Eine halbe Million Besucher tummeln sich jedes Jahr auf der Zugspitze. Die meisten fahren vormittags mit der Seilbahn hinauf. Drei Freunde wollten den Trubel umgehen und haben sich ganz früh auf den Weg gemacht.

Die Frage kommt jedes Mal wieder: "Ihr wollt da nachts hoch?" Ich, verunsichert: "Ähm, ja." "Aber … warum!?!" Die Blicke, die ich für unsere Zugspitze-by-night-Idee ernte, sind meist ungläubig. Aus manchen spricht Unverständnis, in wenigen erkenne ich so etwas wie Neid.

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Komisch, denn als mir ein alter Schulfreund vorschlug, den höchsten Berg Deutschlands zum Sonnenaufgang zu besteigen, kam mir das überhaupt nicht verrückt vor. Es klang einfach nur nach einer schönen Idee.

Startklar: die drei Freunde am Wanderparkplatz Hammersbach.

| © Hanna Engler

An einem Freitag im Juli setzen wir diese in die Tat um – die Tourenbedingungen sind einfach hervorragend! Eine Sommernacht mit sicheren Gletscher-Verhältnissen und stabil angekündigtem Wetter ohne Gewitter, Kälteeinbruch oder Nebel.

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In Hammersbach stellen wir das Auto ab – darin alles, was wir brauchen: Rucksack, Bergschuhe, Klettersteigset samt Gurt und Helm, Karte, GPS, Verpflegung und natürlich Stirn- und Taschenlampen.

Ich bin aufgeregt, so kurz vor dem Start. Matthias ist die Tour durch die Höllentalklamm, über den Gletscher und den Klettersteig bis zum Zugspitz-Gipfel schon öfter bei Tag gegangen. Das gibt uns beim Losgehen Sicherheit. Nachts sieht alles anders aus – mystischer, merke ich gleich nach den ersten Schritten, die uns aus Hammersbach (758 m) heraus am gleichnamigen Fluss entlang nach oben führen.

Bis zur Höllentalangerhütte sind die markierten Wege gut zu sehen.

| © Hanna Engler

Wie erhofft, haben wir den Weg für uns. Die Wolken hängen vor dem Mond, bei jedem zweiten Schritt habe ich das Gefühl zu fallen. Doch nach einer Weile gewöhne ich mich an die Dunkelheit und laufe sicherer.

Etwas aber schwirrt noch in meinem Kopf herum: Ob es so klug ist, in der Nacht einen Berg hochzugehen? Bringen wir uns selbst in Gefahr? Sicher, im Gebirge kann zu jeder Zeit etwas passieren, auch tagsüber und bei perfekten Tourenbedingungen. Ein Restrisiko geht jeder Bergwanderer ein.

Wir haben auf die bestmöglichen Bedingungen gewartet. Und wir sind gut ausgerüstet, im Notfall auch für ein Biwak. Dazu sind wir konditionell fit, Matze kennt die Route – und schon allein aus Respekt gegenüber der Natur und den Lebewesen der Alpen bleiben wir auf dem breiten Zustiegsweg.

Nein, schiebe ich meine Bedenken beiseite. Heute Nacht muss keiner von uns von der Bergwacht gerettet werden, wir wollen niemand anderen in Gefahr bringen oder Kosten verursachen; wir wissen um die Risiken, sind vorsichtig, gehen nicht überhastet, machen genügend Pausen. Ich bin beruhigt und kann das Unterwegssein wieder genießen.

Auch in der Höllentalklamm ist der Weg dank Beleuchtung kein Problem.

| © Hanna Engler

Im Schein der Stirnlampe ist das Sichtfeld eingeschränkt und der Blick fokussiert. Plötzlich hält Marcel vor mir an: "Schaut mal", sagt er. Ein schwarzer Alpensalamander liegt regungslos im Lichtkegel. Wir sind alleine auf einem der beliebtesten Wege zur Zugspitze, alleine mit der Nacht, der Natur, der Stille, den Sternen.

Ich schalte das künstliche Licht aus, atme tief ein und schaue mich um: Selbst im Dunkeln kann man hier etwas sehen – überall. Im weichen Licht spiegeln die Felswände ganz andere Geschichten wider als die, die sie bei Tage erzählen.

Natürlich liebe auch ich die grünen Wiesen, schroffen Felsen und blauen Bäche der Alpen. Aber das, was ich jetzt hier erlebe, das ist mehr als purer Naturgenuss: Es ist Demut, die mich befällt, als ich bei ganz wenig Licht die Größe zu erahnen versuche, in der ich mich bewege, eine ganz leichte Angst, die mich konzentriert jeden Schritt fast wie im Rausch hinauflaufen lässt, und das Gefühl, ganz allein mit Freunden am Berg zu sein – ohne Hunderte anderer Gipfel-Sammler.

Sonnenaufgang im Wetterstein.

| © Hanna Engler

Nach einer knappen Stunde kommen wir am Eingang der Höllentalklamm an (1047 m). Es ist nass. Einige Tunnel sind beleuchtet und sehen in der Ferne aus wie Lichtschlangen. Was für ein Flair! Das ist es doch, was wir Menschen suchen, die in die Berge gehen: das Außergewöhnliche, das Andere.

Ich stehe mit dem Rücken am Fels, unter mir die tiefe Schlucht mit dem laut rauschenden Fluss, über mir der mit Sternen übersäte Himmel. Unvergesslich. Ich fühle mich klein, alles andere scheint so weit weg, jeder Moment ist unglaublich erlebenswert.

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Text von Hanna Engler

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