - ja die wählen wir. David und Erika werden so zu ihren eigenen Opfern. Berg frei Heinz Buchmann