ALPIN Redakteur Robert Demmel berichtet von seinem schönsten Tourenerlebnis am Hocharn.

Es gibt Tage im Leben, da stimmt einfach alles. Einen solchen durfte ich vor einigen Jahren im Talschluss von Kolm-Saigurn in den östlichen Hohen Tauern erleben: knapp 20 Zentimeter frisch und ohne Wind gefallener Pulver und ein klirrend kalter wolkenloser Februarmorgen.

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Zusammen mit zwei Freunden war ich noch in sternenfunkelnder Nacht um einiges vor dem Morgengrauen am Bodenhaus im hintersten Rauriser Tal aufgebrochen. Unser Ziel war der Hocharn. Die Tour ist lang vom Bodenhaus, aber wir mussten sie mit niemandem teilen. Das Gros der Skitourengeher kommt erst zwischen März und Mai zum Hocharn, wenn die Mautstraße zum Parkplatz Lenzanger schon geöffnet ist und somit die Anstiege auf die zahlreichen Gipfel rund um Kolm-Saigurn um etwa eine Stunde verkürzt.

Im Morgengrauen erreichten wir damals die Grieswies, das letzte Flachstück unter den Flanken des Hocharn. Unter der Nordwand des Sonnblick kitzelten uns die ersten Strahlen der Morgensonne. Welch eine Wohltat. Vor uns lag die riesige Südostflanke des Hocharn – ohne jegliche Spur. Ein Traumtag!

Hocharn

Eine Spur wie ein Gemälde: Tourengehen am Hocharn.

| © Raffalt, Scheer
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Im Talschluss von Kolm Saigurn ist der Hocharn bei Weitem der höchste Gipfel, doch locken ringsum durchaus elegantere Gipfel wie Sonnblick oder Alteck. Und blickt man aus der Ferne, etwa vom Hochkönig, auf die östlichen Tauern, dann fällt der Hocharn mit seiner etwas behäbigen und eher rundlichen Erscheinung gar nicht so sehr auf.

Hocharn

Das steile Gelände des Hocharn ist nichts für Skitouren-Neulinge.

| © Raffalt, Scheer

Dennoch ist er wie geschaffen für Skitourengeher, zieht doch seine breite Südostflanke ohne jedes Flachstück direkt empor zum höchsten Punkt. Selbst wenn an schönen Frühlingstagen 100 Tourengeher oder mehr seinem Gipfelentgegenziehen, findet in der Abfahrt meist jeder seinen Platz für eine individuelle Spur.

Vor diesen unvergleichlichen Abfahrtsspaß haben die Berggötter allerdings auch ein ziemlich anstrengendes Maß an Aufstieg gesetzt. Denn jeder der gut 1700 Höhenmeter muss erst einmal hinaufgestapft werden, und das ist bei morgendlich noch meist hart gefrorener Aufstiegsspur nicht immer das reinste Vergnügen.

Der Hocharn ist kein Berg für Skitouren-Neulinge: Es braucht ein gewisses Maß an Kondition und Erfahrung, um diese Tour auch wirklich genießen zu können. Und nur wer vor Tau und Tag den Anstieg unter die Felle nimmt, wird in der Abfahrt feine Bedingungen erwischen. Die gesamte Aufstiegs- und Abfahrtsflanke ist südostseitig ausgerichtet, sodass der Firn schon früh am Tag reif ist.

An diesem wunderbaren Februartag hatte uns der Hocharn leichten flockigen Pulverschnee vom Gipfel bis ins Tal aufgetischt, eine Orgie, die wir nur dank der niedrigen Lawinenwarnstufe ungetrübt genießen konnten. Seither habe ich den Hocharn nie mehr wieder mit solchen Verhältnissen vorgefunden. Dennoch bietet der Gipfel auch und gerade bei Firn bis in den Mai hinein herrliche Abfahrtsfreuden.

Robert Demmel

"Für mich ist der Hocharn der perfekte Skiberg: steiler Anstieg und

rasante Abfahrt." Robert Demmel.

| © ALPIN

Und ganz nebenbei gibt es ja auch noch zwei zauberhafte Alternativen: Da wäre einerseits der benachbarte Sonnblick mit dem zur Skitourenzeit bewirtschafteten Zittelhaus am Gipfel. Mit einer Übernachtung in der Hütte lassen sich beide Gipfel zu einer tollen Wochenendrunde verbinden.

Und auf ausgewiesene Experten wartet am Hocharn die Abfahrt durch die steile Nordflanke hinunter ins wilde Krumltal, die allerdings wegen der häufigen Lawinengefährdung erst für das späte Frühjahr zu empfehlen ist.

Egal ob Pulver oder Firn, der Hocharn ist und bleibt einer meiner ganz persönlichen Traumberge, auch weil ich seinen Gipfel aus dem Küchenfenster meiner kleinen Berghütte sehen kann.

ALPIN Tour 1

Hocharn, 3254 m

Einer der grandiosesten Skiberge der Ostalpen.

Karte Hocharn

Übersichtskarte Hocharn und Hoher Sonnblick.

| © ALPIN

Schwierigkeit: Skitour, mittel

Dauer: 4 ½ – 5 Stunden

Höhenmeter: 1710 Hm

Beste Zeit: März und April

Talort: Rauris, 950 m

Ausgangspunkt: Parkplatz Lenzanger, 1550 m

Route: Vom Parkplatz Richtung Kolm-Saigurn bis zur Brücke über die Hüttwinklache (Wegweiser Erfurter Weg). Nach SW über den flachen Talboden in einen Winkel unter zwei Klammen. Nach links über eine Steilstufe in freies Gelände unter der Sonnblick-Nordwand. Dort rechts ansteigend queren in die Mulde unter dem Pilatuskees. Nun nach NW über steile Hänge auf das Hocharnkees und im Bogen nach Westen zum Gipfel.

ALPIN Tour 2

Über den Sonnblick auf den Hocharn

Sonnblick und Hocharn sind zwei wunderbare Skitourenberge, eine Kombination von beiden gibt ein Skitouren-Wochenende der Extraklasse.

Schwierigkeit: Skitour, mittel

Dauer: 9 – 10 Stunden (2 Tage)

Höhenmeter: 2340 Hm

Hütte und Einkehrmöglichkeit: Vorhanden

Ausgangspunkt: Parkplatz Lenzanger, 1550 m.

Talort: Rauris, 950 m.

Gehzeiten: Lenzanger – Schutzhaus Neubau 2 Std., Schutzhaus Neubau – Rojacherhütte 1 ½ Std., Rojacherhütte – Sonnblick 1 ½ Std., Abfahrt zum Zirmsee, Zirmsee – Hocharn 2 ½ Std.

Beste Zeit: März und April.

Einkehr: Schutzhaus Neubau, 2176 m, Naturfreunde, zur Skitourensaison ab Mitte April bis Ende Mai am Wochenende bewirtschaftet, Tel. Hütte +43 6544 8181, mobil +43 664 9462937, schutzhaus-neubau.at

Ausrüstung: Skitourenausrüstung

Route: Vom Parkplatz Lenzanger längs der Fahrstraße nach Kolm-Saigurn zum Naturfreundehaus. Gleich hinter der Hütte geht’s Richtung SO in den Wald, dort steil und engräumig empor, vorbei am Barbarafall zu einer Geländeverflachung unter den Melcherböden. Richtungswechsel nach W und S und durch den Maschingraben (oder links davon) empor zum Schutzhaus Neubau.

Vorbei am alten Radhaus (Bergbau-Ruine) Richtung S und durch den flachen Boden auf einen markanten Rücken vor der Gletscherzunge. Dem Rücken folgend nach SW, später nach NW und in einer Schleife zur kleinen Rojacher Hütte. Von dort nach W auf das Vogelmaier Ochsenkarkees, über eine felsdurchsetzte Stufe auf die Goldbergspitze zu und nach N auf den Gipfel des Sonnblick mit Wetterwarte und Zittelhaus (Übernachtung).

Andertags über das Kleinfleißkees unter der Pilatusscharte vorbei zum Zirmsee abfahren und südlich am See vorbei gegen den Südgrat des Hocharn aufsteigen. Über den Gratkamm auf das Hocharnkees und von Süden her zum Gipfel. Abfahrt über die steilen Südosthänge unter die Nordwand des Sonnblick und nach NO hinaus nach Kolm-Saigurn.

Den GPS-Track der Tour finden Sie hier.

ALPIN Info

Info: Tourismusverband Rauris, Sportstraße 1, A-5661 Rauris, Tel. +43 6544 20022, raurisertal.at

Anreise: Über Salzburg und Tauernautobahn (A 10) bis zum Knoten Pongau, weiter auf der B 311 bis Taxenbach. Durchs Rauriser Tal bis zum Bodenhaus, von dort Mautstraße (etwa ab Mitte März geöffnet, evtl. Schneeketten) bis zum Parkplatz Lenzanger.

Hütte: Zittelhaus, 3105 m, ÖAV-Sektion Rauris, zur Skitourensaison ab Anfang März bis Mitte Mai bewirtschaftet, ansonsten Winterraum (Schlüssel in der Wetterwarte nebenan), Tel. Hütte +43 6544 6412, Tel. Tal +43 664 1413070 oder +43 664 5218237, zittelhaus.at

Unterkünfte Tal: Berggasthof Ammererhof in Kolm-Saigurn, 1628 m, privat, während der gesamten Skitourensaison bewirtschaftet, Tel. +43 6544 8112, ammererhof.at

Naturfreundehaus Kolm-Saigurn, 1600 m, während der gesamten Skitourensaison bewirtschaftet, Tel. +43 6544 8103, sonnblickbasis.at

Bergführer: Wolfgang Rohrmoser, Tel. +43 664 4153923, bergwolf.at

Literatur: Andrea und Andreas Strauß: Große Skitouren Ostalpen, Bergverlag Rother, 2015.

Karte: AV-Karte, 1: 25 000, Blatt 42, Sonnblick (mit Skirouten).

Text von Robert Demmel

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