Er war der Letzte, der von der vierköpfigen Seilschaft übrig geblieben war, die im Jahre 1938 erstmals die Eiger Nordwand bezwingen konnte. Nun ist auch er nicht mehr unter den Lebenden. Heinrich Harrer ist am Samstag im Alter von 93 Jahren im Krankenhaus in Friesach (Kärnten) verstorben.

Er habe "mit großer Ruhe seine letzte Expedition angetreten" teilte Harrers Familie mit. "Mit Harrer verliert der Alpinismus eine große und prägende Persönlichkeit", sagte der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Am kommenden Samstag soll der 1912 geborene Harrer in seiner Heimatgemeinde Hüttenberg in Kärnten zu Grabe getragen werden.

1936 nahm Harrer bei den Olympischen Spielen in der Abfahrt und im Slalom teil. Spätestens mit der Erstbesteigung der Eiger Nordwand wurde der österreichische Alpinist weltberühmt. Die Glanzleistung gelang 1938 in einer Vierer-Seilschaft zusammen mit Ludwig Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek. Alle anderen Erstbesteiger sind bereits früher verstorben, zuletzt "Anderl" Heckmair im vergangenen Jahr.

Der Erfolg am Eiger wurde von Hitler-Deutschland propagandistisch ausgewertet. Harrer sah sich dem Vorwurf einer zu großen Nähe zu den Nationalsozialisten ausgesetzt. Die Vorwürfe bekamen neue Nahrung, als bekannt wurde, dass Harrer nicht nur NSDAP-Mitglied sondern auch in der SS gewesen war. Er selbst beteuerte allzeit, er sei diesen Organisationen zwar aus opportunistischen Gründen beigetreten, hätte mit der menschenverachtenden Ideologie der Nazis aber zu keinem Zeitpunkt sympathisiert. "Ich habe ein reines Gewissen", hatte Harrer allzeit und für die meisten glaubhaft versichert.

Die Erstbesteiger der Eiger Nordwand: Heinrich Harrer, Ludwig Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (v.l.n.r.)
Die Erstbesteiger der Eiger Nordwand: Heinrich Harrer, Ludwig Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (v.l.n.r.)

1996 wurde Harrers Leben in dem Hollywood-Film "Sieben Jahre in Tibet" verfilmt. Die alpinistische Glanzleistung an der Eiger Norwand spielte in dem Streifen mit Brad Pitt allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Thematisiert wurde vor allem Harrers Zeit in Tibet. 1939 war er im Rahmen einer Nanga-Parbat-Expedition kurz nach Ausbruch des Krieges von englischen Truppen in Indien gefangen genommen worden. Gemeinsam mit Peter Aufschnaiter gelang ihm 1944 die Flucht. Zu Fuß schlugen die beiden sich innerhalb von zwei Jahren über eine Strecke von 2000 Kilometern nach Lhasa durch. Dort stieg Harrer bald zum Berater und Lehrer des jugendlichen Dalai Lama auf (1946-1951).

In den Jahren nach seiner Rückkunft aus Tibet, bereiste Harrer im Rahmen vieler Expeditionen entlegene Winkel und Länder dieser Welt, schrieb Bücher und drehte Dokumentarfilme. 1962 gelang ihm die Erstbesteigung der Carstensz-Pyramide (4.884 m), die als höchster Berg Australien/Ozenaniens einer der Seven Summits ist.

Die aus der gemeinsamen Zeit in Lhasa entstandene enge Freundschaft zwische Harrer und dem Dalai Lama hielt bis zuletzt an. Und wird weiter Bestand haben.