Es ist ein Erlebnis, über die riesigen weißen Eisströme zu schreiten, Schmelzwasserbäche zu überspringen und an glitzernden Spaltenwänden entlang zu defilieren. Nur hineinfallen in die Löcher und fünfhundert Jahre später wieder ausgespuckt werden, das mag mit Recht niemand. Wir zeigen Ihnen, wie Sie einen Gletscher sicher begehen.

Spätestens am Gletscher wird der Gurt angezogen.
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Die übliche Notfallausrüstung ist sowieso dabei! Aber damit ist es auf Hochtouren nicht getan. Zusätzlich müssen Steigeisen, Pickel (ca. 60 cm lang) und gegebenenfalls ein Helm im Rucksack sein. Ein leichtes, imprägniertes 50-Meter-Einfachseil dient uns als Lebensretter.

Ist die Gefahr eines Sturzes über eine Felskante nicht gegeben, so wird die Verwendung eines Halbseils am Gletscher möglich. Allerdings holen die neuen Einfachseile in puncto Gesamtgewicht immer mehr auf und die Vorteile in puncto Sicherheit überwiegen bei der Verwendung.

Die Entwicklung der Gurte im Bergsport ging in den letzten Jahren zügig voran. Leicht, bequem in der Anwendung und ein gutes Handling zeichnen moderne Gurte aus. Wir verzichten weitgehend auf die klassische Brust-Sitzgurt-Kombination und genießen den Komfort, den uns ein reiner Hüftgurt bietet.

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Nicht nur der Tragekomfort spielt hier eine Rolle. Im Falle eines Spaltensturzes läuft man, durch den tiefer liegenden Anseilpunkt, weniger Gefahr nach vorne gerissen zu werden. In Einzelfällen macht aber die Verwendung eines Brustgurts noch durchaus Sinn, etwa bei Kindern, unterwegs mit schweren Rucksäcken oder wenn der Anseilpunkt partout nicht mehr im Bereich des Körperschwerpunkts bleiben will, sondern von der wohlverdienten Weizenbierlagerstätte verdrängt, etwas nach unten ausweicht.

Die Anseilart

war in den letzten Jahren immer wieder gut für Diskussionen. Knotenlösungen, ein oder gar zwei Schraubkarabiner gegengleich eingehängt zur Erlangung von Redundanz wurden angesprochen.

Viele Mittel sind uns recht - wir wollen nur, dass im Falle eines Falles der Gestürzte am Seil hängen bleibt und sich die hoffentlich an der Gletscheroberfläche verbleibenden Personen leicht und schnell vom Seil lösen können, um die Bergung durchzuführen.

Der Gurt wird spätestens - und hier aber sicher - am Gletscherrand angezogen.

Kühnen Schrittes

Jetzt muss man einen möglichst sicheren Weg suchen.

wird auf den Modebergen der guten Spur vertraut, kleinere Sprünge über Spalten gewagt und manchmal hat man ja auch Glück, wenn man ohne Seil unterwegs ist. Dennoch - das Seil kommt spätestens zur Verwendung, wenn man am Gletscher die Firnauflage betritt, es frisch geschneit hat und die Spalten von kleinen Brücken überdeckt sind oder wenn die Sicht kein vorausschauendes Gehen ermöglicht.

Besondere Vorsicht ist an den Tag zu legen, wenn aufgrund der Tageserwärmung eine Aufweichung der Schneedecke statt findet. Die Brückenüberdeckung der Gletscherspalten verliert dann an Stabilität. Am aperen Gletscher - auf blankem Eis unterwegs - ist die Verwendung des Seils nicht notwendig.

Raupentechnik

So oder ähnlich kommt es uns vor, wenn 12 Personen, angekettet an ein 50-Meter-Seil, sich raupenartig nach oben bewegen. Die Vordersten bewegen sich, während die Hinteren stehen und warten, was geschieht.

Kommt das Seil auf Spannung, wird angetrabt, und ist man im Gehen, stehen die Ersten schon wieder. Von Fortbewegungsqualität brauchen wir bei großen Gruppen also nicht sprechen. Der Zeitbedarf ist ein weiteres Manko solcher Mannschaften.

Dabei behindern sie sich nicht nur selbst, sondern es kommt auch schon mal für andere Gruppen zu ungünstigen Situationen. Eine kluge Gruppengröße übersteigt sieben Personen nicht. Der Zeitbedarf ist überschaubar und für einen Führer gut zu leiten.

Als brauchbare Regel

Jetzt heißt es erstmal sich herauskämpfen.

bezüglich der Abstände hat sich 8 - 10 - 12 ergeben. Je mehr Personen am Seil desto kürzer sollten die Abstände gewählt werden. Dabei sprechen wir nicht von der ausgegebenen Seillänge, sondern von der tatsächlichen Distanz zwischen den Personen.

Beim Ablängen des Seils ist der Bedarf für Anseil- und bei 2erund 3er-Seilschaften auch der für Bremsknoten hinzuzuzählen. Pro Knoten kann man mit gut 50 cm Seilverbrauch rechnen. Den Sackstich als Bremsknoten legen wir jeweils in der Mitte zwischen den Personen an, dann je einen weiteren im Abstand von 1,5 Metern nach vorne und nach hinten platziert.

Der Zweierseilschaft wird eine Distanz von mindestens 12 Metern (und manchmal auch etwas mehr) zugesprochen. Dieser Seilschaftsform wird bei Gletschertouren, hinsichtlich eines Spaltensturzes, das größte Risiko zugesprochen. Eine Person muss dabei den Sturz halten, in der Lage sein eine Verankerung zu bauen und gegebenenfalls auch die Bergung durchzuführen. Diese Aufgaben teilen sich bei größeren Gruppen natürlich auf mehrere Personen auf.

Bei einer Dreierseilschaft sind bereits 10 Meter ausreichend und ab einer höheren Anzahl können wir die Distanz auf acht Meter verringern bzw. wird bei einer starken Gruppe das gesamte Seil zu gleichen Teilen aufgeteilt.

Die Distanzempfehlung

sollte eingehalten werden. Es gibt dabei nämlich eine Tücke. Wird mit dem Seil zu sehr geprasst bzw. bei seiner Gesamtlänge gespart, kann es im Falle einer notwendigen Bergemaßnahme dazu kommen, dass das Seil zu kurz ist (mehr dazu in ALPIN 07/2008 ). Das bei kleineren Gruppen entstehende Restseil wird am besten im Rucksack verstaut.

Das Seil in Schlingen um die Schulter getragen, ist am Gletscher eher hinderlich und mehr dem Bereich Gehen und Klettern am Felsgrat zugeordnet. Dort findet diese Art und Weise des Seilmanagements bei qualifizierten Führern seine Anwendung.

Die größte Crux,

Die T-Bloc ist eine einfache und leichte Seilklemme.

warum ein Seil nicht verwendet wird, liegt am Umstand der Bequemlichkeit der Anwender. "Zu lästig, hinderlich, Kräfte raubend, es ist eh eine Spur vorhanden", so oder ähnlich klingen die Argumente gegen eine Seilverwendung.

Tatsächlich gehört eine gewisse Seildisziplin bei der sachgemäßen Verwendung dazu. Das Seil darf auf keinen Fall in Schleifen in der Hand getragen werden, nur um besser mit dem Kollegen plaudern zu können. Ist man im normalen Schritt unterwegs, so berührt das Seil knapp den Boden.

Erkennt der Führende eine drohende Spaltenzone, dann wird das Seil gestrafft. Zum Erkunden bzw. beim Überqueren von komplexen Spaltenzonen kann es auch sein, dass der Führende und die Nachfolgenden auf Spannung genommen werden.

Diese Fortbewegung durch Gletscherbrüche kostet sehr viel Zeit und sollte weitgehend vermieden werden - kann aber zu Übungszwecken auch Spaß machen.

Spaß ist es auch, der uns in die Berge treibt. Vergnügen erlangen, Glück verspüren und mit Freude das nächste Mal wiederkommen und einen weiteren Gipfel über einen tollen Gletscher ersteigen. Wer bis hierher gelesen hat und die Empfehlungen auch in die Tat umsetzt, hat gute Chancen auf ein Wiedersehen.

Text: Paul Mair/mc2alpin

Aus ALPIN 06/08

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